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Plagiats-Affären : Stoiber-Tochter verliert Doktortitel

  • Aktualisiert am

Bayerns damaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber und seine Tochter Veronica beim Deutschen Filmball 2005 in München Bild: dapd

Weil erhebliche Teile ihrer Dissertation Plagiate seien, hat die Universität Konstanz der Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, Veronica Saß, den Doktortitel entzogen.

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          Die Universität Konstanz hat der Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU), Veronica Saß, den Doktortitel entzogen. Nach umfassender Prüfung ihrer Dissertation sei der Promotionsausschuss zu dem Ergebnis gekommen, dass erhebliche Teile der Arbeit Plagiate seien, teilte die Universität am Mittwoch in Konstanz mit.

          Der Doktorgrad sei entzogen worden, weil die rechtlichen Voraussetzungen für seine Verleihung nicht vorgelegen hätten, erklärte Rektor Ulrich Rüdiger. Er verwies auf die Regeln wissenschaftlicher Redlichkeit, wonach eine Doktorarbeit ein eigenständiger wissenschaftlicher Beitrag zum Fortschritt eines Faches sein muss.

          An der Universität Konstanz erkläre jeder Doktorand bei Abgabe der Dissertation, dass die Arbeit selbst verfasst und fremde Literatur als solche gekennzeichnet sei. „Wird diese Grundregel wissenschaftlicher Redlichkeit nachweislich verletzt, ist es an der Universität, ihr wieder Geltung zu verschaffen“, betonte Rüdiger.

          Wortwörtliche Plagiate über mehr als 60 Seiten

          Saß soll bei ihrer rechtswissenschaftlichen Doktorarbeit mit dem Titel „Regulierung im Mobilfunk“ zahlreichen Stellen von anderen Autoren abgeschrieben und damit die Standards wissenschaftlichen Zitierens verletzt haben. Laut der Internetseite „VroniPlag Wiki“ enthält die Arbeit unter anderem ein fast durchgängiges, wortwörtliches Plagiat von knapp 40 Seiten.

          Unter anderem soll die Juristin Zeitungsartikel, Pressemitteilungen von Verbänden sowie Artikel der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia verwendet haben, ohne die Quellen in ihrer Arbeit zu nennen. Die Hamburger Rechtsanwältin Tanja Eisenblätter wirft Saß vor, bei ihr abgeschrieben zu haben. „25 Seiten wurden wortwörtlich übernommen, ohne Nennung der Quelle“, kritisierte Eisenblätter.

          Die Universität Konstanz hatte Mitte Februar Kenntnis von den Vorwürfen erhalten. Daraufhin wurde der Promotionsausschuss des Fachbereichs Rechtswissenschaft einberufen, der sofort ein Prüfverfahren einleitete. Nachdem die Frist für das Einholen von Stellungnahmen abgelaufen war, kam der Promotionsausschuss in dieser Woche erneut zusammen und traf den Entschluss, Saß den Titel abzuerkennen.

          Guttenbergs Doktorarbeit: Uni Bayreuth veröffentlicht Abschlussbericht

          Die Universität Bayreuth veröffentlichte an diesem Mittwoch den Abschlussbericht zur Dissertation des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). In dem mehr als 40 Seiten langen Bericht kommt die Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ zu dem Schluss, dass Guttenberg bei seiner Doktorarbeit die Standards guter wissenschaftlicher Praxis grob verletzt und die Prüfungskommission „vorsätzlich getäuscht“ hat.

          Guttenberg hat seine unzureichende Doktorarbeit mit seiner beruflichen und familiären Mehrfachbelastung erklärt. In seiner Stellungnahme gegenüber der Hochschule hat Guttenberg eine „ungeordnete Arbeitsweise“ mit „gelegentlich chaotischen Zügen“ eingestanden. All dies habe sich über Jahre in einer Situation abgespielt, in der die - durch die Übernahme neuer beruflicher Tätigkeiten und politischer Ämter entstandene - „vielfache Arbeitsbelastung“ ihm teilweise über den Kopf gewachsen sei. (Siehe auch: Abschlussbericht: Täuschungen als prägendes Muster)

          Auch gegen die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin wurden Plagiatsvorwürfe erhoben. Die Universität Heidelberg prüft zurzeit, ob der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments der Doktortitel aberkannt werden muss. Der zuständige Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät prüfe „entlang eigener Bewertungsmaßstäbe, ob es zu gravierenden Verstößen gekommen ist“, sagte eine Sprecherin der Universität am Mittwoch. Die Ergebnisse der Prüfung würden in jedem Fall veröffentlicht. Eine Veröffentlichung sei Ende Mai oder spätestens Anfang Juni vorgesehen. Thema von Koch-Mehrins Dissertation war die „Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: die Lateinische Münzunion 1865 - 1927“.

          Goppel: „Keine Rückkehr Guttenbergs“

          Der ehemalige bayerische Wissenschaftsminister und CSU-Generalsekretär Thomas Goppel geht nicht von einer Rückkehr Guttenbergs in die Politik aus. „Das ist im Prinzip vorbei“, sagte Goppel am Mittwoch im Deutschlandfunk. „Ich glaube allen Ernstes, dass man in einer solchen Geschichte mit einem solchen Ergebnis mit solchen Vorgaben nicht davon reden kann, dass man morgen in der Politik wiederkommt.“

          Der CSU-Politiker Guttenberg hatte im März sein Amt als Verteidigungsminister niedergelegt, nachdem die Universität Bayreuth ihm aufgrund von Plagiatsvorwürfen den Doktortitel aberkannt hatte.
          Den Umgang der Hochschule mit der Situation kritisierte Goppel scharf: „Dass die Universität Bayreuth sich selbst reinwäscht, halte ich nicht für gut.“ Guttenbergs Doktorvater trage eine Mitverantwortung. „Ein Doktorvater, der summa cum laude vergibt, und die eigenen Textstellen nicht einmal sieht, die da angeblich auch dabei sind, ist jemand, der im Betreuen des Doktoranden nicht genau genug und konkret genug gewesen ist.“

          „Eine einzige Treibjagd“

          Der frühere Vizepräsident der Universität Bayreuth, Walter Schmitt-Glaeser, kritisierte unterdessen den Umgang der Universität mit zu Guttenberg als „Treibjagd“. In einem offenen Brief, der der „Bild“-Zeitung vorlag, sagte der Staatsrechtler: „Mit jedem anderen Doktoranden wäre die Universität anders umgegangen.“ Es sei zwar richtig gewesen, dem CSU-Politiker den Doktortitel abzuerkennen. „Aber was jetzt passiert, ist eine einzige Treibjagd.“

          Die Uni Bayreuth habe mit der angekündigten Veröffentlichung des Kommissionsberichts die Fürsorgepflicht für ihren ehemaligen Doktoranden massiv verletzt. Nach Ansicht Schmitt-Glaesers hätte die Universität nach Aberkennung des Doktortitels keine Berechtigung mehr gehabt, die Sache weiter zu verfolgen. Durch ihr Vorgehen habe sie „Herrn zu Guttenberg in seiner gesellschaftlichen Existenz schwer beschädigt“.

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