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Nach dem Rücktritt Guttenbergs : Die CSU gibt der CDU den „Sargnagel“ zurück

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Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer sieht das Vertrauen in die Demokratie erschüttert. Bild: dapd

Seehofers Partei will die Unterstützung der Guttenberg-Anhänger nicht verlieren und findet in der Schwesterpartei Schuldige. Derweil haben die Anhänger des ehemaligen Verteidigungsministers zu Demonstrationen für den „Kanzler der Herzen“ aufgerufen.

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          Mit politischer Nachsorge ist am Donnerstag die CSU-Führung beschäftigt gewesen. Es galt, die in der Anhängerschaft der CSU verbreitete Enttäuschung über den Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs von seinen politischen Ämtern in Bahnen zu lenken, die sich möglichst nicht gegen die eigene Partei richten. Insofern bot es sich an, eine Linie, die schon in den vergangenen Tagen eingeschlagen worden war, fortzusetzen - und im Gestus der Empörung auf die Schwesterpartei CDU zu zeigen, in deren Reihen es an der gebotenen Loyalität gegenüber Guttenberg gefehlt habe.

          Der CSU-Vorsitzende Seehofer, an den Berliner Schauplatz an die Seite des neuen Bundesinnenministers Friedrich geeilt, nahm zwei Äußerungen von CDU-Politikern auf, die in seiner Partei mit einigem Ingrimm registriert worden waren: Die Bekundung von Bundesbildungsministerin Schavan, sie schäme sich nicht nur heimlich über Guttenbergs Verhalten bei seiner Dissertation; und der Satz, der Bundestagspräsident Lammert zugeschrieben und von ihm nicht dementiert wurde, die Plagiatsaffäre sei ein „Sargnagel“ für das Vertrauen in die Demokratie.

          Darüber werde mit der CDU-Vorsitzenden noch zu reden sein, grollte Seehofer - und fügte ein wenig doppeldeutig an, es gehe nicht um inhaltliche Positionen, sondern um eine Stilfrage. Wer das so verstehen mochte, in der sachlichen Beurteilung der Causa Guttenberg hätten CSU und CDU gar nicht so weit auseinander gelegen, konnte es so verstehen, musste es aber nicht. Seehofer erwies sich wieder einmal als Weitwinkel-Politiker: Er hatte augenscheinlich die akademischen Kreise, die nicht begeistert sind über den Umgang der Union mit dem Plagiatsaffäre, genau so wenig aus dem Blick verloren als die Guttenberg-Fans, die ihr Idol für ein Opfer einer Intrige politischer Gegner halten. Andere CSU-Granden äußerten sich weniger kunstvoll-dialektisch; Innenminister Herrmann geißelte, dass es unter den Unionsmitgliedern im Bundeskabinett „keine volle Solidarität“ gegeben habe.

          Amtswechsel: Der neue Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU, Zweiter von rechts.) neben dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker (rechts), und Amtsvorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg

          Aufrufe zu Demonstrationen am Wochenende

          Die Stoßrichtung dieser und anderer Äußerungen war eindeutig: Die CSU ist darauf bedacht, dass sich die Popularität, die Guttenberg in Teilen ihrer Wählerschaft immer noch genießt, nicht gegen sie kehrt. Aufmerksam werden in der Partei nicht nur die Zuschriften an die Geschäftsstellen der CSU registriert. Noch größere Beachtung widerfahren Aktivitäten im Internet, vor allem auf Facebook, mit bis zu sechsstelligen Einträgen bei einschlägigen Gruppen, darunter „Wir wollen Guttenberg zurück“. In diesem Social-Media-Kosmos bietet sich zwar ein überaus schillerndes Bild, mit einer Mischung aus ernsten Beiträgen bis zu Ulk und Schabernack, der fünften Jahreszeit angemessen.

          Ohne Wirkung bleiben die Aufrufe zu Demonstrationen für eine Rückkehr Guttenbergs, die an diesem Samstag in zahlreichen Städten stattfinden sollen und seine Verklärung zum „Kanzler der Herzen“ aber nicht auf die CSU. Seehofer selbst trat in Berlin die Flucht in den Superlativ an und erklärte Guttenberg kurzerhand „zu den genialsten Köpfen, die wir jemals hatten“ - und ergänzte noch, mit Blick auf die politische Zukunft könne er sich „alles vorstellen“.

          Mit dem Rückzug Guttenbergs rücken in der CSU alte und neue Hoffnungsträger ins Rampenlicht. Markus Söder, einst zumindest in seiner eigenen Wahrnehmung ein Kronprinz Stoibers, war in Guttenbergs Hochzeiten schon fast mitleidig begegnet worden; nun widerfährt ihm wieder mehr Aufmerksamkeit, auch wenn es noch keine Facebook-Gruppe „Wir wollen Söder zurück“ - als Kronprinzen - gibt. Söder stimmte am Donnerstag auch in den Unmutschor der CSU gegenüber der CDU ein, ohne allerdings die Schärfe, die ihn als CSU-Generalsekretär gekennzeichnet hatte.

          Und auch der großen Öffentlichkeit bislang weniger bekannte Gesichter rücken in den Vordergrund, darunter Stefan Müller, der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Dem 35 Jahre alte Müller werden gute Aussichten auf den Vorsitz der Landesgruppe zugemessen: Dass er ein neuer Guttenberg wird, wünschen ihm aber nicht einmal seine Gegner.

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