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Die Grünen nach der Wahl : Jamaika klingt besser als „Schwampel“

Fischer: „Wir haben auch gegen Frau Merkel gekämpft” Bild: AP

„Wer stellt den Kanzler?“, formulierte Joschka Fischer die entscheidende Frage seiner Partei. Die Grünen halten Distanz zur Union, wollen aber am großen Koalitions-Puzzlespiel mitwirken.

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          Die Landesflagge von Jamaika zeigt zwei schwarze und zwei grüne Felder, die durch ein gelbes Kreuz über die Diagonalen voneinander geschieden sind: Schwarz-Gelb-Grün. Die mögliche Konstellation eines Regierungsbündnisses von Union, FDP und Grünen wird deshalb nun weitum als „Jamaika-Koalition“ bezeichnet.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Daß der Begriff so schnell Karriere machen konnte, liegt wohl auch an der konkurrierenden und bislang eher gebräuchlichen Bezeichnung „Schwampel“. Sie steht, angelehnt an die „Ampel“ für die Konstellation SPD-FDP-Grüne, für „schwarze Ampel“. Schwampel ist allerdings als Metapher ziemlich schräg und als Begriff etwas unappetitlich; anders Jamaika, das wohl bei den meisten Grünen angenehme Assoziationen an die weiche, rhytmische Reggae-Musik von Bob Marley hervorruft.

          Fischer: An der Gestaltung des Landes weiter mitwirken

          Claudia Roth, die Parteivorsitzende, formulierte am Montag: „Ich war noch nicht in Jamaika, aber ich bin alter Reggae-Fan, und das hat herzlich wenig mit der Leitkultur von Herrn Stoiber zu tun.“ Joschka Fischer hingegen, der Spitzenkandidat, hatte sich den Satz zurechtgelegt, als er den Begriff am Wahlabend zum ersten Mal gehört habe, habe er „kein Gesicht verzogen“, doch müsse man sich die Unionsleute einmal vorstellen, „mit Reggae-Locken auf dem Kopf und einer Tüte in der Hand“.

          Wie appetitlich also ist diese Konstellation politisch für die Grünen? Am Wahlabend liefen die Großen aus Partei und Fraktion durch den ehemaligen Flughafen-Hangar, in dem die Party abgehalten wurde, und gaben sich erstaunt (dabei Miene machend wie die Katze, die am Sahnetopf war), daß nun Leute wie Schäuble empföhlen, mit ihnen, den Grünen, zu sprechen. Vage sprach Fischer auf der großen Bühne davon, die Grünen hätten den Auftrag erhalten bei der Gestaltung des Landes weiter mitzuwirken, „ob das in der Opposition ist oder in einer anderen Rolle, das müssen wir sehen“.

          „Keine Mehrheit für eine neokonservative Wende“

          Am Montag wurde er dann klarer. Das Wahlergebnis habe klargemacht, „daß es keine Mehrheit für eine neokonservative Wende in Deutschland gibt“. Das sei „ein ganz, ganz wichtiges Signal“, und alle Gespräche, die die Grünen führen würden, würden von dieser Grundlage ausgehen müssen. Fischer sagte „neokonservativ“, nicht „neoliberal“, das Wort, das sonst aus grüner Sicht den Beelzebub bezeichnet, zugleich aber stärker an die FDP als an die Union gemahnt.

          Noch deutlicher: „Wir haben auch gegen Frau Merkel gekämpft, und das wird unsere Gespräche bestimmen“. Gilt das auch für Westerwelle? Nein, sagte Fischer, da der FDP-Vorsitzende ja diesmal nicht als Kanzler aufgetreten sei, müsse er in diesem Zusammenhang auch nicht genannt werden. „Es geht um die Frage, wer stellt den Kanzler, das ist die entscheidende Frage.“

          Grüne als Oppositionspartei?

          Es war vielleicht auch als Versuch zu verstehen, die eigene Partei darauf vorzubereiten, daß man an sich Undenkbares nun denken müsse, also Bemühungen um ein Bündnis mit der FDP, als Fischer sagte, „daß dies ein kompliziertes Ergebnis ist, das für mich auch Ausdruck demokratischer Reife und ist, aber auch großen Eigensinns der Deutschen, daß dieses allerdings zu akzeptieren ist und daß man damit umgehen muß“.

          Denn schon meldete sich auch die berühmte Partei-„Basis“ zu Wort, etwa in Gestalt des Münsteraner Rechtsanwalts Wilhelm Achelpöhler, der in der Vergangenheit immerhin eine größere Zahl von Parteilinken aus Nordrhein-Westfalen gegen die „Agenda 2010“ und die Hartz-Gesetze hatte mobilisieren können: Die „Perspektive der Grünen als Oppositionspartei jenseits aller Ampeln und Schwampeln“ sei zukunftsträchtiger, man wolle auf einem Treffen darüber diskutieren, wie sich die Grünen als Oppositionspartei „erneuern“ könnten.

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