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Guttenberg im Bundestag : „Ich war offensichtlich überlastet“

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Verteidigungsminister zu Guttenberg hat sich im Bundestag abermals für „Fehler“ in seiner Doktorarbeit entschuldigt. Er habe weder bewusst noch vorsätzlich getäuscht. Die Ausarbeitung der Dissertation „stellte für mich offensichtlich eine Überlastung dar“.

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          Verteidigungsminister zu Guttenberg hat sich am Mittwoch in der Aktuellen Stunde im Bundestag abermals zu den Plagiatsvorwürfen geäußert. Er gab abermals zu, Fehler bei seiner Doktorarbeit gemacht zu haben und entschuldigte sich. Er habe offensichtlich eine „sehr fehlerhafte Doktorarbeit geschrieben“. „Dann kann ich nur sagen, dass das ein schlechtes Signal gewesen ist.“

          Er sei am Mittwoch durch einen Bericht in der „Süddeutschen Zeitung“ erstmals mit den Vorwürfen konfrontiert worden. Auf die Frage, ob seine anfängliche Erklärung, die Vorwürfe gegen ihn seien „abstrus“, nicht vorschnell gewesen sei, sagte Guttenberg: „Nein.“ Dieser Teil seiner Erklärung sei weiterhin gültig, weil sie sich auf den Vorwurf bezogen hätten, die Arbeit sei ein Plagiat, sagte der Verteidigungsminister. Ein Plagiat setze aber voraus, dass man bewusst und vorsätzlich täusche. Er habe aber in allen Stellungnahmen deutlich gemacht, dass er weder bewusst noch vorsätzlich getäuscht, jedoch gravierende Fehler gemacht habe.

          Guttenberg wies Vorwürfe zurück, er habe verschleiern wollen, Ausarbeitungen des Wissenschaftlichen Dienstes für seine Arbeit benutzt zu haben. Die Themen der Ausarbeitungen hätten bereits früher unter anderem in seiner politischen Arbeit im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages eine Rolle gespielt. Er habe die Ausarbeitungen bei vielen Reisen und Vorträgen genutzt. „Der Mandatsbezug war also ganz klar gegeben bei diesen Ausarbeitungen, die ich angefordert habe.“

          „Ich war so hochmütig zu glauben, dass mir die Quadratur des Kreises gelingen würde”

          Er sei „hochmütig gewesen“ zu glauben, alle Aufgaben bewältigen zu können

          Der Nutzen für die Dissertation habe sich erst später ergeben. Es seien ihm hier aber an zwei Stellen bei Fußnoten Fehler unterlaufen. Guttenberg wies auf seine Belastung zum Zeitpunkt der Erstellung seiner Doktorarbeit hin. Er sei sicher „so hochmütig“ gewesen zu glauben, dass ihm die Quadratur des Kreises gelinge und er als junger Familienvater die politische und wissenschaftliche Arbeit in Einklang bringen könne. „Für mich stellte das offensichtlich eine Überlastung dar“, gab Guttenberg zu. Er stelle heute mit Bedauern fest, dass ihm diese Quadratur nicht gelungen sei. „Dazu stehe ich.“ Deshalb verzichte er auf den Doktortitel.

          Guttenberg hatte die Plagiatsvorwürfe in der vergangenen Woche zunächst als „abstrus“ zurückgewiesen. Erst später gestand er „gravierende Fehler“ in seiner Arbeit ein und erklärte, er wolle auf seinen Doktorgrad dauerhaft verzichten. Guttenberg sagte, er habe sich erstmals am Wochenende angesichts der Vorwürfe gegen ihn intensiv mit seiner Doktorarbeit beschäftigt und entschieden, vollständig auf den Titel zu verzichten. Zuvor habe er wegen seiner Afghanistanreise und wegen der Vorgänge um die toten Bundeswehrsoldaten dazu keine Zeit gefunden.

          „Ich bin ein Mensch mit Fehlern und Schwächen“

          Er habe sich vor der deutschen Öffentlichkeit entschuldigt, betonte Guttenberg. An einigen Stellen seiner Arbeit habe er den Überblick verloren. Zum Vorwurf, unrechtmäßig den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages für seine Arbeit herangezogen zu haben, sagte der Minister: „Da ich die Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste in den wissenschaftlichen Kontext meiner Arbeit eingestellt und reflektiert habe, sah ich meine Arbeit als vom Zitatrecht des Urheberrechts umfasst an.“ Er akzeptiere den Vorwurf, dass Teile der Arbeit nicht dem wissenschaftlichen Kodex entsprächen.

          Auf die Frage nach möglicher Hilfe oder einem sogenannten Ghostwriter betonte der Minister, er habe mehrfach gesagt, dass er die Arbeit persönlich geschrieben habe. Guttenberg sagte, er habe mehrfach darauf verwiesen, dass er ein Mensch mit Fehlern und Schwächen sei. Er habe die Fehler in seiner Doktorarbeit unbewusst und ohne Täuschungsabsichten gemacht. Die Vorgänge zeigten, zu welcher Sorgfalt man bei der Erstellung von wissenschaftlichen Arbeiten gezwungen sei und künftig gezwungen sein werde. Dass eine Arbeit im Internet „tausendfach korrigiert“ wurde, sei sicher ein Novum. Guttenberg sagte, es gebe Bereiche in seiner Arbeit, von deren wissenschaftlichem Wert er fest überzeugt sei.

          SPD: „Sie haben gelogen“

          Die SPD bezichtigte dagegen Guttenberg der Lüge. „Sie haben getäuscht, Sie haben betrogen, Sie haben gelogen“, sagte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann in der Aktuellen Stunde im Bundestag. „Ich finde es unerträglich, dass die Bundeskanzlerin die Entscheidung getroffen hat, dass ein akademischer Hochstapler und Lügner weiterhin dem Kabinett angehören darf.“

          Kanzlerin Merkel (CDU) opfere die Wahrheit der Macht. Es dürfe keine Sonderrechte für Minister geben. „Mit Schummeln und Mogeln zerstören Sie die Wissenschaftskultur“, sagte Oppermann, der früher Wissenschaftsminister in Niedersachsen gewesen war.

          Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin warf Guttenberg vor, mit zweierlei Maß zu messen. Der Verteidigungsminister habe erklärt, ihm sei nicht bewusst gewesen, dass er Passagen in seine Doktorarbeit übernommen und die Übernahmen nicht kenntlich gemacht habe. Jedem Offiziersanwärter, der dies behauptet hätte, hätte man entgegnet, das sei eine nicht akzeptierbare Schutzbehauptung, sagte Trittin.

          Der Betroffene hätte nicht nur akademische Probleme bekommen,
          sondern wäre auch disziplinarrechtlich belangt worden. Guttenberg
          habe immer betont, für sich nicht andere Maßstäbe gelten zu lassen.
          Wenn dies stimme, dann hätte Guttenberg jetzt nicht mehr im Amt sein
          dürfen. „Dann hätten sie zurücktreten müssen“, sagte Trittin. An die Adresse Merkels gerichtet, sagte Trittin: „Frau Bundeskanzlerin, die Bundeswehr darf nicht mehr von einem Felix Krull kommandiert werden. Entlassen Sie Herrn Dr. zu Guttenberg.“



          „Den Überblick über die Quellen verloren“?

          Guttenbergs Erklärungen im Überblick

          Am Mittwoch voriger Woche , dem Tag seiner Abreise nach Afghanistan, trat Verteidigungsminister Guttenberg dem an diesem Tag in der Presse erstmals erhobenen Plagiatsvorwurf in einer schriftlichen Erklärung entgegen. „Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus. Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten... Sollte jemand auf die Idee kommen zu behaupten, Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt, stelle ich fest: Dies trifft nicht zu. Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung.“

          Nachdem die Vorwürfe im Internet und in der Presse erheblich ausgeweitet wurden, gab Guttenberg nach seiner Rückkehr aus Afghanistan am Freitagmittag vor ausgewählten Journalisten eine mündliche Erklärung ab: „Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat... Sie enthält fraglos Fehler... Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht. Sollte sich jemand hierdurch oder durch inkorrektes Setzen und Zitieren oder versäumtes Setzen von Fußnoten ... verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid. Die eingehende Prüfung und Gewichtung dieser Fehler obliegt jetzt der Universität Bayreuth... Ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone: vorübergehend, auf das Führen des Titels verzichten, allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen... Jede weitere Kommunikation über das Thema werde ich von nun an ausschließlich mit der Universität Bayreuth führen.“

          Am Montagabend trat Guttenberg bei einer CDU-Veranstaltung in Kelkheim bei Frankfurt auf. Am gleichen Abend richtete er die Bitte an die Universität Bayreuth, die Verleihung des Doktorgrads rückgängig zu machen. Der Minister begründete diesen Schritt in Kelkheim damit, dass er sich seine Arbeit über das Wochenende noch einmal intensiv angesehen habe. „Und nach dieser Beschäftigung, meine Damen und Herren, habe ich auch festgestellt, wie richtig es war, dass ich am Freitag gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht führen werde.“ Er habe feststellen müssen, dass er „gravierende Fehler“ gemacht haben, „die den wissenschaftlichen Kodex ... nicht erfüllen. Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht.“ Er habe „an der ein oder anderen Stelle, an der ein oder anderen Stelle auch zu viel, auch teilweise den Überblick über die Quellen verloren.“ Dafür entschuldige er sich. Guttenberg verglich in seiner Rede mit einer „oberfränkischen Wettertanne“, die sich auch von „solchen Stürmen“ nicht umhauen ließe.

          In der Fragestunde des Bundestags am Mittwoch hielt Guttenberg an seiner Bewertung fest, der Plagiatsvorwurf sei „abstrus“. „Ich habe in allen meinen Stellungnahmen gesagt, dass ich weder bewusst noch vorsätzlich getäuscht habe.“ Die vielen fehlenden Zitationen begründete Guttenberg mit der Mehrfachbelastung durch Familie, Politik und Wissenschaft. „Sieben Jahre hat's gedauert, das erklärt auch viele Fehler.“ „Es hätte der Glaubwürdigkeit tatsächlich geschadet, wenn man sich nicht zu seinen Fehlern bekannt hätte.“ (bin.)

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