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Die Kanzlerin und die Katholiken : Merkels Münchner Versöhnungswerk

  • -Aktualisiert am

Kanzlerin Merkel: Bemüht, einige Irritationen zu beseitigen Bild: dpa

Die protestantische Kanzlerin Merkel lobt in der Katholischen Akademie Bayern die geistige Schärfe des Papstes. Dessen jüngste Enzyklika bezeichnet sie als „wunderbare“ Orientierungsmarke. Ihre Kritik an Benedikt XVI. in der Causa Williamson verteidigt sie kühl und staatsfraulich.

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          An sich war es ein Abend wie viele andere in der Katholischen Akademie in Bayern. Ein Vortrag zum Thema „Politisches Handeln aus christlicher Verantwortung“ stand auf dem Programm – und der Münchner Erzbischof Reinhard Marx begrüßte artig zunächst seinen Amtsvorgänger, Friedrich Kardinal Wetter, bevor er sich der Dame zuwandte, die im Programm als „Referentin“ angekündigt war: „Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland“.

          Die Referentin des Abends vollzog ihrerseits eine gewisse protokollarische Volte, indem sie in ihrer Eingangsformel den Kardinal als Letzten erwähnte – nach einer Reverenz an die geballte bayerische Staatlichkeit im Saal, in dem mit Horst Seehofer und Edmund Stoiber gleich zwei Ministerpräsidenten Platz genommen hatten, Letzterer mit dem schmückenden Zusatz a. D. versehen.

          Päpstliche Enzyklika als „wunderbare“ Orientierungsmarke

          Es war gleichsam das katholische Bayern, das der Worte der Referentin des Abends harrte; das Teilnehmerverzeichnis dürfte späteren Forschergenerationen, die sich konfessionellen Eliten in säkularen Gesellschaften widmen wollen, gute Dienste leisten. Und die Referentin enttäuschte ihre Zuhörer auch nicht, kam sie doch nach einigen einleitenden Bemerkungen, wie wichtig in der modernen Welt ein verlässlicher innerer Kompass sei, rasch auf die päpstliche Enzyklika „Caritas in veritate“ zu sprechen.

          Die Protestantin Merkel spricht in der Katholischen Akademie Bayern

          Die Ermahnung Benedikts XVI. an die Regierenden, dass „das erste zu schützende und zu nutzende Kapital der Mensch, die Person in ihrer Ganzheit“ sei, erschien der Referentin schlicht „wunderbar“, bestens geeignet als Orientierungsmarke in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise. Und später gab sie sich auch noch als Leserin der „spannenden Aufsätze“ zu erkennen, die der Papst in seiner Kardinalszeit verfasst habe.

          Kritik am Papst aus Staatsräson

          Akademien sind keine Wahlkampforte: Aber nicht nur an diesen Stellen war nicht zu überhören, dass die Referentin des Abends bemüht war, einige Irritationen zu beseitigen, die sie in ihren beiden Hauptberufen als Kanzlerin und CDU-Vorsitzende verursacht hatte. Die entscheidende Vorlage aus dem Publikum kam nach ihrem Vortrag auch prompt. Eine ältere Dame wollte in einem indignierten Tonfall, der außerhalb der Akademiemauern in der Protestskala Trillerpfeifen und Sprechchören entsprochen hätte, wissen, wie Frau Merkel dazu gekommen sei, den Papst, den Stellvertreter Christi auf Erden, in der Causa Williamson in einer Weise zu kritisieren, als handele es sich bei dem Heiligen Vater um einen gewöhnlichen Politiker. „Schwer verdaulich“ sei dieser Berliner Ordnungsruf nach Rom gewesen.

          Die Antwort fiel kühl und staatsfraulich aus: Wenn auf deutschem Boden der Holocaust geleugnet werde, müsse die Bundeskanzlerin das Wort erheben. Die Haltung des Papstes zum Mord an den Juden sei über jeden Zweifel erhaben, sagte Frau Merkel. Im Falle des Lefebvre-Bischofs Williamson müsse sich das Kirchenoberhaupt aber der Frage stellen, was in seinem Umfeld geschehe.

          Kanzlern lobt geistige Schärfe des Papstes

          Darum sei es ihr gegangen, als sie im Februar den Papst aufgefordert hatte, „sehr eindeutig“ klarzustellen, dass eine Leugnung des Holocausts in der katholischen Kirche nicht geduldet werde. Religiöse Empfindungen habe sie nicht verletzen wollen. Die Aussage der Kanzlerin, sie habe aus Staatsräson gehandelt, beruhigte zumindest an diesem Abend die Gemüter. Die Fragesteller wandten sich anderen Themen zu, von der Kernenergie über den Generationenvertrag bis zum Embryonenschutz – und die Referentin rekurrierte in ihren Antworten nicht nur auf päpstliche Worte, sondern zuweilen sogar auf das Wahlprogramm der Union. Selbst anekdotische Auflockerungen fehlten nicht: Ein junger Student habe sie kürzlich gefragt, wie sicher seiner Rente sei – und sie habe ihm geantwortet, ihm stünden alle Möglichkeiten offen, nämlich eine Familie zu gründen mit reichlich Nachwuchs.

          Auch einen Blick in eine protestantisch geprägte Jugend in der DDR durfte das Publikum erhaschen. Frau Merkel erzählte, wie sie in ihrer Familie die Kraft christlicher Bräuche erfahren habe; sie hätten eine Orientierung gegeben, die ihre Altersgefährten, die im staatlich verordneten Atheismus aufgewachsen seien, entbehrt hätten. Da habe sie damals schon einmal darüber nachgedacht, ob es nicht möglich sei, ein atheistisches Tischgebet einzuführen – doch das seien natürlich nur „jugendliche Überlegungen“ gewesen.

          Für einen Augenblick konnten sich die fünfhundert Zuhörer ganz vertraut mit der Referentin des Abends wähnen, die angeregt von einer Frage, welchen Charakterzug sie an Benedikt XVI. am meisten schätze, auch einen angemessenen Schlusspunkt zu ihrem Münchner Versöhnungswerk zu setzen wusste: Sie pries die geistige Schärfe und Unbestechlichkeit des Papstes.

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