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Andreas Fischer-Lescano : Entdecker der Guttenberg-Plagiate schrieb ab - von sich selbst

  • -Aktualisiert am

Der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano Bild: dpa

Auch eine Publikation von Andreas Fischer-Lescano, der als erster Plagiate in Guttenbergs Dissertation aufgedeckt hat, offenbart eine Ungereimtheit. Fischer-Lescano zeigte sich hinsichtlich seiner eignen Publikationen freizügig im Umgang mit Zitierregeln.

          Die Kontroverse um den aus dem Amt geschiedenen Bundesverteidigungsminister hat die Frage nach den Ansprüchen an wissenschaftliche Arbeiten in einer Weise angeheizt, dass sich auch viele der sonst für ihre Nüchternheit bekannten Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten zu emphatischen Bekundungen zur Notwendigkeit ihrer strikten Einhaltung motiviert sahen.

          Die Einstimmigkeit der Reaktionen könnte nun vermuten lassen, dass hier ein sehr seltener und außergewöhnlicher Fall vorliegt und dass die diesbezüglichen Regeln insgesamt sehr eindeutig und unstrittig sind. Tatsächlich sind auch einige der von Guttenberg gebrochenen Regeln nicht in Frage zu stellen, und folglich ist die Kritik an seiner Vorgehensweise höchst legitim.

          Für den weiteren Verlauf der an diesem Fall entzündeten Diskussion könnte es jedoch nützlich sein, zu fragen, ob es sich hier um einen Einzelfall handelt, der durch kollektive Empörung über seinen Verursacher bereinigt werden kann, oder ob nicht auch systemimmanente Unklarheiten im Umgang mit diesen Regeln mitverantwortlich sind. Wie genau geht die Praxis des wissenschaftlichen Alltages mit den selbstauferlegten Regeln um?

          Auch die Durchsicht der Publikationsliste von Andreas Fischer-Lescano, Professor an der Universität Bremen, der als erster Plagiate in Guttenbergs Dissertation aufgedeckt hat, offenbart eine Ungereimtheit. Andreas Fischer-Lescano ist zwar nicht der Irrtum unterlaufen, Texte anderer Autoren für seine eignen zu halten, aber hinsichtlich seiner eignen Publikationen zeigt sich ein doch freizügiger Umgang mit Zitierregeln.

          So besteht sein Beitrag „Fragmentierung des Weltrechts: Vernetzung globaler Regimes statt etatistischer Rechtseinheit“, den er gemeinsam mit Gunther Teubner im 2007 beim VHS Verlag erschienen Sammelband „Weltstaat und Weltstaatlichkeit“ veröffentlicht hat, bis auf den ersten Absatz aus fast wörtlichen Passagen aus dem von den beiden Autoren im Jahr davor bei Suhrkamp erschienen Band „Regimekollisionen“, ohne Hinweis darauf, dass es sich um bereits veröffentlichtes Material handelt. Der genannte Aufsatz besteht somit aus der Übernahme von Buchkapiteln, für die zwar andere Überschriften formuliert wurden, und teilweise wurden die Anfangssätze leicht adaptiert, um die Übergänge zwischen den Fragmenten abzurunden, aber sonst findet sich dort kaum Neues.

          Auch dieses Vorgehen verstößt gegen die Regeln des redlichen wissenschaftlichen Arbeitens. Auch wenn wir hier im Zweifel über das Zustandekommen dieser Fehler zunächst Irrtum vermuten wollen, müssen wir dafür unser Wohlwollen mit dem Autor doch recht strapazieren.

          Erstaunlicherweise haben die Autoren nämlich auch einzelne Wörter durch Synonyme ersetzt, eine Verhaltensweise, aus der Experten im Fall zu Guttenberg Vorsatz abgeleitet hatten. So wurde etwa aus „Aber auch dies genügt noch nicht (...)“ im Original (S. 41) „Das genügt immer noch nicht (...)“ im Wiederabdruck (S. 45), oder die Fußnote 8 wurde im neuen Text durch einen Kommentar zur Wirkung des dort zitierten Textes ergänzt.

          Es bleibt somit zumindest die Frage offen, wann hier unwissenschaftliches Handeln vorliegt und wie dafür geeignete Abgrenzungskriterien entwickelt werden könnten. In diesem Zusammenhang ist es sicher nicht unbeachtlich, welche Vorteile dem Verfasser solcher Texte daraus erwachsen, wenn er nicht aufgedeckt wird. Insofern muss jedenfalls für Wissenschaftler ein restriktiverer Maßstab gefordert werden, da ihr Marktwert bekanntlich nicht unwesentlich vom Umfang ihrer Publikationsliste abhängt.

          Beim hier vorliegenden Fall ist jedenfalls zu vermuten, dass der Beitrag von Andreas Fischer-Lescano (gemeinsam mit Gunther Teubner) weniger Aussicht auf Veröffentlichung gehabt hätte, wenn alle Passagen die wörtlich aus ihrem zuvor veröffentlichten Buch übernommen worden sind, auch als solche ausgewiesen worden wären. Es wäre zumindest höchst unüblich, dass ein Text abgedruckt wird, der zum Großteil aus wörtlichen (wenn auch eigenen) Zitaten besteht. Es wäre dagegen vollkommen unproblematisch gewesen, wenn die Autoren angegeben hätten, dass es sich bei ihrem Beitrag um eine Kurzfassung eines bereits veröffentlichten Textes handelt.

          Ein nicht als solcher ausgewiesener Wiederabdruck eines Textes ist sicher auch hinsichtlich des Vertrauens der Käufer von Büchern sehr problematisch. Gerade bei hochspezialisierten Themen gibt es Leser, die einen Sammelband kaufen, um die aktuelle Sicht eines bestimmten Autors in Erfahrung zu bringen und nicht - wie im konkreten Fall -, um 34,95 Euro für einen Text zu bezahlen, den man womöglich schon einmal gekauft hat.

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