https://www.faz.net/-gpf-d3t

Fall Guttenberg : Wie gut ist die Doktorandenbetreuung?

Ex-Doktorand Guttenberg - gab es überhaupt regelmäßige Gespräche mit dem Doktorvater? Bild: dpa

In Bayreuth haben sämtliche Qualitätssicherungssysteme der Wissenschaft versagt. Hat der emeritierte Doktorvater die Arbeit nur quergelesen? Oder war es eine seltene Melange von parteipolitischem Filz, Sympathien und Sponsoring?

          4 Min.

          Auch nach dem Rücktritt Verteidigungsministers zu Guttenberg (CSU) ist die Frage nach den Standards der Doktorandenbetreuung und ihrer Qualitätskontrolle nicht geklärt. Die deutsche Wissenschaft wäre gut beraten, die Chance beim Schopfe zu ergreifen und auch selbstkritisch zu fragen, ob die in der Plagiatsaffäre zu Recht verteidigten hohen Qualitätsmaßstäbe des Wissenschaftssystems auch wirklich überall greifen. Es gibt neben den Professoren, die Doktorandenbetreuung ausgesprochen ernst nehmen, regelmäßige Kolloquien abhalten, ständig im Kontakt mit ihren Doktoranden sind und die Arbeit kapitelweise vorbesprechen, auch unter den Doktorvätern schwarze Schafe, die Arbeiten ohne Betreuung annehmen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Es soll sogar Doktorväter geben, die Arbeiten ihrer Doktoranden gar nicht selbst lesen, sondern einen Habilitanden mit der Lektüre betrauen und nach Aussage des Münchner Plagiatsexperten Volker Rieble selbst solche, die Doktoranden das Votum für ihre Dissertation selbst schreiben lassen. Das dürfte aber die absolute Ausnahme sein.

          Den wissenschaftlichen Ghostwritern zuleibe rücken

          Weniger selten allerdings kommt es vor, dass Dissertationen bis zu zwei Jahre liegen bleiben und dann binnen einer Woche gelesen werden müssen, was eine sorgsame Lektüre ebenso ausschließt wie die stichprobenartige Prüfung des Textes auf Plagiate. Von einer generellen Plagiatskontrolle rät Rieble trotzdem ab. Für die betroffenen 5 Prozent der Doktoranden sei sie einfach zu kostspielig.

          Für viel wichtiger hält er, den wissenschaftlichen Ghostwritern zu Leibe zu rücken, die wesentlich besser fälschten, als das in der Textcollage Guttenbergs geschehen sei. Externe Doktoranden, die womöglich auch noch berufstätig sind, schreiben ihre Dissertation in jeder Hinsicht unter schwierigeren Bedingungen als immatrikulierte Doktoranden. Das entschuldigt freilich nicht grundlegendes wissenschaftliches Fehlverhalten.

          Gab es keine regelmäßigen Gespräche zwischen Häberle und Guttenberg?

          Warum nur konnten sämtliche Qualitätssicherungssysteme der Wissenschaft im Falle Guttenberg so kläglich versagen? Das ist die Frage, die Wissenschaftler und mit Promotionsverfahren Betraute am meisten umtreibt. Darauf konnte die Erklärung des Doktorvaters Peter Häberle auch keine Antwort geben. Gab es womöglich keine regelmäßigen Gespräche zwischen Häberle und seinem Doktoranden, die gezeigt hätten, was Guttenberg liest, wie er denkt, welche Ideen er entwickelt, weil der Doktorand zu beschäftigt war?

          Man wüsste es gern und kann sich mit Häberles Auskunft, er habe den Werdegang seiner Arbeit, wie bei all seinen Doktoranden, „ohne jede äußere Beeinflussung nach besten Kräften betreut“ nicht zufriedengeben. „Im Blick auf die Originalität der Fragestellung und die Intensität der inhaltlichen Ausarbeitung hielt ich jede Form eines Vorwurfs für ausgeschlossen - zumal Herr zu Guttenberg stets zu meinen besten Seminarstudenten gehörte“, schreibt Häberle weiter.

          Dass die Fragestellung der Dissertation („Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“) eine Untersuchung wert ist, bestätigen alle Juristen, auch der Zweitgutachter, der Europarechtler Rudolf Streinz. Peter Häberle ist ein Professor vom alten Schlag, der seine Doktoranden begeistern wollte, der nicht nur literarisch interessiert, sondern wirklich belesen ist, sich für klassische Musik - möglicherweise auch für den dirigierenden Vater seines ehemaligen Doktoranden - begeistert und Klavier spielt, dem der Kulturstaat ein Anliegen ist und der seinem Doktoranden vertraut hat. Er konnte es sich nicht vorstellen, so hintergangen zu werden, und es wäre ihm gar nicht in den Sinn gekommen, elektronische Plagiatssoftware - so wirkungslos sie auch immer sein mag - einzusetzen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) spricht in Salzgitter mit Journalisten.

          Wegen Angriff auf Syrien : VW-Werk in der Türkei steht vor dem Aus

          Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil sieht wegen der türkischen Invasion keine Grundlage mehr für die geplante Milliardeninvestition. Das sei ein „Schlag ins Gesicht von Menschenrechten“.
          Luisa Neubauer: Die „Fridays for Future“-Bewegung wird medial vor allem von jungen Frauen repräsentiert.

          Shell-Jugendstudie : Es ist der Klimawandel, Dummkopf!

          „Eine Generation meldet sich zu Wort“: So heißt die 18. Shell-Jugendstudie. Eine neue Entwicklung stellten die Autoren nicht nur bei Themen fest, die Jugendlichen Sorgen bereiten – sondern auch bei den Geschlechterrollen.
          Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton Ende September in Washington D.C.

          Wegen Ukraine-Affäre : Bolton wollte Giulianis Vorgehen überprüfen

          Die Ukraine-Affäre zieht immer weitere Kreise. Medienberichten zufolge soll Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton über das Vorgehen Rudy Giulianis so beunruhigt gewesen sein, dass er einen Anwalt einschalten wollte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.