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Die Grünen und die Kirche : Durchs Klösterle in die Politik

  • -Aktualisiert am

Gar nicht so verschieden: Voker Beck und Kardinal Meissner Bild: AP

Jenseits von Meisner, Mixa und Müller: Die Grünen und die katholische Kirche haben sich inzwischen mehr zu sagen, als man denken könnte. Patientenverfügungen, das Embryonenschutzgesetz oder die Rechte der Illegalen - der Dialog zwischen Politik und Bischöfen könnte fruchtbar sein. Von Oliver Hoischen.

          Bei alldem muss man wissen: Claudia Roth ist von Beruf Dramaturgin. Mit achtzehn Jahren machte sie ihr erstes Theaterpraktikum am Landestheater Memmingen, sie studierte Theaterwissenschaften in München, arbeitete an den Städtischen Bühnen in Dortmund, war Managerin der Band „Ton, Steine, Scherben“.

          So ist zu erklären, dass nicht nur ihr, sondern auch ihrem Zuhörer beinahe die Tränen in die Augen steigen, als sie von ihrer katholischen Kindheit in Bayern erzählt, von ihrem sonntäglichen Gang mit der lieben Oma ins „Klösterle“, wo eine kitschige Statue des heiligen Franziskus es ihr besonders angetan hatte, mit allerlei Häschen und Tauben, denn der heilige Franziskus ist ja der Schutzheilige der Tiere. „Der katholische Ritus hat mich fasziniert: die Kerzen, die Monstranz, der Weihrauch. Das war auch der Grund, warum es mich später zum Theater zog“, beichtet die Grünen-Vorsitzende.

          In ihrem Berliner Abgeordnetenbüro hat sie zwei Kerzen angezündet, obwohl noch gar nicht Advent ist. Es gibt viel zu erzählen: Sogar Ministrantin habe sie werden wollen - aber das ging damals noch nicht, das durften nur Jungen. „Mulier tacet in ecclesia - das war so ein Spruch, den ich überhaupt nicht einsehen wollte“, sagt Claudia Roth. Je älter sie wurde, desto mehr lag sie mit der Institution Kirche über Kreuz, trat schließlich aus. Heute arbeitet sie sich noch immer an der Kirche ab, vor allem natürlich an Walter Mixa, dem Bischof von Augsburg, jener Stadt, in der sie ihren Wahlkreis hat. Durchgeknallter spalterischer Oberfundi? Pol Pot? Claudia Roth schätzt das Theatralische, den politischen Krawall.

          Für Katholiken nicht wählbar

          Wenn sie will, kann sie aber auch ruhig feststellen, dass Augsburg eigentlich die Stadt des Religionsfriedens von 1555 sei. Oder sie kann von dem Musikfestival Musica Sacra berichten: Sakrale Musik aller Weltreligionen sei immer auch in den Kirchen Augsburgs gespielt worden, bis 2005 Bischof Mixa in sein Amt gekommen sei, der habe das verboten. Immer wieder Mixa. Mit dem kann sie nicht. Bei anderen Kirchenmännern hingegen gerät Claudia Roth geradezu ins Schwärmen: Den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, nennt sie einen „klugen Mann voller Herzenswärme“. Die Grünen haben es sich mit der Kirche nie leichtgemacht, vor allem mit der katholischen.

          Wenn Frau Roth über Bischof Mixa spricht, dann ist es wie damals, als jeder noch in seinem Schützengraben lag. Da erklärte Joseph Kardinal Höffner die Grünen als für Katholiken nicht wählbar - wegen deren Haltung zum Paragraphen 218 und zur Ehe. Da revanchierten sich die Grünen, indem sie den Papst bei seinem Deutschland-Besuch 1987 aufforderten, endlich die historische Schuld für die Hexenverfolgungen anzuerkennen. Um die Trennung von Kirche und Staat ging es, um Religionsunterricht, Kirchensteuer, Militärseelsorge und immer wieder um die Abtreibungsfrage, obwohl Petra Kelly, Antje Vollmer und Christa Nickels schon im Mai 1986 auf einem Bundesparteitag in das Wahlprogramm einfügen ließen: „Wir erkennen an, dass ungeborenes Leben schützenswert ist.“

          Schnittmengen zwischen Grünen und Kirche

          Dabei verliefen grüne Lebenswege oft so wie der von Andrea Fischer, der früheren Gesundheitsministerin: Sie war bei der katholischen Jugend, engagierte sich für Entwicklungspolitik und - zack - fand sie sich bei den Grünen wieder. „Oft wurde ich gefragt: Was hat dich eigentlich in die Politik gebracht?“, sagt sie heute. Inzwischen antworte sie: die Kirche. Andrea Fischer beschäftigte sich mit Biomedizin und Behindertenpolitik, und es lag fast auf der Hand, dass sie vor einigen Jahren wieder in die Kirche eintrat. Genauso wie Winfried Kretschmann, der nicht nur Vorsitzender der Grünen-Fraktion im baden-württembergischen Landtag ist - sondern auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Für Kretschmann ist längst klar: „Die Grünen haben inzwischen verstanden, dass die Kirche in vielen Fragen ihr Verbündeter ist.“ Zum Beispiel: Als Papst Johannes Paul II. den Einmarsch der Amerikaner in den Irak verurteilt habe, tat er das mit den Worten: „Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit.“ Wenig später sei dieser Satz das Motto eines grünen Landesparteitags gewesen - „da steckte ich gar nicht dahinter“.

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