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Der Politiker zu Guttenberg : Eine seltene Erscheinung

Bild: reuters

Zugetraut wurde ihm viel - Parteivorsitz, Staatskanzlei, auch das Kanzleramt, aber kein Plagiat. Als er mit der Plagiatsaffäre ins Taumeln gerät, will in der Partei zunächst niemand das bis dahin Undenkbare denken. Vom Aufstieg und Fall eines Hoffnungsträgers.

          Am Ende brechen alle Schleusen. Mit vollem Ellbogeneinsatz drängen die Reporter und Kameraleute durch die Tür, die sich gerade zu schließen gedroht hat und hasten durch den piependen Metalldetektor, ohne noch einmal anzuhalten. Eine Hundertschaft von Journalisten hat sich zu dieser, nur eine halbe Stunde vor Toresschluss anberaumten Stellungnahme von Karl-Theodor zu Guttenberg eingefunden. Keiner will diesen – wie man schon zu diesem Zeitpunkt für gewiss hält – letzten Auftritt des in jeder Hinsicht aufregendsten Ministers dieser Bundesregierung verpassen. Die Feldjäger an der Sicherheitsschleuse blicken einander an und lassen es gewähren. Auch im Abgang sprengt dieser Minister alle Dimensionen.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Guttenberg steigt die Treppe hinunter in die Säulenhalle im Bendlerblock. In diesem düsteren Raum pflegen die Verteidigungsminister Statements abzugeben, wenn etwa ein ausländischer Kollege zum Gespräch gekommen ist. Guttenberg tritt auf den Teppich hinter ein Pult.

          Zwei Wochen lang hat die Auseinandersetzung über seine Doktorarbeit gedauert, die „Plagiataffäre“. Zwei Wochen, in denen immer weitere Einzelheiten bekannt werden, teils erhebliche, teils weniger erhebliche, was am Ende keinen Unterschied mehr macht. Seitenweise aus anderen Werken in die Doktorarbeit kopierte Texte – aus wissenschaftlichen Büchern, Aufsätzen, Zeitungsartikeln und bestellten Arbeiten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags – das sind die erheblichen Einzelheiten, die zwangsläufig zum Vorwurf des Plagiats führen.

          Der Bundesverteidigungsminister bei seiner Rücktrittserklärung am Dienstag in Berlin

          Zwei Wochen auch, in denen Guttenberg immer neu reagiert. Erst schnell – auf dem Weg nach Afghanistan – und abwertend: „abstrus“. Drei Tage später selbstgerecht: wenn sich einer verletzt fühlt, weil ein paar von 1300 Fußnoten nicht sauber sitzen, dann entschuldige er sich aufrichtig. Dann zwischen Reue und Triumph auf einer Parteiveranstaltung der CDU. Schließlich die Demutsbekundung im Bundestag am vergangenen Mittwoch – verbunden mit der Wendung, durch das Eingeständnis von eigenen Fehlern könne er, Guttenberg, doch auch wieder vorbildhaft sein. Dazwischen abgesagte Veranstaltungen. Wer hätte am vergangenen Freitag ohne sarkastische Kommentare von seinem Vortrag beim Kongress christlicher Führungskräfte berichtet? Er war mit dem Titel angekündigt: „Mit Werten in Führung gehen“.

          Witze als Indizien für den politischen Spielraum

          Zwei Wochen schließlich, in denen immer mehr Witze über Guttenberg kursieren: Ein Techniker an der Pforte des Bendlerblocks soll den Kopierer holen – „der ist gerade in Afghanistan“. Witze mögen unbedeutende Begleiterscheinungen sein, aber sie sind ein gutes Indiz dafür, wie viel politischen Spielraum einer noch hat.

          Wenige Jahre ist es nur her, dass der junge Freiherr aus Franken von den hinteren Bänken des Bundestages aus in das allerdings sofort sehr grelle Licht der Öffentlichkeit getreten ist. Guttenberg nimmt einen Aufstieg, für den es in der Geschichte der CSU kaum Parallelen gab. Zunächst gehört er nur zu der Riege Nachwuchspolitiker der CSU, die 2002 mit dem Rückenwind der Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers in den Bundestag einrücken – Guttenberg souverän als Direktkandidat im Wahlkreis Kulmbach, mit fulminanten 63 Prozent der Erststimmen. Er erwirbt sich rasch einen Ruf als Außenpolitiker, der sich auf dem internationalem Parkett sehen lassen kann und nicht nur in der deutschen Sprache Eloquenz beweist. Doch zunächst muss auch Guttenberg in den hinteren Reihen der Politik verharren, ist sein Name nur in seinem Wahlkreis und außenpolitischen Fachleuten in Berlin bekannt.

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