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„Die Obamas“ : Lustige Kerle im West Wing

  • -Aktualisiert am

„Die stärkste Verbündete des Präsidenten bin ich selbst“, sagt Michelle Obama Bild: dapd

Michelle Obama sieht sich nicht als zornige schwarze Frau. Ein Buch über das amerikanische Präsidentenpaar beschreibt die politische Beziehung der Gatten und Konflikte mit Mitarbeitern.

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          Jetzt hat sich Michelle Obama doch geäußert: Seit jenem Februartag des Jahres 2007, als ihr Mann seine Präsidentschaftskandidatur verkündete, sei sie immer wieder als "zornige schwarze Frau" hingestellt worden, sagte sie dem Sender CBS. Es sei offenbar interessanter, sich "eine konfliktgeladene Situation" vorzustellen, als nüchtern Sachauseinandersetzungen darzustellen. Doch das Buch "The Obamas", das am Mittwoch nach ausführlichster Vorabberichterstattung endlich erschienen ist und über das die First Lady tatsächlich ein wenig zornig zu sein scheint, will sie gar nicht gelesen haben: "Ich lese solche Bücher nie."

          Kampf um die Botschaft

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Doch die Autorin, Jodi Kantor von der "New York Times", bestreitet, dass es sich überhaupt um ein "solches Buch" handle. Zu Unrecht hätten Rezensenten ihr unterstellt, dass sie die Frau des Präsidenten als "zornige schwarze Frau" beschrieben habe. Auch habe sie für das Buch weder mit der First Lady noch mit dem Präsidenten reden können - wohl aber mit fast drei Dutzend gegenwärtigen und früheren Mitarbeitern der Obamas sowie mit Kabinettsmitgliedern. Allerdings hatten Barack und Michelle Obama im September 2009 der Reporterin ein Interview für ein Doppelporträt gewährt, das damals im "New York Times Magazine" erschien.

          Wer eine Klatschgeschichte mit rassistischem Unterton erwartet hat, sieht sich getäuscht. Vielmehr hat Jodi Kantor die "politische Beziehung" zwischen Barack Obama und seiner Frau, vor allem aber den Konflikt zwischen den Mitarbeitern des Präsidenten im West Wing des Weißen Hauses und dem Stab der First Lady im East Wing geschildert. Es geht um unterschiedliche Auffassungen von der Durchsetzung politischer Ziele, es geht um die Botschaft, die vom Weißen Haus ans (Wahl-)Volk gehen soll.

          Vorturnerin im Sportdress

          Der Konflikt zwischen Obamas erstem Stabschef Rahm Emanuel sowie Präsidentensprecher Robert Gibbs und Michelle Obamas "Sozialsekretärin" Desirée Rogers entspann sich schon am Tag der Amtseinführung, am 20. Januar 2009. Frau Rogers wollte, dass das Weiße Haus in neuem Glamour erstrahle, ihr schwebte vom ersten schwarzen Präsidentenpaar ein Image nach dem Vorbild der Kennedys in den sechziger Jahren vor. Sie überredete Michelle Obama, sich für das Titelbild der "Vogue" und anderer Hochglanzzeitschriften ablichten zu lassen. Und sie versäumte es, die First Lady vor dem Image-Risiko eines Luxusurlaubs in Spanien mit teurer Strandkleidung zu warnen.

          Gibbs war besorgt, dass derlei Glamour in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression der dreißiger Jahre nicht die rechte Botschaft sei. Desirée Rogers verließ das Weiße Haus im Februar 2010, und seither tritt First Lady Michelle Obama vor allem als Vorturnerin im Sportdress im Kampf gegen Dickleibigkeit bei Kindern, als Advokatin für gesunde Ernährung bei der Gartenarbeit oder als Anwältin für die Belange von Kriegsveteranen auf.

          Nie ein böses Wort gefallen?

          Ob es zwischen Emanuel und Gibbs auf der einen und Michelle Obamas Vertrauten auf der anderen Seite tatsächlich zu den in Jodi Kantors Buch beschriebenen Schreiduellen gekommen ist, können nur die Mitarbeiter im Weißen Haus mit Bestimmtheit sagen. Die Autorin berichtet von Flüchen und wüsten Schimpftiraden auch gegen die First Lady selbst. Michelle Obama dagegen sagt, zwischen ihr und Gibbs oder Emanuel sei "nie ein böses Wort gefallen". Emanuel, inzwischen Bürgermeister von Chicago, sei doch ein "lustiger Kerl".

          Doch mit der Politik der kleinen Schritte und der unschönen Kompromisse mit einem widerspenstigen Kongress kann sich Michelle Obama offenbar nicht anfreunden. In der Schilderung Jodi Kantors jedenfalls erscheint sie als politische Frau, die an die transformierende Kraft von Ideen und Visionen glaubt - wie jene von einer Krankenversicherung für alle Amerikaner. Im politischen Kleinkrieg von Washington und auch im Wahlkampf für seine Wiederwahl aber sieht sie den Präsidenten zu einem konventionellen Politiker werden, der Zugeständnisse machen muss. Die Hauptakteure im Buch - Desirée Rogers, Rahm Emanuel und Robert Gibbs - haben das Weiße Haus längst verlassen. Doch Michelle Obama sagt ohnehin, die "stärkste Verbündete des Präsidenten" sei sie selbst - und dazu "eine seiner wichtigsten Vertrauten". Auch für den Präsidentschaftswahlkampf in diesem Jahr werde sie ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen.

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