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Guttenberg-Demos : Wo Solidarität auf Satire trifft

Spott in Hamburg: Mitglieder des „Adel-Fanclubs” präsentieren sich als vermeintliche Befürworter Guttenbergs Bild: dpa

Einen Klick auf Facebooks „Gefällt mir“-Button darf man nicht mit Sympathie verwechseln. Einzelne Internetgruppen riefen deutschlandweit zu Demonstrationen auf. Daraus wurde vor allem ein Wettbewerb der Witze - für und gegen Guttenberg.

          Seine Freunde kann man sich nicht aussuchen, schon gar nicht, wenn Hundertausende Menschen behaupten, es zu sein. So lässt es sich auch Karl-Theodor zu Guttenberg nicht vorwerfen, dass zu den vielen Unterstützern, die im Internet seine Rückkehr in die Politik fordern, auch die Gruppe „Kommunistisches Bündnis pro Guttenberg“ gehört.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Das Bündnis rief zu Demonstrationen am Samstag auf, wie viele andere Menschen in dem Internet-Netzwerk Facebook auch. Sie sammelten sich in der Gruppe „Wir wollen Guttenberg zurück“. Am Wochenende waren es schon weit mehr als 550.000 Menschen, die sich der Forderung angeschlossen hatten, mit einem Klick auf den Button „Gefällt mir“. Nicht viele scheinen es dabei aber allzu ernst gemeint zu haben.

          „Wer hat Gutti verraten? Christdemokraten“

          Ausgerechnet in Berlin, dem Ort des Aufstiegs Guttenbergs, war der Spott über seinen Fall am Samstag am größten. Während in mehreren deutschen Städten Menschen ernsthaft für die Rückkehr Guttenbergs auf die Straße gingen, kamen sie in Berlin, um ihn und seine Anhänger zu verhöhnen. Auf dem Pariser Platz demonstrierten zwar einige Dutzend für Guttenberg; allerdings verstanden die meisten von ihnen ihren Einsatz als Satire.

          Echte Solidarität dagegen in Guttenberg - unter den Demonstranten auch der Vater des Ex-Verteidigungsministers

          Die unter dem Namen „Hedonistische Internationale“ bei Facebook organisierte Gemeinschaft junger Berliner versammelte sich mit selbst gebastelten Plakaten und verkleidet mit Glitzerfolie, Hühnermasken und Pappkronen: „KT – Schwert und Schild der BRD“, „KTG, führ uns ins Licht“, „Guttenberg muss Kaiser werden“ oder „Wer hat Gutti verraten? Christdemokraten“ waren einige der Parolen, mit denen sich die Spaßdemonstranten über die wenigen wirklichen Pro-Guttenberg-Demonstranten lustig machten.

          Ein Wettbewerb der Witze

          Allein den staunenden Touristen und den vielen Journalisten war es zu verdanken, dass sich eine kleine Menschenmenge um die Spötter versammelte. Erwartet worden waren 1.000 Demonstranten. Die Polizei, deren Angaben zufolge die Kundgebung friedlich verlief, hatte wenig zu tun; verärgert waren nur die Pferdekutschenlenker, deren Kutschen von Fotografen erklommen wurden. Einige ältere Menschen, die sich offenbar wirklich Guttenbergs Rückkehr in die Politik wünschen, nannten den Spaßprotest „schamlos“ und Guttenberg einen „Menschen, der Fehler gemacht hat, aber den wir brauchen“. Bei eisiger Kälte hielten sie es aber nicht allzu lange vor dem Brandenburger Tor aus.

          Auch in anderen Städten zeigte sich, dass ein Klick auf den „Gefällt mir“-Button nicht mit Sympathie verwechselt werden darf. In Frankfurt war die Demonstration an der Hauptwache angemeldet, wo sich der Strom aus Touristen und Einkaufswilligen vermischte. Gut 70 Demonstranten waren gekommen, sie entrollten ein Banner, auf dem blau auf weiß stand: „Er ist nicht weg, er nimmt Anlauf.“ Neben ihnen standen, in schwarze Jacken gehüllt, gut 30 weitere Demonstranten, die deutlich lauter waren. Sie schwenkten eine „Bild“-Zeitungs-Fahne und skandierten zum Beispiel: „Titel für alle, sonst gibt's Krawalle“. Es wurde so vor allem ein Wettbewerb der Witze – für und gegen Guttenberg.

          Welle der Sympathie geriet zur Farce

          Es gab aber auch Demonstrationen frei von Ironie, in Guttenberg zum Beispiel. In der Heimat der Familie zu Guttenberg sollen es 2.000 Menschen gewesen sein, die ihre Sympathie mit dem zurückgetretenen Verteidigungsminister bekundeten. Die Gemeinde Guttenberg hat 581 Einwohner. Zu ihnen gehört auch Enoch zu Guttenberg, der ebenso demonstrierte und vor sich eine Torte her trug, ein Bild von seinem Sohn darauf. Daneben stand geschrieben: „Karl-Theodor – Wir stehen zu Dir.“ So wurde er zu einem guten Fotomotiv.

          Auch in Frankfurt posierten die Pro-Guttenberg-Demonstranten gerne für die Kameras, hielten den Fotografen ihre Schilder mit Aufdrücken wie „Gegen Medienhetze“ in die Objektive und rückten enger zusammen, wenn die Fotografen darum baten. Es gab für jeden Demonstranten einen Spruch auf einem Zettel im A-4-Format. Und während manche noch posierten, gesellte sich eine weitere Dame mit Stoppel-Haarschnitt zu den Demonstranten, sie blätterte den Stapel mit den Sprüchen durch und entschied sich dann für: „Ich stehe hier weil ich es leid bin, von der Politik unterschätzt, nicht gehört und für dumm verkauft zu werden.“

          Am Wochenende sollte eine Welle der Sympathie aus dem Internet auf die deutschen Straßen schwappen. Es wurde eine Farce. „Facebook schafft es auf die Straße“ skandierten die Demonstranten in Frankfurt. Die Jungs in den schwarzen Jacken grinsten. Im Netzwerk äußerten sich einige Nutzer am Sonntag in Kommentaren enttäuscht über die Zahl der Demonstranten. Andere riefen zum Weitermachen auf: Habe man erst einmal eine Million Anhänger für die Seite gewonnen, sei die Seite eine gute Plattform für die Koordination „weiterer und besserer Aktionen“, schrieb einer.

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