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Nach Plagiatsvorwürfen : Guttenberg verzichtet auf Doktortitel

„Ich habe mich am Wochenende nochmals mit meiner Doktorarbeit beschäftigt . Es war richtig, dass ich gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht mehr führen werde” Bild: dpa

Jetzt also doch: Bei einer Wahlveranstaltung im hessischen Kelkheim deutete der Verteidigungsminister am Abend an, dauerhaft auf seinen Doktortitel zu verzichten. Er habe sich am Wochenende nochmals mit seiner Doktorarbeit eingehend beschäftigt. Beim Schreiben der Arbeit habe er wohl den „Überblick über die Quellen verloren“.

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          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hält an ihrer Unterstützung von Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) fest: „Die Bundeskanzlerin findet die Entscheidung Karl-Theodor zu Guttenbergs, auf den Doktortitel zu verzichten, richtig“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Dienstagmorgen der Nachrichtenagentur dpa.

          Auch die Unionsfraktion stellt sich trotz der Rückgabe des Doktortitels hinter Guttenberg. Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU) sagte, die CDU/CSU-Fraktion stehe „in großer Geschlossenheit hinter der politischen Leistung des Ministers in diesen beiden Jahren“. Diese Leistung und der wissenschaftliche Aspekt müssten getrennt werden.

          „Gravierende Fehler“

          Am Montagabend hatte Guttenberg schwerwiegende Fehler bei der Verfassung seiner Dissertation eingestanden. Er habe sich am Wochenende mit der Arbeit eingehend beschäftigt und festgestellt, dass er bei der Bearbeitung der Arbeit „gravierende Fehler“ gemacht habe, die dem „wissenschaftlichen Kodex“ nicht entsprächen, sagte Guttenberg am Montag bei einer CDU-Wahlveranstaltung im hessischen Kelkheim.

          Er habe sechs oder sieben Jahre an der Dissertation geschrieben und „an der ein oder anderen Stelle“ den „Überblick über die Quellen verloren“. Darunter seien „besonders peinliche“ Fehler wie die Einleitung der Dissertation, in der ein Text aus dieser Zeitung ohne Quellenangabe zitiert wurde. Deshalb, so sagte Guttenberg, sei seine Entscheidung richtig gewesen, seinen Doktortitel nicht zu führen: „Ich bin ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, deshalb stehe ich öffentlich zu ihnen.“

          Er, Guttenberg, habe die Fehler „nicht bewusst gemacht und nicht absichtlich getäuscht“. Trotzdem müsse er sich selbst fragen: „Wie konnte das geschehen?“

          Guttenberg sagte weiter, er habe die Arbeit selbst verfasst, denn er stehe auch „zu dem Blödsinn, den ich da geschrieben habe“. Die Entscheidung, seinen Doktortitel nicht zu führen, sei „schmerzlich, aber wichtig“, weil es darum gehe, schon eingetretenen Schaden für die Universität Bayreuth, den Doktorvater und den Zweitkorrektor zu begrenzen. „Ich sage mit der notwendigen Demut, dass ich mich von Herzen bei all jenen entschuldige, die ich mit Blick auf diese Doktorarbeit verletzt habe“, sagte Guttenberg.

          Von einem Rücktritt als Verteidigungsminister sprach er nicht. Die Menschen erwarteten, dass er seine Aufgabe als Verteidigungsminister „mit voller Kraft und voller Konzentration“ ausfülle. In den nächsten Wochen gehe es darum, unter anderem eine der größten Bundeswehrreformen in Deutschland durchzusetzen und sich „mit aller Kraft für die deutschen Soldaten in Afghanistan einzusetzen und der dortigen deutschen Verantwortung gerecht zu werden.

          Uni Bayreuth: Sind verpflichtet, Arbeit dennoch zu prüfen

          Die Universität Bayreuth teilte am Abend mit, Guttenberg habe am Montagabend in einem Brief darum gebeten, seinen Doktortitel zurückzunehmen. Zur Begründung habe er auf „gravierende, handwerkliche Fehler“ in seiner Dissertation hingewiesen, die „nicht mit wissenschaftlichem Arbeiten zu vereinbaren sind“. Die Universität sei aber dennoch verpflichtet, die Rechtmäßigkeit der Doktorarbeit zu prüfen, sagte ein Sprecher der Uni. Die Promotionskommission der Uni werde sich noch am Dienstag mit Guttenbergs Bitte befassen und die nötigen Schritte für die Aberkennung des Titels einleiten.

          Nach wie vor sei nach der Promotionsordnung ein ordentliches Verfahren zur Prüfung der Dissertation nötig, daran ändere auch die Bitte Guttenbergs nicht. „Mit dem Statement des Ministers ist es aber einfacher geworden.“ Eine Entscheidung sei am Dienstag dennoch noch nicht zu erwarten. Auch müsse noch die ebenfalls mit dem Fall befasste Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft über Guttenbergs Arbeit beraten. Die Universität kündigte für Dienstag, 14.30 Uhr, eine Pressekonferenz an.

          Guttenberg: „Maßstäbe nicht verschieben“

          Guttenberg sagte in Kelkheim, das Land müsse aufpassen, dass sich seine „Maßstäbe nicht verschieben“. Er kritisierte, dass die „Fußnoten in einer ministeriellen Doktorarbeit“ zeitweilig mehr Aufmerksamkeit erhalten hätten als die getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan. Diese seien zur „Randnotiz“ geworden.

          Frau Merkel sagte, sie habe nicht einen wissenschaftlichen Assistenten oder Doktor, sondern einen Verteidigungsminister ins Bundeskabinett berufen. Guttenberg habe „Fehler“ eingestanden. Sie achte darauf, ob er seine Arbeit als Minister erfüllen könne. „Und da sage ich ja“, sagte Frau Merkel. Ähnlich äußerte sich die stellvertretende CDU-Vorsitzende, Arbeitsministerin von der Leyen. Seehofer sagte, Guttenberg habe ihm gegenüber nicht einmal andeutungsweise von einem möglichen Rücktritt gesprochen. Darstellungen, er selbst habe ihn vom Rücktritt abhalten müssen, seien „objektiv falsch“.

          Die SPD kündigte an, es werde eine Aktuelle Stunde im Bundestag zu der Affäre geben. Der SPD-Vorsitzende Gabriel verglich das Verhalten Guttenbergs indessen mit dem des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi. Es könne nicht sein, dass ein Medienstar Sonderrechte genieße, sagte Gabriel. Nach bisherigem Stand des Textvergleichs zwischen Guttenbergs Dissertation und ihren Quellen sind auf siebzig Prozent aller ihrer Seiten ein oder mehrere Plagiate zu finden.

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