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Plagiatsvorwürfe : Guttenberg schrieb auch bei seinem Doktorvater ab

Immer neue Vorwürfe: Auch nach seinem Rücktritt reißen die Debatten um Karl-Theodor zu Guttenberg nicht ab Bild: dpa

Der frühere Verteidigungsminister Guttenberg hat auch bei seinem Doktorvater Peter Häberle abgeschrieben. In etlichen Fußnoten in seiner Dissertation finden sich Verweise, die aus einem Standardwerk Häberles übernommen wurden - oft wörtlich.

          Der wegen der Plagiatsvorwürfe zurückgetretene frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat in seiner Dissertation auch bei seinem Doktorvater Peter Häberle abgeschrieben. So finden sich in Guttenbergs Arbeit an zahlreichen Stellen Fußnoten, die wörtlich oder nur leicht verändert aus Häberles zuerst 1999 erschienenem Standardwerk „Europäische Verfassungslehre“ übernommen wurden. Unter anderem deckt sich eine Fußnote auf Seite 166 der Dissertation fast wörtlich mit Teilen einer Fußnote auf Seite 637 in Häberles Buch. Selbst die Reihenfolge der angegebenen Werke behält Guttenberg bei. Dabei verweist er nicht auf Häberle, sondern lediglich auf das eigene Literaturverzeichnis.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          An anderen Stellen fasst Guttenberg mehrere Fußnoten von Häberle zu einer eigenen zusammen. In einer Anmerkung auf Seite 131 bezieht er sich etwa auf zahlreiche Werke, die aus zwei verschiedenen Fußnoten bei Häberle (S. 307 und 612) übernommen wurden - wiederum in derselben Reihenfolge und mit exakt denselben Seitenangaben. Häberle selbst, auf dessen Buch sich Guttenberg an anderer Stelle immer wieder bezieht, wird nicht erwähnt. In anderen Fußnoten erwähnt Guttenberg zwar Häberles Buch, übernimmt aber zusätzlich bis ins Detail dessen Verweise. So erweckt er den Eindruck, Häberles Buch sei lediglich eine unter vielen Quellen. Dass die meisten Verweise fast wortwörtlich von Häberle stammen, verschweigt er.

          „Wie mit der Gießkanne besprenkelt Guttenberg seine Dissertation mit der wissenschaftlichen Arbeit seines Doktorvaters“, heißt es dazu im Weblog „GuttenPlag“, der die fragwürdigen Fußnoten recherchiert hat und in diesen Tagen seinen Abschlussbericht zu Guttenbergs Doktorarbeit vorlegen will. Und weiter: „Durch die Übernahme der Fußnoten seines Doktorvaters enthalten der Anmerkungsapparat und das Literaturverzeichnis ohne weiteres Zutun eine Vielzahl von Titeln, die Häberle für relevant und wichtig erachtet hat.“ Nach Berechnungen von „GuttenPlag“ gehört Häberles Buch sogar zu den zehn Hauptquellen für Guttenbergs Plagiate.

          Fußnote gesucht: eine Übersicht der fraglichen Stellen bei „GuttenPlag”

          Ein Doktorvater in Erklärungsnöten?

          Diese neue Entdeckung wirft nicht nur auf Guttenberg abermals ein schlechtes Licht, sondern könnte auch seinen Doktorvater in Erklärungsnöte bringen. Gemeinsam mit Zweitkorrektor Rudolf Streinz hatte Peter Häberle am Montag in einer Stellungnahme noch erklärt, Guttenbergs Plagiate seien 2006 „mit den damaligen technischen Mitteln“ nicht erkennbar gewesen. Dabei hätte ein Blick in sein eigenes Buch vielleicht gereicht.

          Guttenbergs Fußnoten bei „GuttenPlag”

          Fußnoten im Vergleich

          An dieser Stelle kopiert Guttenberg eine Fußnote von Häberle fast 1:1, verweist aber lediglich auf sein eigenes Literaturverzeichnis (“Siehe insb. auch die Bibliographie des Verf. (2006). 481“:

          Guttenberg, Seite 166:

          „Aus der Lit: T. Oppermann, Vom Nizza-Vertrag 2001 zum Europäischen Verfassungskonvent 2002/2003, in: DVBl. 2003, S. 1 ff.; F.C.Mayer, Macht und Gegenmacht in der Europäischen Verfassung. Zur Arbeit des Europäischen Verfassungskonvents, in: ZaöRV 63 (2003), S. 59 ff.; I. Pernice, Eine neue Kompetenzordnung für die Europäische Union, in: P.Häberle /M.Morlok/W. Skouris (Hrsg.), Festschrift Festschrift für Dimitris Th. Tsatsos. Zum 70. Geburtstag am 5. Mai 2003, 2003, S. 477 ff.; S. Magiera, Die Arbeit des europäischen Verfassungskonvents und der Parlamentarismus, in: DÖV 2003, S. 578 ff.; D. Tsatsos, Der Europäische Konvent, in: Festschrift für T. Fleiner, 2003, S. 749 ff. Siehe insb. auch die Bibliographie des Verf. (2006). 481“

          Häberle, Seite 637:

          „Aus der Lit. zu den Arbeiten des Europäischen Konvents: [...] T. Oppermann, Vom Nizza-Vertrag 2001 zum Europäischen Verfassungskonvent 2002/2003, DVBl. 2003, S. 1 ff.; [...] F.C. Mayer, Ein Referendum über die Europäische Verfassung?, EuZW 2003, S. 321; ders., Macht und Gegenmacht in der Europäischen Verfassung, Zur Arbeit des europäischen Verfassungskonvents, ZaöRV 63 (2003), S. 59 ff.; I. Pernice, Eine neue Kompetenzordnung für die Europäische Union, FS Tsatsos, 2003, S. 477 ff.; [...] S. Magiera, Die Arbeit des europäischen Verfassungskonvents und der Parlamentarismus, DÖV 2003, S. 578 ff.; [...] D. Tsatsos, Der Europäische Konvent, FS Fleiner, 2003, S. 749 ff.; [...]“

          .........................................................

          An dieser Stelle bedient sich Guttenberg zweier Fußnoten von Häberle, die er zu einer eigenen zusammensetzt - ohne Häberle zu erwähnen:

          Guttenberg, Seite 131:

          „Vgl. nur A. Bleckmann, Das europäische Demokratieprinzip, in: JZ 2001, S. 53 ff., 57; D. Tsatsos, Die Europäische Unionsgrundordnung im Schatten der Effektivitätsdiskussion, in: JöR 49 (2001), S. 63 ff., 69 ff. Vgl. auch J.Drexl u. a. (Hrsg.), Europäische Demokratie, 1999; D. Thürer, Demokratie in Europa. Staatsrechtliche und europarechtliche Aspekte, in: O. Due u. a. (Hrsg.), Festschrift für U. Everling, 1995, Band 2, S. 1561 ff.; M. Kaufmann, Europäische Integration und Demokratieprinzip, 1997. Siehe auch P.M. Huber, Die Rolle des Demokratieprinzips im europäischen Integrationsprozess, in: Staatswissenschaften und Staatspraxis 1992, S. 349 ff.; I. Pernice, Maastricht, Staat und Demokratie, in: Die Verwaltung 29 (1993), S. 449 ff.; H.H. Rupp, Europäische Verfassung und Demokratische Legitimation, in: AöR 120 (1995), S. 269 ff.“

          Häberle, Seite 307:

          „Zuletzt etwa A. Bleckmann, Das europäische Demokratieprinzip, JZ 2001, S. 53 (57); D. Tsatsos, Die Europäische Unionsgrundordnung im Schatten der Effektivitätsdiskussion, JöR 49 (2001), S. 63 (69 ff). [...] J. Drexl u.a. (Hrsg.), Europäische Demokratie, 1999; D. Thürer, Demokratie in Europa. Staatsrechtliche und europarechtliche Aspekte, FS Everling, 1995, S. 1561 ff.; M Kaufmann, Europäische Integration und Demokratieprinzip, 1997; [...]“

          Häberle, Seite 612:

          „Allgemein zur Frage der demokratischen Legitimation des Integrationsprozesses P.M Huber, Die Rolle des Demokratieprinzips im europäischen Integrationsprozess, Staatswissenschaften und Staatspraxis 3 (1992), S. 349 ff.; I. Pernice, Maastricht, Staat und Demokratie, Die Verwaltung 29 (1993), S. 449 ff.; [...] H.H. Rupp, Europäische Verfassung und Demokratische Legitimation, AöR 120 (1995), S. 269 ff.; [...]“

          ............................................................

          An dieser Stelle nennt Guttenberg Häberles Werk als eines von vielen Quellen, verschweigt aber, dass die Literaturhinweise zu großen Teilen aus dessen Buch stammen:

          Guttenberg, S. 303f.:

          „Aus der uferlosen Lit. zum EuGH: J. Schwarze, Der Europäische Gerichtshof als Verfassungsgericht und Rechtsschutzinstanz, 1983; G.G. Saner, Der Europäische Gerichtshof als Förderer und Hüter der Integration, 1988; O. Dörr / U. Mager, Rechtswahrung und Rechtsschutz nach Amsterdam - Zu den neuen Zuständigkeiten des EuGH, in: AöR 125 (2000), S. 386 ff.; P. Häberle, Europäische Verfassungslehre, 4. Aufl. 2006, S. 478 ff.; W. Graf Vitzthum, Gemeinschaftsgericht und Verfassungsgericht - rechtsvergleichende Aspekte, in: JZ 1998, S. 161 ff. vgl. auch den Sammelband von J. Schwarze (Hrsg.), Verfassungsrecht und Verfassungsgerichtsbarkeit im Zeichen Europas, 1998; P. Pernthaler, Die Herrschaft der Richter im Recht ohne Staat. Ursprung und Legitimation der rechtsgestaltenden Funktionen des EuGH, in: Juristische Blätter 2000, S. 691 ff.; A. Wolf-Niedermaier, Der Europäische Gerichtshof zwischen Recht und Politik, 1997; G. Hirsch, Der EuGH im Spannungsfeld zwischen Gemeinschaftsrecht und nationalem Recht, in: NJW 2000, S. 1817 ff.; M.P. Maduro, We the Court. The European Court of Justice and the European economic Constitution, 1998“

          Häberle, Seite 478:

          „J. Schwarze, Der Europäische Gerichtshof als Verfassungsgericht und Rechtsschutzinstanz, 1983; S. auch O. Dörr/ U. Mager, Rechtswahrung und Rechtsschutz nach Amsterdam - Zu den neuen Zuständigkeiten des EuGH, AöR 125 (2000), S. 386 ff.; W. Graf Vitzthum, Gemeinschaftsgericht und Verfassungsgericht - rechtsvergleichende Aspekte, JZ 1998, S. 161 ff.; G.G. Saner, Der Europ. Gerichtshof als Förderer und Hüter der Integration, 1988; [...] - Zum EuGH: P. Pernthaler, Die Herrschaft der Richter im Recht ohne Staat. Ursprung und Legitimation der rechtsgestaltenden Funktionen des EuGH, Juristische Blätter 2000, S. 691 ff.; M.P. Maduro, We the Court, The European Court of Justice and the european economic constitution, 1998; [...] A. Wolf-Niedermaier, Der Europ. Gerichtshof zwischen Recht und Politik, 1997; [...] G. Hirsch, Der EuGH im Spannungsfeld zwischen Gemeinschaftsrecht und nationalem Recht, NJW 2000, S. 1817 ff.;“

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