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Die Macht des Internets : Gefährlicher als ein Waldbrand

  • -Aktualisiert am

Gefahr für die Demokratie? Die Macht von Hackern scheint zuzunehmen. Bild: dpa

Trump regiert via Twitter, Fake News vergiften das Klima. Die Hoffnung auf die positive Kraft des Internets schwindet – vor allem in diesem wichtigen Jahr.

          Vor einem halben Jahrzehnt trafen durch Zufall der Zeitläufte zwei wichtige Vorgänge zusammen: der Arabische Frühling und die weltweite Verbreitung des Smartphones. Nicht nur in hochentwickelten, reichen Ländern hatten die Menschen rund um die Uhr und an fast jedem Ort Zugang zum Internet und zu seinen Kommunikationsplattformen, sondern auch in den weniger wohlhabenden Ländern Nordafrikas und der arabischen Welt.

          So konnte das im Netz verbreitete Video von der Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Tunesien einen entscheidenden Beitrag zur Auslösung der Arabellion leisten. Vor allem in freiheitlichen Ländern wurde das vielfach interpretiert als ein positiver Beitrag der neuen technischen Errungenschaft der Menschheit im Kampf gegen Unterdrückung und für Demokratie.

          Anwender entscheiden über Auswirkungen des Internets

          Ein halbes Jahrzehnt später ist nicht nur der Blick auf den Arabischen Frühling kritischer als zu seinem Beginn, weil das Aufbegehren in mehreren Ländern keineswegs durchweg in demokratische Verbesserungen mündete.

          Auch der Blick auf die revolutionäre Kraft des Internets hat sich verändert. Es hat sich als politisch neutrale Technik erwiesen. Echte oder gefälschte Nachrichten wurden auf den Smartphones der arabischen und der afrikanischen Welt empfangen und unterstützten eine Fluchtbewegung, die in Europa zu fundamentalem Streit geführt hat. Im amerikanischen Wahlkampf wurden die Wähler über eine massenhafte Auswertung ihres Verhaltens in sozialen Netzwerken analysiert und anschließend mit zutreffenden und nicht zutreffenden Informationshappen konfrontiert.

          Ob damit der Freiheit und der Demokratie gedient ist oder nur dem Machtstreben einer kleinen Zahl, entscheiden ganz allein seine Anwender – nicht nur diejenigen, die möglicherweise in übler Absicht falsche Fährten in den Hochgeschwindigkeitsleitungen des Netzes legen, sondern auch diejenigen, die bereitwillig massenhaft diesen Fährten hinterherlaufen.

          Der Mensch muss technische Möglichkeiten nach deren Entdeckung oder Entwicklung erst beherrschen und dann nutzen lernen. Das ist so, seit er Feuer entfachen kann. Trotz aller Verwüstungen, die Feuersbrünste angerichtet haben, trotz der tödlichen Anwendung von Feuerwaffen kann die Menschheit doch froh sein, dass es Feuer gibt. Es diente dem Menschen ungleich öfter zur Zubereitung von Nahrung oder zur Heizung seiner Höhlen und Häuser, als dass es ihn vernichtete.

          Mit anderen Techniken verhält es sich ähnlich. Auch wenn allein in Deutschland Jahr für Jahr einige tausend Menschen bei Autounfällen ums Leben kommen, so überwiegt der Nutzen dieser Erfindung doch bei weitem. Allerdings dauert es, bis der Mensch eine neue, allemal eine revolutionäre Technik so beherrscht. Als das Auto in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zum individuellen Transportmittel der Massen wurde, starben bei Unfällen viel mehr Menschen als heute. Erst mussten sich sowohl das Verhalten als auch die technischen Sicherheitsvorkehrungen verbessern.

          Internet und Smartphone lassen aufgrund ihrer rasanten Entwicklung und weltweiten Verbreitung dem Menschen so wenig Zeit wie keine technische Erfindung zuvor, um sie unter Kontrolle zu bringen. Das wird dadurch noch schwieriger, dass die Sonnenseite des Netzes für jedermann ohne größeren Lernprozess erfahrbar ist. Schon Stunden nach dem Kauf seines ersten Smartphones kann dessen Besitzer auf vielen Wegen kommunizieren, weltweit Wissen abrufen, neue Schuhe bestellen, Musik hören oder Filme von sich verbreiten.

          Unklare Bedrohungen mit unklarem Ausmaß

          Wer möchte da schon an Risiken denken, zumal diese weit weniger unmittelbar daherkommen als die Gefahr durch eine Waffe oder ein havariertes Atomkraftwerk. Genau das aber macht die Herausforderung besonders groß. Die Bedrohungen durch die Allgegenwart des Hochgeschwindigkeitsmediums Internet ist zunächst schwer zu erkennen. Auch nicht das Ausmaß. Bis jetzt ist nicht geklärt, ob die Verbreitung falscher Nachrichten über das Netz den Ausgang der amerikanischen Wahl entscheidend beeinflusst hat.

          Unklar ist auch, inwieweit sich der Wähler durch seine Spuren im Internet so durchschaubar macht, dass er zur leichten Beute für Manipulationen im Wahlkampf (und auch im Rest seines Lebens) wird. Mit diesem mulmigen Gefühl geht Deutschland zum ersten Mal in einen Bundestagswahlkampf.

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          Das allgegenwärtige Internet taugt also nicht nur für die Unterstützung der unterdrückten Massen in autoritären Regimen. Es kann auch zum Werkzeug der Erosion in gefestigten Demokratien werden.

          Das kann gezielt geschehen durch Kräfte, die sich einen Vorteil im Meinungskampf erhoffen. Das kann aber auch ungewollt passieren, wenn eine Empörung gegen „die da oben“, die es in der gesamten Geschichte des Zusammenlebens der Menschheit in kultivierten gesellschaftlichen Gefügen gegeben hat, ungefiltert und massenhaft veröffentlicht wird, bis selbst die Fundamente gut funktionierender Gemeinwesen erschüttert werden. Das wäre viel bedrohlicher als Waldbrände oder Autounfälle.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

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