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Der Fall Guttenberg : Nicht der Herr des Verfahrens

Verteidigungsminister zu Guttenberg an diesem Mittwoch vor der Kabinettssitzung Bild: dapd

Mit einer Flucht nach vorn versucht Verteidigungsminister zu Guttenberg, seine politische Karriere zu retten. Doch sein Vorgehen ist „abstrus“ - nicht der Plagiatsvorwurf gegen seine Dissertation. Der Fall hinterlässt viele Geschädigte. Es geht um die Prinzipien der Wissenschaft.

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          Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat die Flucht nach vorn angetreten und versucht seine politische Karriere zu retten. Er hat der Universität Bayreuth einen Brief geschrieben und ihr darin mitgeteilt, den Doktortitel zurückgeben zu wollen. (Siehe auch: Dokumentation: Guttenbergs Brief an die Universität Bayreuth)

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Das ist bemerkenswert, denn noch am Freitag war nur davon die Rede, dass er seinen Titel vorübergehend ruhen lassen wolle. Als Jurist müsste Guttenberg wissen, dass beides nicht möglich ist. Eine Promotion ist ein Verwaltungsakt, den man nicht ruhen lassen oder zurückgeben kann, das ist „abstrus“ - nicht der Plagiatsvorwurf gegen seine Dissertation.

          Großer Schaden für die Universität Bayreuth

          Die Universität vergibt einen Doktortitel nach einem schriftlichen und mündlichen Leistungsnachweis (Dissertation und Rigorosum), und sie entzieht ihn, wenn sich Täuschungsvorwürfe bewahrheiten sollten. Sie oder die Promotionskommission der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ist Herrin des Verfahrens, nicht Guttenberg, auch wenn dieser in der Öffentlichkeit gern diesen Anschein erweckt.

          Plagiatsvorwürfe: Die Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg

          Der Schaden für die Universität Bayreuth ist groß, für Guttenbergs Doktorvater, einen renommierten emeritierten Verfassungsrechtler, der Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ist, sogar immens. Er hat schließlich eine Arbeit, die von ihrem Autor nach eingehender Lektüre nachträglich als „Blödsinn“ bezeichnet wird, mit der Bestnote „summa cum laude“ bewertet. Nach der jüngsten Stellungnahme stellt sich die Frage, ob Guttenberg eigentlich seine Arbeit am Wochenende zum ersten Mal ganz gelesen hat.

          Prominentenbonus für den fränkischen Freiherrn?

          Spätestens der Zweitgutachter hätte merken müssen, dass die Arbeit kein summa verdient, wenn schon die Plagiate unentdeckt blieben. Das Zweitgutachten ist eine Evidenzkontrolle, bei der zunächst das Votum des Erstgutachters und die vorgelegte Dissertation gelesen werden, um dann ein kürzeres Votum zu formulieren. In der Regel liegen juristische Dissertationen bei etwa 250 Seiten, also hätte schon der deutlich größere Umfang auffallen müssen. Schon bei den Gesprächen des Doktoranden mit dem Doktorvater stellt sich gewöhnlich heraus, wie der Kandidat arbeitet, was er liest und ob er auf dem Stand der Forschung, auf die er sich bezieht, eigenständig weiterdenken kann.

          Hat es all das im Falle Guttenberg nicht gegeben? Hat der fränkische Freiherr einen Prominentenbonus genossen? Wenn der Doktorvater schon die Plagiate nicht bemerkt hat, hätte er doch Anstoß nehmen müssen an den Stilbrüchen in der Arbeit, an leeren Floskeln und am hohlen Schein von Wissenschaft. Nähme die Universität den Doktortitel einfach so zurück, verstärkte sich in der Öffentlichkeit der Eindruck, die Wissenschaft bestehe aus Lug und Trug.

          Es geht um die Prinzipien der Wissenschaft

          Schon im Interesse des gesamten Wissenschaftssystems musste die Universität Bayreuth ein ordentliches Verfahren einleiten, die Plagiate und die Arbeit überprüfen. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wird das Verfahren mit dem Entzug des Doktortitels enden. Denn es geht im Falle Guttenberg eben nicht einfach um ein paar Fußnoten und eine erdrückende Zahl von Plagiaten, es geht um die Prinzipien der Wissenschaft selbst und um eine bestimmte Haltung: mehr zu scheinen, als zu sein.

          Wissenschaft lebt vom Bezug auf das, was andere vor einem gedacht haben oder denken. Das geschieht in der Regel durch Fußnoten, die eine gedankliche Auseinandersetzung mit den Texten und Erkenntnissen anderer Autoren belegen. Wer hingegen die Gedanken anderer als seine eigenen ausgibt, macht sich des Diebstahls geistigen Eigentums schuldig. Das Wissenschaftssystem muss diesen Regelverstoß streng ahnden, weil es gegen Unredlichkeit ganz besonders empfindlich ist.

          Grundbedingung Ehrlichkeit

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