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Die Grünen : Genug von den Fischers

Unter Druck: Die sitzerprobte Gründer-Generation der Grünen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Pochen auf den Generationswechsel: Bei den Grünen rollt die junge Garde das Feld geschickt von hinten auf. Das Aus für Rot-Grün sehen sie als ihre Chance.

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          „Wir hätten auf jeden Fall mit einer Doppelspitze antreten und eine starke Frau neben Joschka Fischer stellen müssen“, sagt Grietje Bettin. Die 29 Jahre alte Bundestagsabgeordnete verhehlt nicht ihren Unmut über die selbstherrliche Entscheidung ihrer Parteiführung. „Bei der Basis stößt das auf Unverständnis“, berichtet sie aus ihrem Landesverband Schleswig-Holstein.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          „Die Unkenrufe, ohne Fischer seien die Grünen verloren, sind falsch. Wir haben genug gute junge Leute“, sagt auch Anna Lührmann. Als Kind war sie mit neun Jahren in einem „Greenteam“ der Umweltschutzorganisation „Greenpeace“ zu Öko-Ideen verführt worden, mit achtzehn wurde sie jüngste Abgeordnete im Bundestag. Wie die meisten jungen Grünen findet auch Anna Lührmann, heute 22, daß die Sache mit dem Spitzenteam, in dem sich nur die „glorreichen Neun“ - die Minister, Partei- und Fraktionsvorsitzenden und Geschäftsführer - hinter Fischer einreihen, schlecht gelaufen ist.

          „Es ist klar, daß dieser Wahlkampf nicht als Ein-Mann-Show zu gewinnen ist“, sagt auch Alexander Bonde zu Fischers einsamem Spitzenplatz. Man müsse die Breite des Personals deutlich zeigen, findet der 30 Jahre alte Bundestagsabgeordnete aus Baden-Württemberg. „Es gelten andere Regeln als 2002", umschreibt er die nachlassende Strahlkraft der grünen Ausnahmefigur, für die man seinerzeit den „Systembruch“ beging und die traditionelle Doppelspitze aufgab.

          Das Aus für Rot-Grün als Chance?

          Ob Anfang Zwanzig und Mitte Dreißig - die jungen Grünen wehren sich gegen das in den Medien verbreitete Bild, die Grünen seien eine „Eine-Generation-Partei“, in der nur die Fischers und Trittins, die Roths und die Bütikofers das Sagen haben. Die sind alle fünfzig und älter und gehören zu den grünen Gründern. Bettin, Lührmann und Bonde sind indes über die grüne Jugend in den Bundestag gekommen. Bei der Wahl im Herbst werde man mehr als drei Leute aus der Nachwuchsorganisation ins Parlament hieven. „So rollt man langsam das Feld von hinten auf“, sagt Bettin lachend.

          Das Aus für Rot-Grün sehen die Jungen auch als ihre Chance. „Das Ende des rot-grünen Projekts ist ganz unabhängig vom Wahlausgang eine Zäsur“, sagt Bonde. „Sie wird sich auch darin abzeichnen, wieviel Jüngere in verantwortliche Positionen rücken.“ Während Bettin in Schleswig-Holstein die Landesliste anführt und Lührmann in Hessen hinter Fischer auf dem dritten Platz kandidieren will, muß Bonde in Baden-Württemberg um Platz 4 fechten - gegen den 50 Jahre alten „grünen Neoliberalen“ Oswald Metzger, der nach einer Auszeit wieder in den Bundestag drängt.

          „Da geht es auch um die Frage: Will man Altbestände zurückholen, oder setzt man tatsächlich darauf, daß die jüngere Generation nach vorne kommt?“, macht Bonde Generationenwerbung in eigener Sache. „Wir haben wohl den Fehler gemacht, daß wir uns nicht rechtzeitig nach vorne gedrängelt haben“, sagt auch Kerstin Andreae, Jahrgang 1968, die für den Wahlkreis Freiburg im Bundestag sitzt. Sie könnte Uschi Eid, Parlamentarische Staatssekretärin im Entwicklungshilfeministerium und Jahrgang 1949, den Spitzenplatz im Südwesten streitig machen.

          „Realismus und Substanz“

          Programmatisch sieht sich die junge Garde gerüstet. Sie hat sich dafür in der Gruppe „Realismus und Substanz“ zusammengefunden. Deren theoretischer Kopf heißt Peter Siller, Jahrgang 1970, und arbeitet im Planungsstab des Auswärtigen Amtes. Siller hat mehrere grüne Programme geschrieben und will nun ebenfalls in den Bundestag.

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