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Deutscher Islamverband : Wieso die Kritik am Moscheenverband Ditib wächst

Wichtiger Gesprächspartner: Für den Dialog mit deutschen Muslimen ist Ditib unerlässlich. Bild: dpa

Seit der Putschversuch in der Türkei scheiterte, distanzieren sich immer mehr Politiker vom Islamverband Ditib. Zuletzt NRW-Ministerpräsidentin Kraft. Dabei zeigt sich im Streit, dass eine religionspolitische Strategie fehlt.

          3 Min.

          Über Jahre hinweg galt die Ditib in den deutschen Staatskanzleien als der wichtigste Ansprechpartner in Fragen der Einbindung des Islams. Seit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei hat sich dieses Bild rasant in sein Gegenteil verkehrt. In Nordrhein-Westfalen hat Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) Zweifel an der Anerkennung der Ditib als Religionsgemeinschaft angemeldet. In Rheinland-Pfalz wurden die Gespräche über den islamischen Religionsunterricht ausgesetzt. In Niedersachsen legte die rot-grüne Landesregierung einen noch vor kurzem als unterschriftsreif geltenden Islamvertrag auf Eis. Von der Ditib kann man sich im Moment anscheinend gar nicht schnell genug distanzieren.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          In der Diskussion dominiert wieder einmal eine moralisch aufgeladene Empörung, die das Grundübel politischer Diskussion hierzulande darstellt und schon in vielen Politikbereichen zu kurzsichtigen Entscheidungen geführt hat. In der Religionspolitik wäre eine solche Emotionalisierung besonders fatal, weil es um die Veränderung teils unausgesprochener Grundannahmen über das gesellschaftliche Zusammenleben geht. Sie benötigt einen langen Atem.

          Zudem ist keines der Argumente, die nun gegen die Ditib ins Feld geführt werden, neu. Wer wollte, der konnte schon lange wissen, dass die Ditib der verlängerte Arm der türkischen Religionsbehörde Diyanet ist, dass ihre Imame in der Türkei ausgebildet und diese von Ankara dafür bezahlt werden, in Deutschland jenen sunnitischen Islam zu predigen, der der amtierenden Regierung gerade passt. Einst war dies ein passiver, zum kemalistischen Laizismus eines Militärstaats passender Islam; heute ist es das islamistisch grundierte Weltbild des Autokraten Erdogan. Im Kern handelt es sich beide Male um eine Theologie, die politischen Zwecken dient. Zugespitzt formuliert: Ankara nutzt die Ditib für eine Ethnopolitik, deren Ziel darin besteht, die Assimilation der in Deutschland lebenden Türken zu verhindern.

          Langfristige religionspolitische Strategie fehlt

          In der Diskussion über den geplanten Islamvertrag in Niedersachsen spielte all das vor dem Putschversuch kaum eine Rolle. Gegner und Befürworter der Übereinkunft arbeiteten sich eher an Symbolthemen ab. Die Landesregierung verwies noch bis vor wenigen Tagen auf ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten, in dem dem Ditib-Landesverband eine hinreichende Unabhängigkeit bescheinigt wurde. An der Wahrnehmung der Realität zeigte man sich kaum interessiert.

          Der erste, wachsweich formulierte Vertragsentwurf der Kultusministerin nährte vielmehr den Verdacht, dass es ebenso wie bei der doppelten Staatsbürgerschaft weniger um Integration als um rasche Bindung potentieller Wähler ging. Der Vertrag sollte vor allem ein Symbol für die Muslime sein. Die einschlägigen Verbände wurden daher mit ein wenig Steuergeld für die Geschäftsstelle hier und ein paar Gremienplätzen dort bedacht. Was fehlte, war eine langfristig orientierte religionspolitische Strategie.

          Ein Abbruch der Gespräche mit der Ditib, wie ihn die oppositionelle CDU vollzogen hat, ist allerdings ebenso wenig eine Lösung wie der Abschluss schwammiger Vertragswerke. Wer den Islam in Deutschland sich selbst überlässt, der schafft den Nährboden für radikalen Islamismus. Anders als die Türkei kann sich Deutschland als weltanschaulich neutraler Staat den Islam allerdings auch nicht nach eigenem Gusto zurechtbiegen. Die Politik hierzulande wird auf den Dialog mit islamischen Verbänden angewiesen bleiben.

          Angenehmer Gesprächspartner

          Die Ditib galt dabei lange als vergleichsweise angenehmer Gesprächspartner, weil sie über die professionellsten und verlässlichsten Strukturen verfügt. Auch das darf man in der aufgeheizten Debatte nicht ganz vergessen, zumal es innerhalb der Ditib unterschiedliche Strömungen gibt. In Gesprächen mit Islamverbänden wird es jedoch künftig darauf ankommen, dass der deutsche Staat die Früchte deutlich höher hängt als bisher. Die Vorteile des deutschen Religionsverfassungsrechtes – Religionsunterricht an staatlichen Schulen etwa oder Mitsprache an staatlichen Fakultäten – sollten nur dann in Aussicht gestellt werden, wenn die Islamverbände mehr Bereitschaft als bisher zeigen, sich auch auf die Voraussetzungen dieses Systems einzulassen.

          Dazu gehört vor allem der Grundsatz, dass ein Verband nur für jene Gläubigen sprechen kann, die auch bei ihm Mitglied sind. Damit wird dem Islam nicht, wie mitunter behauptet, die ihm fremde Organisationsstruktur „Kirche“ aufgenötigt. Er wird lediglich an eine offene Gesellschaft herangeführt, die gerade auf dem Gebiet der Religion als Verbändestaat organisiert ist und in der die Bürger mittels Ein-, Aus- und Übertritt über die Stärke von Verbänden entscheiden. Eine solche Kopplung der Verbände an die Lebenswirklichkeit ihrer Mitglieder wäre auch geeignet, die Einflüsse aus dem Ausland auf Islamverbände oder -vereine langfristig zurückzudrängen.

          Um die muslimischen Organisationen zum Beschreiten dieses für sie nicht einfachen Pfades zu bewegen, sollte die deutsche Politik ihnen auch weiterhin ein attraktives Ziel vor Augen stellen. Zugleich muss deutlicher als bisher über die Bedingungen gesprochen werden, die sie dafür erfüllen müssen.

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