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Steinmeier in Polen : Die Rede des Bundespräsidenten im Wortlaut

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei den zentralen Gedenkfeierlichkeiten Polens zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Bild: dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat an der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Kriegsbeginns in Warschau teilgenommen. Lesen Sie hier seine Rede im Wortlaut.

          4 Min.

          Es gibt keinen anderen Platz in Europa, auf dem es mir so schwer fällt, meine Stimme zu erheben. In meiner deutschen Muttersprache das Wort an Sie alle zu richten.

          Verehrter Staatspräsident Duda, ich stehe hier in Demut und in Dankbarkeit. Sie haben mich eingeladen, mit Ihnen, mit Ihren Landsleuten zu gedenken.

          Heute vor achtzig Jahren überfiel mein Land, Deutschland, sein Nachbarland Polen – Ihr Heimatland. Meine Landsleute entfesselten einen grausamen Krieg, der mehr als fünfzig Millionen Menschenleben kosten sollte, unter ihnen Millionen polnische Bürgerinnen und Bürger.

          Dieser Krieg war ein deutsches Verbrechen.

          Davon zeugt die Geschichte dieses Ortes. Vom ersten Tag des Krieges an nahmen die Deutschen Warschau unter Beschuss. Jahrelang wüteten sie in dieser Stadt. Sie machten ganze Stadtviertel dem Erdboden gleich. Sie deportieren ihre Bewohner. Sie ermordeten Männer, Frauen und Kinder. Polen, seine Kultur, seine Städte, seine Menschen – alles Lebendige sollte vernichtet werden.

          Der Terror begann in Wieluń – ein Ort, von dessen Schicksal bis heute viel zu wenige in meinem Land wissen. Heute Morgen haben wir, verehrter Präsident Duda, dort gemeinsam der ersten Opfer des deutschen Überfalls gedacht.

          Oft bemühen wir den Begriff "unermesslich", wenn wir diesen Krieg beschreiben. Wir sprechen vom unermesslichen Leid, das Deutschland über Europa gebracht hat. Ermessen können wir das Leiden tatsächlich nicht. Aber "unermesslich" bedeutet nicht, dass wir von dem Bemühen befreit sind, das Leiden der Opfer mitzufühlen.

          Nein, die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Je länger dieser Krieg zurückliegt, desto wichtiger wird das Erinnern. Ein Krieg ist beendet, wenn die Waffen schweigen. Seine Folgen aber sind ein Erbe für Generationen.

          Dieses Erbe ist ein schmerzhaftes Erbe. Wir Deutsche nehmen es an, und wir tragen es weiter.

          Als deutscher Bundespräsident gemeinsam mit der deutschen Bundeskanzlerin sagen wir heute allen Polinnen und Polen: Wir werden nicht vergessen. Wir vergessen die Wunden nicht, die Deutsche Polen zugefügt haben. Wir vergessen das Leiden der polnischen Familien ebenso wenig wie ihren Mut zum Widerstand. Wir werden niemals vergessen. Nigdy nie zapomnimy!

          Vor über eintausend Jahren kam der erste deutsche Gast nach Polen. Jener Gast mit Namen Otto, er trat barfuß in dieses Land als einfacher Pilger im Zeichen von Frieden und Demut.

          Ebenso stehe ich heute barfuß vor dem polnischen Volk, als Mensch, als Deutscher, beladen mit großer historischer Last.

          Nichts kann die Vergangenheit ungeschehen machen. Worte können den Schmerz nicht heilen. Taten können das Verlorene nicht zurückbringen.

          Ich stehe barfuß vor Ihnen – doch ich bin beseelt vom Geist der Versöhnung, den Polen uns geschenkt hat!

          Dort steht das Kreuz, dort rief der polnische Papst am Pfingstfest vor 40 Jahren in die Menge: "Sende aus deinen Geist und erneuere das Angesicht der Erde! Dieser Erde!"

          Diese Erde, diesen Kontinent hat Polen erneuert.

          Es ist Polens Geist – es ist Euer Geist der Befreiung, der den Eisernen Vorhang zerrissen hat. Es ist Euer Geist der Versöhnung, der uns Deutschen den Neubeginn geschenkt hat. Es ist Euer Geist der Erneuerung, in dem wir gemeinsam in ein neues, ein friedliches Europa gelangt sind. Dieser Geist, er soll auch heute von diesem Platz in die Welt hinauswehen!

          Schaut auf das Grabmal des Unbekannten Soldaten! Schaut auf den Heldenmut und die unbezwingbare Freiheitsliebe der polnischen Nation – sie stehen als leuchtendes Beispiel für die vielen stolzen Nationen Europas, die heute hier versammelt sind.

          Schaut auf die Staatsgäste aus vierzig Ländern! Sie alle, deren Vorfahren in jenem Krieg gekämpft und gelitten haben, sie zeigen heute miteinander, dass der Wille zu einer gemeinsamen Zukunft stärker ist als die trennende Kluft der Vergangenheit.

          Und schaut auch auf dies: Dass auf diesem Platz, an diesem Tag ein deutscher Präsident vor Ihnen stehen und sprechen darf – das zeigt das lebendige Wunder der Versöhnung.

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