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Die Lage in Nordkorea : Marodes Nordkorea

Leben im Land ohne funktionierende Infrastruktur: Nordkoreaner beim Fischen Bild: AFP

          2 Min.

          Auch nach der Verkündung der gemeinsamen Erklärung zum Abschluss der Sechsergespräche über das nordkoreanische Atomprogramm bleiben viele Fragen offen. Eine betrifft den innenpolitischen Hintergrund, der die Delegation aus Pjöngjang in Peking der Erklärung hat zustimmen lassen. Zwar sind wirklich belastbare Informationen aus dem Reich Kim Jong-ils kaum zu bekommen. Aber professionelle Nordkorea-Beobachter sind sich zumindest in einer Hinsicht einig: Die von den Vereinigten Staaten initiierten Maßnahmen zur Sperrung nordkoreanischer Konten in Macao haben die Führung in Pjöngjang wirklich geschmerzt.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Wurde auf diese Weise also die Führung direkt getroffen, wird die allgemeine wirtschaftliche Lage des Landes weiterhin als sehr schwierig eingeschätzt. Das Beharren der nordkoreanischen Verhandlungsdelegation auf Öllieferungen erklärt sich aus der verheerenden Versorgungslage im Land. Die Betriebe könnten höchstens mit 20 Prozent ihrer Kapazität arbeiten, weil für mehr nicht genügend Strom zur Verfügung stehe, sagt Patrick Köllner vom Hamburger Institut für Asienkunde. Aber es fehle nicht nur an Rohstoffen. Auch das Leitungsnetz sei in einem derart beklagenswerten Zusand, dass von dem wenigen eingespeisten Strom noch ein Teil gar nicht beim Endverbraucher ankomme.

          Versorgungslücken klaffen überall

          Die Infrastruktur des Landes ist offenbar dermaßen marode, dass selbst die zugesagten bis zu einer Million Tonnen Öl lediglich die schlimmsten Lücken schließen könnten. Für große Investitionen fehlt der Regierung das Geld. Hier richtet sich der hilfesuchende Blick dann schnell auf Südkorea. In Seoul hat zwar die Nordkorea-Begeisterung durch Raketen- und Atomtests nachgelassen. Aber Südkorea begreift seine Unterstützung für die Landsleute im Norden hauptsächlich als Investition in die Zukunft. Irgendwann, so die Kalkulation, werde es zu einer Wiedervereinigung kommen. Und alles das, was man vorher aufgebaut habe, koste nachher kein Geld mehr.

          Leise Einsicht in die Schwierigkeit der eigenen Situation scheint es im übrigen auch bei der Führung in Pjöngjang zu geben. Zumindest hat sie vor einigen Jahren zaghafte Wirtschaftsreformen erlaubt. Dies allerdings nicht aus Überzeugung, sondern aus schierer Not, glaubt Hanns-Günter Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Das System zentraler Verteilung von Lebensmitteln habe einfach nicht mehr funktioniert.

          Reformen könnten Eigendynamik entwickeln

          Besagte Reformen wurden im Ausland zuweilen mit entsprechenden Schritten in China in den Jahren nach 1978 verglichen. Diesen Vergleich lassen Beobachter allerdings nicht gelten. Allenfalls praktiziere Nordkorea etwas, was im Ostblock in den siebziger Jahren versucht worden sei. Ein Schicksal wie diesen Staaten könne Nordkorea auch blühen, glaubt Hilpert. Die Veränderungen könnten eine Eigendynamik entwickeln, die die Regierung irgendwann nicht mehr kontrollieren könne.

          Dann erginge es Kim Jong-il oder seinem Nachfolger ähnlich wie Michail Gorbatschow. Dabei hatte einst der nordkoreanische Staatsgründer Kim Il-sung gerade aus der Erfahrung Gorbatschows den Schluss gezogen, solche Experimente wie in der Sowjetunion seien in Nordkorea unter allen Umständen zu vermeiden.

          Informationen von außen dringen ins Land

          Die Not in Nordkorea hat für die Regierenden freilich auch einen positiven Aspekt. Die Menschen müssen sich um ihr tägliches (Über-)Leben so intensiv kümmern, dass sie zu organisiertem Widerstand nicht in der Lage sind. Besser Bescheid über die Außenwelt wissen sie im Vergleich zu früher aber doch. Zu viele Landsleute waren für kurze oder längere Zeit in China. Das Informationsmonopol der Regierenden zumindest ist gebrochen. Politisch hält es noch.

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