https://www.faz.net/-gpf-8zdqm

Weimarer Verhältnisse? (6) : Ordnung ohne Hüter

  • -Aktualisiert am

Zeichnung einer Festungsanlage der Maginot-Linie aus dem Jahre 1940. Bild: www.bridgemanimages.com

Die Rede von der „Wiederkehr des Kalten Krieges“ führt in die Irre. Richtig wäre ein Vergleich mit den Konstellationen der Zwischenkriegszeit. Die sind jedoch zu wenig geläufig. Ein Gastbeitrag.

          Die Pariser Friedensverträge von 1919/1920 haben Europa neu geordnet. Benannt nach den Vororten der französischen Hauptstadt, in denen sie unterzeichnet wurden – Versailles, Saint-Germain, Trianon, Neuilly und Sèvres – verschoben sie nicht nur die politischen Kräfteverhältnisse. Sie schufen auch eine neue Ordnung der Staaten in Mittel- und Osteuropa sowie im Vorderen Orient. Diese Neuordnung löste jedoch keineswegs sämtliche alten Probleme, und in vielen Fällen riss sie neue Wunden auf.

          Im geschlagenen Deutschland wurde vor allem über den Versailler Vertrag diskutiert, der von der politischen Rechten bis zur Linken abgelehnt und bekämpft wurde. Eine Reihe von Gebietsabtretungen, namentlich des Elsass und von Teilen Schlesiens, wurden als ungerecht und Diktat der Sieger empfunden. Tatsächlich war es in Versailles nicht gelungen, das von dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker mit den Sicherheitsvorstellungen der Siegermächte und den Ansprüchen einer Reihe von neu entstandenen Staaten zur Deckung zu bringen.

          Deutsche Unzufriedenheit mit der Ordnung Europas

          Obendrein hatte Deutschland an den Pariser Friedensverhandlungen nicht als Partner teilgenommen, sondern die von den Siegern festgelegten Bedingungen entgegengenommen. Versailles galt darum als Diktat- und nicht als Verhandlungsfrieden. Dass die Weimarer Koalition den Vertrag nach einigem Hin und Her dann doch unterschrieb, weil die Unterschriftsverweigerung für Deutschland noch nachteiliger gewesen wäre, wurde zu einer schweren Belastung der neuen Republik, eine Hypothek, die einiges zu ihrem Scheitern beitrug. In konservativen und rechten Kreisen keimten Revisionsvorstellungen, und schon bald wurde dort über Revisionskriege nachgedacht.

          Diese blieben indes reine Gedankenspiele, solange bei einer großen Mehrheit der Deutschen die Leiden und Lasten des Weltkriegs präsent waren. Bis zum Aufstieg Hitlers war die deutsche Unzufriedenheit mit der in Paris geschaffenen Ordnung Europas ein innenpolitisches Problem, aber keines für die Ordnung selbst.

          In großen Teilen Europas gab es Kriege

          Vor die größten Schwierigkeiten stellte die Pariser Unterhändler – entgegen der deutschen Wahrnehmung – nicht der mächtige Akteur in der europäischen Mitte. Es war der Untergang der drei Großreiche, die bis 1917/18 Mittel- und Osteuropa, den Balkan sowie den Nahen Osten beherrscht hatten, was in einer auf Versailles fixierten Betrachtung der Nachkriegsordnung zumeist übersehen worden ist: Saint-Germain, Trianon und Sèvres waren das größere Problem, und tatsächlich wurden im Geltungsbereich dieser Verträge Kriege geführt, lange bevor Hitler damit begann, die Versailler Ordnung in Frage zu stellen.

          Flüchtlingskinder aus Anatolien in Athen im Jahr 1923.

          Mittel- und Osteuropa sowie der Balkan waren zwischen 1919 und 1939 ein Raum ständiger Kriege, die nicht selten mit Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung einhergingen. Das blieb nicht ohne Folgen für die Verfassungsordnung dieser Länder: Von den Staaten Mittelost- und Südosteuropas, die 1918/19 neu entstanden, war 1938 nur noch die Tschechoslowakei eine Demokratie – und die wurde dann durch Hitler beseitigt.

          Weitere Themen

          Fist Bump mit Barack Obama Video-Seite öffnen

          Greta Thunberg in Washington : Fist Bump mit Barack Obama

          Die junge schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat sich in Washington mit dem früheren amerikanischen Präsidenten Barack Obama getroffen. Er bezeichnete die 16-Jährige als „eine der größten Verteidigerinnen unseres Planeten“.

          Topmeldungen

          Brexit-Debatte : Schottland droht mit neuem Unabhängigkeitsreferendum

          Die schottische Ministerpräsidentin Sturgeon hat ein Unabhängigkeitsreferendum für das kommende Jahr angekündigt, sollte es zu einem No-Deal-Brexit kommen. EU-Kommissionspräsident Juncker will konkrete schriftliche Vorschläge von Premierminister Johnson.

          Series 5 im Test : Wie gut ist die neue Apple Watch?

          Am Freitag kommt die neue Smartwatch von Apple in den Handel. Die dunkle Anzeige im Ruhemodus ist damit Vergangenheit. Das Display der Series 5 ist immer eingeschaltet. Aber es gibt ein Problem.
          Ministerpräsident Daniel Günther und Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer am Dienstag in Kiel

          Einheitsfeier in Kiel : Last und Lust des großen Festes

          In Kiel findet das zentrale Fest zum Tag der Deutschen Einheit in diesem Jahr statt. Das ist für Land und Stadt eine große Ehre – aber in der Organisation auch eine Belastung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.