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Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg : SPD vermutet „Ghostwriter“

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Lehnt einen Rücktritt wegen der Plagiatsvorwürfe ab: Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) Bild: dapd

Während die Plagiatsvorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg sich immer mehr ausweiten, vermutet die SPD einen „Ghostwriter“ hinter der Dissertation des Verteidigungsministers. Internetnutzer wollen mittlerweile auf 242 von 475 Seiten der Arbeit abgekupferte Stellen gefunden haben - weit über 100 Passagen.

          Die Plagiatsvorwürfe gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg reißen nicht ab. Immer mehr Fundstellen listet die Internetgemeinde auf der eigens eingerichteten Plattform „GuttenPlag“ auf, die seine Dissertation seit Donnerstag akribisch auf weitere abgeschriebene Stellen untersucht. Ihre Bilanz bis zum Samstagnachmittag: Auf 247 der insgesamt 475 Seiten haben die Rechercheure fragwürdige Passagen ausgemacht - das entspräche knapp 62 Prozent der gesamten Arbeit, das Inhaltsverzeichnis und die Anhänge nicht mitgerechnet.

          Die Betreiber der Seite wollen nun alle fragwürdigen Stellen überprüfen. Schon zuvor hatten die „GuttenPlag“-Betreiber gegenüber FAZ.NET angekündigt, die Dissertation von Guttenberg auf ihren wissenschaftlichen Gehalt hin abklopfen zu wollen. Am Dienstag hatte Guttenberg lediglich von vereinzelten Fußnoten gesprochen, die er gerne bereit sei zu prüfen. Zudem hatte er betont, er habe die wissenschaftliche Arbeit selbst verfasst.

          Die „Berliner Zeitung“ berichtete unterdessen, auf mehreren Seiten der Arbeit fänden sich auch Textstellen einer Grundkurs-Hausarbeit aus dem März 2003. Der Dozent am Otto Suhr-Institut der FU Berlin habe die Hausarbeit anonymisiert als Beispiel für eine gelungene Arbeit online gestellt, aber auf den Urheberschutz hingewiesen. In Guttenbergs Dissertation finde sich unter anderem das zweiseitige Fazit des Studienanfänger mit leicht veränderten Formulierungen fast komplett auf den Seiten 369 und 370 wieder.

          Unermüdlich auf der Suche nach Plagiaten: 242 Seiten mit fragwürdigen Passagen listete „GuttenPlag” bis Samstagnachmittag auf

          Guttenberg: Habe nicht an Rücktritt gedacht

          Nach Angaben der Zeitschrift „Spiegel“ nahm Guttenberg bei seiner Dissertation auch die Expertise des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages in Anspruch, der die Parlamentarier bei der Ausübung ihres Mandats unterstützen soll. Ein von Guttenberg in Auftrag gegebenes Gutachten sei fast vollständig in die Dissertation eingeflossen. In einer Fußnote werde auf die Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes hingewiesen, allerdings nicht auf den Autor Ulrich Tammler.

          Guttenberg antwortete der Zeitschrift „Focus“ auf die Frage, ob er an einen Rücktritt gedacht habe, mit: „Unsinn!“ Es obliege ihm nicht zu beurteilen, was der Vorgang für seine Glaubwürdigkeit und Autorität bedeute, sagte er: „Aber beidem gerecht zu werden, bleibt mein Anspruch“, unterstrich er.

          SPD vermutet „Ghostwriter“

          Die Opposition verschärfte unterdessen ihre Kritik an Guttenberg. „Es entsteht der Eindruck, dass Teile der Doktorarbeit von Ghostwritern in der Bundestagsverwaltung geschrieben wurden“, erklärte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann. Die Aussage Guttenbergs, es hätten keine Mitarbeiter mitgewirkt, sei inzwischen wenig glaubwürdig. Bundestagspräsident Norbert Lammert müsse den Vorgang schnell untersuchen. „Die Öffentlichkeit hat Anspruch darauf zu erfahren, ob der Wissenschaftliche Dienst zu Privatzwecken eingesetzt wurde und Guttenberg seine Promotion auf Kosten der Steuerzahler geschrieben hat“, sagte Oppermann. Wenn dies der Fall wäre, hätte Guttenberg sein Abgeordnetenmandat missbraucht

          Der Verteidigungsexperte der Grünen, Omid Nouripour, warf Guttenberg zudem vor, er belaste mit der Affäre die Bundeswehr. „Die Textvergleiche zur Doktorarbeit liegen auf dem Tisch, eine Erklärung von Guttenberg hierfür aber weiterhin nicht“, sagte er der „Leipziger Volkszeitung“. Der Minister hätte klar sagen müssen, was er mit „Fehlern“ gemeint habe und wie es zu den Textgleichheiten gekommen sei. „Der Minister demontiert sich gerade selbst“, sagte Nouripour. Auch der Bundeswehr, die vor einer tiefgreifenden Reform stehe, sei er Klarheit schuldig.

          Glos: Kein Zweifel, dass er seine Sache ordentlich gemacht hat

          Guttenbergs Parteikollegen aus Unterfranken gaben dem Verteidigungsminister unterdessen Rückendeckung. „Wir haben volles Vertrauen zu ihm“, sagte der Vorsitzende des CSU-Bezirksverbands Unterfranken, Ex-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos, am Samstag in Würzburg. Dort hatte zuvor der Bezirksvorstand getagt. Das Gremium stehe voll hinter Guttenberg. Es gebe keine Zweifel, „dass er seine Sache ordentlich gemacht hat“.

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