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Guttenberg-Demos : Hier Erlöser, dort Betrüger

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„Gutti ist der Beste”: Auch in Berlin forderten Demonstrations-Teilnehmer die Rückkehr des zurückgetretenen Verteidigungsministers Bild: dapd

Guttenberg erregte am Wochenende weiter die Gemüter. Bundesweit demonstrierten am Wochenende aufgebrachte Bürger für den zurückgetretenen CSU-Politiker. Dessen Vater Enoch bezeichnete die Kritik an seinem Sohn als „Menschenjagd“.

          Hunderte Menschen haben sich am Samstag bundesweit an Sympathiekundgebungen für den zurückgetretenen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beteiligt. Allein im Heimatort des CSU-Politikers, im oberfränkischen Guttenberg, folgten nach Veranstalterangaben rund 2.000 Fans einem Aufruf im Internet-Netzwerk „Facebook“ und demonstrierten für eine Rückkehr des 39 Jahre alten Guttenbergs in die Politik. Aber auch Kritiker gingen auf die Straße. Die Union stritt derweil über den Umgang mit ihrem ehemaligen Shootingstar.

          In Guttenberg protestierten die Demonstranten mit Plakaten wie „Neid muss man sich erarbeiten“ und „Gutti war zu gut für Euch“ gegen den Rücktritt. Veranstalter war die Junge Union (JU) Kulmbach. Guttenbergs Vater, Enoch zu Guttenberg, kritisierte die „Häme und Selbstgerechtigkeit“, mit der über seinen Sohn hergezogen worden sei. Dies habe er seit 1945 so nicht mehr erlebt. Die Kritik an seinem Sohn in der Plagiats-Affäre bezeichnete der 64 Jahre alte Dirigent als „Menschenjagd“.

          „Dieser Geifer und Jagdrausch der politischen Gegner macht Angst um das Verbleiben der Mitmenschlichkeit in unserem Land“, sagte Enoch zu Guttenberg. Die Schläge unter die Gürtellinie seien so massiv gewesen, dass sie für alle in der Familie schwer zu ertragen gewesen seien. Der CSU-Lokalpolitiker Gerhard Schneider sprach von einer „Hexenjagd“.

          „Wir wollen Guttenberg zurück”: Sympathisanten des ehemaligen Verteidigunsministers in seiner gleichnamigen Heimatgemeinde

          Auch in München und Rosenheim gingen jeweils zirka 300 Guttenberg-Anhänger auf die Straße. Ihr Motto: „Karl-Theodor zu Guttenberg soll bleiben“. „KT wir glauben an Dich“ oder „Ein Guttenberg tritt nicht zurück, er nimmt nur eine Auszeit“, hieß es auf den Plakaten. Zahlreiche Redner riefen zu Guttenberg zum „Helden“ aus oder kritisierten eine „linke Medienhetze“ in der Plagiatsaffäre. Ein Demonstrant hielt gar ein Schild mit einem Bild des jungen König Ludwigs nach oben, versehen mit den Worten „please come back“.

          Ein Guttenberg-Kritiker mit dem Schild „Lügner, Betrüger, Fälscher - uns total egal“ wurde von den Demonstranten abgedrängt, ähnlich wie ein anderer, der sich mit einer ironischen Ansprache über „Guttis“, einem bayerischen Ausdruck für Süßigkeiten, zwischen die Redner geschmuggelt hatte.

          In Berlin versammelten sich zunächst einige Dutzend Guttenberg-Fans und -Gegner am Brandenburger Tor. Auf satirischen Transparenten hieß es unter anderem „KTG - der Erlöser“, „Guttenberg muss Kaiser werden“ oder „Wir sind dein Volk“. In Hamburg protestierten rund 150 Anhänger des ehemaligen Ministers, in Frankfurt am Main etwa 80, in Köln knapp 50. In Bremen, Hannover und Leipzig fielen geplante Kundgebungen mangels Interesse aus.

          In Hamburg versammelten sich nach Angaben der Polizei gut 350 Guttenberg-Anhänger auf dem Gänsemarkt in der Innenstadt. Die Veranstalter - die Junge Union Geesthacht - hatte mit 1000 Unterstützern des Politikers gerechnet. Den Guttenberg-Befürwortern standen rund 150 Gegendemonstranten gegenüber, die auf Plakaten unter anderem „Schluss mit den Doktorspielchen“ oder ironisch „Monarchie: Jetzt oder nie“ forderten und selbstgedruckte Doktortitel verteilten.

          Streit in der Union

          Unterdessen wurde in der Union abermals Kritik an der Haltung von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in der Plagiatsaffäre laut. Der Chef der Jungen Gruppe von CDU- und CSU-Abgeordneten, Marco Wanderwitz, warf Lammert laut der Internetseite der „Bild“-Zeitung in einem Brief vor, Guttenberg „in seinen schwersten Stunden“ nicht unterstützt zu haben. Der Parlamentspräsident soll vor SPD-Abgeordneten gesagt haben, die Affäre und ihre Begleitumstände seien „ein Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie“. Der CDU-Abgeordnete Wanderwitz schrieb Lammert: „Es kann und darf nicht unser Verständnis von Miteinander in der Union sein, so gegen Mitglieder der eigenen Fraktion zu schießen. Ich bitte Sie, sich von derartigen Aussagen über Karl-Theodor zu Guttenberg zu distanzieren oder sich, so diese gefallen sind, dafür zu entschuldigen!“

          Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) rechnet mit juristischen Konsequenzen für den ehemaligen Verteidigungsminister wegen der gegen ihn erhobenen Plagiatsvorwürfe. „Wenn alle Vorwürfe zutreffen, die die Universität Bayreuth bislang geäußert hat, dann wird Herr zu Guttenberg noch Konsequenzen zu tragen haben“, sagte Böhmer der Zeitung „Hamburger Abendblatt“. Böhmer schloss zwar eine Rückkehr Guttenbergs in die Politik nicht aus, warnte jedoch dabei vor zu viel Eile. „Ich wäre dafür, erst einmal Zeit vergehen zu lassen und dieses Thema ruhen zu lassen“, riet er allerdings vorerst zur Zurückhaltung. Zu den Auseinandersetzungen innerhalb der Union sagte Böhmer: „Die Solidarität zwischen Schwesterparteien kann nicht über gravierende Vorgänge hinwegsehen.“

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