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Zu Guttenbergs Fall : Ikarus

Guttenbergs Sturz ging keine Verschwörung zur Liquidierung einer Lichtgestalt voraus Bild: dpa

Guttenberg war der Ein-Mann-Gegenentwurf zum Parteiensystem, über das viele verdrossen sind. Diesen Alleinstellungsanspruch pflegte er bis in den letzten Satz seiner Rücktrittserklärung hinein. Doch unterschätzte er, wie sehr die Plagiatsaffäre den Kern bürgerlichen Selbstverständnisses traf.

          Karl-Theodor zu Guttenberg hat es gewusst: Es könne einmal alles ganz schnell vorbei sein. Doch glauben wollte er es nicht, nicht im eigenen Fall. Im Vertrauen auf seine politische Ausnahmestellung nahm er an, die Plagiatsaffäre abwettern zu können. Darin hat er sich getäuscht. Auch in der Stratosphäre gelten noch die Gesetze der Schwerkraft. Die Affäre, die mit „vergessenen Gänsefüßchen“ begann, zehrte immer mehr von seinem größten Kapital auf, seiner Glaubwürdigkeit. Das konnte gerade derjenige nicht in Amt und Würden überstehen, der als Musterbeispiel von Anstand und Geradlinigkeit auftrat und auch so verehrt wurde. Die Maßstäbe, die er bei anderen anlegte, musste er auch für sich selbst gelten lassen.

          Guttenbergs außerordentliche Beliebtheit, zu der er es in kürzester Zeit brachte, hatte einen Grund: Er war der Ritter ohne Fehl und Tadel in schimmernder Rüstung, neben dem das restliche politische Personal, ob Freund oder Feind, wie ein Haufen Landsknechte aus dem Dreißigjährigen Krieg wirkte. Der Spross aus adeligem Hause, der aus Versehen in die Politik (und erst recht in die CSU) geraten zu sein schien, stellte die ideale Projektionsfläche für die weitverbreitete Sehnsucht nach dem letztlich unpolitischen Politiker dar: allein der Sache verpflichtet, dem gesunden Menschenverstand folgend, über den Parteien stehend und dabei alle bürgerlichen „Sekundärtugenden“ aufweisend. Guttenberg war der Ein-Mann-Gegenentwurf zum Parteiensystem und zum klassischen Parteien-Politiker, über den so viele verdrossen sind. Diesen Alleinstellungsanspruch erhob und pflegte er bis zuletzt, bis in den letzten Satz seiner Rücktrittserklärung hinein.

          Er hatte Verehrer, keine Anhänger

          Von diesem Über-Politiker wollten seine Verehrer – Anhänger ist dafür oft ein zu schwaches Wort – um keinen Preis lassen. Ein solcher Überirdischer konnte nicht wirklich etwas Falsches begangen haben; und wenn, dann nur lässliche Sünden. Als sich im Verlauf der Affäre herausstellte, dass Guttenberg a) auch nur ein Mensch ist und b) in Bedrängnis kein bisschen anders handelte als der gewöhnliche Politiker, half zur Entlastung nur noch der Kampagnenvorwurf.

          Tatsächlich gibt es in solchen Fällen auch in den Medien immer eine Art Herdenverhalten, auf dem Weg nach oben wie auf dem Weg nach unten. Als Guttenberg noch in den Himmel gehoben wurde, hat sich das Publikum über solche Phänomene auch nicht beschwert. Wer jetzt aber die Schuld für Guttenbergs Sturz bei einer Verschwörung zur Liquidierung einer Lichtgestalt aus allerlei niederen Motiven sieht, macht es sich und auch ihm zu einfach. Guttenberg ist gestürzt, weil er nicht der Unfehlbare war, für den ihn viele hielten und auch noch nach Beweis des Gegenteils halten wollten.

          Es ging um Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit, Vorbilder

          Guttenberg und seine Verteidiger in der Union unterschätzten von Anfang an, wie sehr die Plagiatsaffäre den Kernbereich bürgerlichen Selbstverständnisses traf. Es ging nie nur um „Gänsefüßchen“ oder „Fußnoten“: Es ging um Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit, Vorbilder, Stolz auf die eigene Leistung, Respekt vor dem geistigen Eigentum anderer, Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler und viele andere Werte, die bei weitem nicht auf die Welt der Akademiker beschränkt sind.

          Der Versuch der Kanzlerin, Guttenberg dadurch im Amt zu halten, dass sie Politik und Wissenschaft unterschiedliche Tugendsätze zumaß, war nicht nur im praktischen Krisenmanagement ein Fehler von einem Ausmaß, wie sie ihn bisher selten beging: Mit diesem gescheiterten Entkopplungsversuch holte sie die ganze Empörung der wissenschaftlichen Welt in die politische Auseinandersetzung. An Aussitzen war danach nicht mehr zu denken. Die Kanzlerin wärmte mit diesem Zug aber auch wieder die Frage auf, wie es denn um ihren eigenen Wertekanon bestellt sei. Doch auch dieses Opfer half nichts: Der Ikarus der deutschen Politik war nicht mehr in der Luft zu halten. Er hätte sich vieles erspart, wenn er und jene, die ihm zurieten zu bleiben, das früher verstanden hätten.

          Seine Rücktrittserklärung enthält die Botschaft: im Felde unbesiegt

          Er hätte ohnehin nicht an dem Rollenfach festhalten können, für das er so viel Applaus bekam. Ob er eines Tages in das „politische und mediale Geschäft“ zurückkehrt, das er selbst so gerne betrieb, bis er dessen „zerstörerische Wirkungen“ am eigenen Leibe kennenlernte, ist offen. Sollte er es tun, käme er weitgehend befreit von einer Hypothek zurück, die seine weitere politische Laufbahn enorm belastet hätte. Schon die Rücktrittserklärung enthält bis hin zum Rücken der Soldaten, der nicht leiden soll, alle Elemente, die ihm nachhallende Verehrung sichern werden: im Felde unbesiegt.

          Viele werden jetzt beklagen, dass der „Anständige“ in der Politik ganz sicher der Dumme sei und diese auch noch ihren einzigen Charismatiker verloren habe. Doch hätte ein – wie die wachsende Empörung der vergangenen Tage zeigt – nicht kleiner Teil der Deutschen in ihm auch ein dauerhaftes Beispiel dafür gesehen, dass die oft gerügte Kluft zwischen Worten und Taten, zwischen Anspruch und Wirklichkeit, selbst noch bei Ausnahmeerscheinungen auseinanderklafft. Ein Rücktritt wie dieser kann für einen eben erst aus dem Himmel Gefallenen nur schmerzlich sein. Doch gerade das Amts- und Dienstverständnis, das Guttenberg für sich reklamierte, ließ ihm am Ende keine andere Wahl.

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