https://www.faz.net/-gpf-y5oc

Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg : Wenn Fußnoten zu Kopfnoten werden

Bild: F.A.Z.-Greser & Lenz

Erst scheint Guttenberg die Affäre unterschätzt zu haben, dann versuchte er sich in einem Manöver, das die Hauptstadtpresse brüskierte. Selbst politischen Freunden fällt die Verteidigung schwer.

          3 Min.

          „Am Dienstag hält der Karneval Einzug“, sagte Steffen Seibert. Der Regierungssprecher las wie jeden Freitag im Saal der Bundespressekonferenz die Termine der Bundeskanzlerin der nächsten Woche vor. Angela Merkel wird also „Jecken aus allen Ecken Deutschlands“ im Kanzleramt empfangen. Viele erreichte diese frohe Kunde nicht. Die meisten Journalisten hatten den anfangs außergewöhnlich gut gefüllten Saal schon verlassen, denn der Gegenstand des allgemeinen Interesses, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, hatte sich just diesen Moment ausgesucht, um erstmals eine Stellungnahme zu den Plagiatsvorwürfen gegen ihn abzugeben: nicht vor der Hauptstadtpresse, die womöglich quälende Fragen stellen würde, sondern ohne große Ankündigung vor seinem Ministerium gegenüber „ausgewählten Medien“, wie sich Guttenbergs Sprecher ausdrückte. „Aufs schärfste“ protestierte der Verein der Bundespressekonferenz gegen diese Informationspolitik.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Für den Minister ist das offensichtlich kleinliches Gezänk. „Leider wird es gerade in meinem Ressort immer wieder Ereignisse geben, die einen gesetzten Zeitplan durcheinanderbringen“, entgegnete er. Guttenberg spielte damit auf den Vorfall in Afghanistan an, bei dem ein Soldat getötet wurde. Hier ein Streit über Fußnoten - dort ein Krieg und eine grundstürzende Bundeswehrreform: So sieht die Strategie aus, mit der der CSU-Politiker weitere Debatten über seine Doktorarbeit beenden oder zumindest entkräften will. Weitere „Kommunikation“ zu diesem Thema werde es von seiner Seite nicht mehr geben, sagte er, was apodiktisch klingen sollte.

          Schon am Vorabend war ein ganzer Saal voll Leuten, die den Worten des Verteidigungsministers lauschen wollten, enttäuscht geblieben. Das war allerdings nicht vorwiegend die Presse gewesen, sondern die Unionsbasis, nämlich der CDU-Kreisverband Börde. Sechs Euro hatte jeder Besucher entrichtet, um Guttenberg zu sehen - keine Spende, sondern ein Beitrag, um die Mietkosten für die Mittellandhalle Barleben zu stemmen. Der Vortrag zur Neugestaltung der Bundeswehr sollte der Höhepunkt der Veranstaltung sein. Der Vorsitzende des Kreisverbands, der Landtags-Fraktionsvorsitzende im nahe gelegenen Magdeburg und der CDU-Spitzenkandidat für die in einem Monat bevorstehende Wahl in Sachsen-Anhalt freuten sich schon darauf, gemeinsam mit dem Umfragenkönig beim Klang der „Original Zackenberger Blaskapelle“ einzuziehen.

          Dass daraus nichts wurde, lag aber nicht an Guttenberg, sondern an der Kanzlerin. Die hatte offenbar den Eindruck gewonnen, ihr Minister nehme die Promotionsgeschichte nicht hinreichend ernst. Jedenfalls musste sich Guttenberg am Abend im Kanzleramt einfinden, statt in Barleben wer weiß was über seine Kritiker und die Bedeutung von Fußnoten zu sagen. Dass Angela Merkel sich zu einem bestimmten Zeitpunkt einschaltet, wenn sie das Gefühl hat, einer ihrer Minister droht sich mit seinen Äußerungen zu einer unterschätzten Affäre zu verrennen, hatte sie selbst erst kürzlich in erstaunlicher Offenheit dargelegt. Da erzählte sie im Kundus-Untersuchungsausschuss des Bundestages, wie sie Guttenbergs Vorgänger Jung mehrfach aufgefordert habe, in seinen Aussagen nicht nur die ihm genehmen Aspekte zu berücksichtigen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Geht’s nicht voran? Ein Mann wartet unterwegs auf das Internet.

          Mobilfunkausbau : So soll das Handy schneller werden

          Die Bundesregierung will im Mobilfunkausbau verängstigte Bürger besser informieren. Denn die bremsen zuweilen den Antennenausbau wegen möglicher Strahlenbelastung. Doch das ist nicht der einzige Grund für den lahmenden Ausbau des Netzes.
          Verfasste laut Dokumenten aus der Stasi-Unterlagenbehörde über zwölf Berichte zu Kameraden: der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich

          „Berliner Zeitung“ : Was ist das für ein Verleger?

          Der Einstieg von Silke und Holger Friedrich beim Berliner Verlag war furios. Sie veröffentlichten ein Manifest, alles sah nach Aufbruch aus. Und was ist jetzt, nach den Stasi-Enthüllungen?
          Entspannt im Alter: Damit der Ruhestand nicht zur Armutsfalle wird, soll die private Altersvorsorge reformiert werden – aber wie? (Symbolfoto)

          Geförderte Altersvorsorge : Riester-Reform statt Staatsfonds

          Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung ein kostengünstiges Standardprodukt versprochen. In der CDU wächst die Sympathie für die Deutschland-Rente. Nun legt die Finanzbranche ein Gegenmodell vor. Die F.A.Z. hat es vorab.
          Sigmar Gabriel

          Gabriel in Russland : Zu Besuch bei Fleischfressern

          Der frühere Außenminister und ehemalige SPD-Parteivorsitzende plädiert in Moskau für ein selbstbewusstes Europa und tritt Trugbildern der russischen Propaganda entgegen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.