https://www.faz.net/-gpf-7lgz3

Zuwanderung : Dort lasst euch ruhig nieder

  • -Aktualisiert am

Nicht zu unterschätzen waren aber auch die Interessen der „Gastarbeiter“, die sich mit der ihnen zugedachten Rolle der flexiblen Arbeitsmarktreserve nicht abfanden. Sie erwiesen sich als eigenständige Akteure, die ihre Interessen ebenso nachdrücklich verfolgten und durchsetzten wie andere Gruppen in der westdeutschen Gesellschaft auch. Schließlich müssen die Interessen der Herkunftsländer genannt werden, die massiven politischen Druck auf die Bundesregierungen der fünfziger und sechziger Jahre ausgeübt hatten, um Anwerbeabkommen zu schließen. Damit konnten sie sich von eigenen sozialen und ökonomischen Integrationsproblemen entlasten. Für die Herkunftsländer bedeutete der Gastarbeiter-Export Deviseneinnahmen exorbitanten Ausmaßes: Zwischen 1960 und 1973 wurden rund 44 Milliarden Mark in die Herkunftsländer überwiesen. 1972 überwiesen die türkischen Arbeitnehmer 2,1 Milliarden Mark in ihr Heimatland, womit das Handelsbilanzdefizit der Türkei von 1,8 Milliarden Mark mehr als ausgeglichen wurde.

Die Deviseneinnahmen waren ein fest einkalkulierter Faktor in den staatlichen Wirtschaftsplänen. Deshalb war das Interesse an einer Rückkehr der Landsleute meist nur gering ausgeprägt. Hier liegt auch die Erklärung für die offensichtliche Kluft zwischen der seit Jahrzehnten mehrheitlich zuwanderungsskeptischen Bevölkerung, der restriktiven Rhetorik der Politik, die Handlungsfähigkeit demonstrieren wollte, und den Politikergebnissen, die durch starke Zuwanderung gekennzeichnet sind.

Wanderungsströme können nicht wie mit einem Schieber mal in diese, mal in jene Richtung gelenkt werden. Das gilt erst recht dann, wenn es zu „Kettenwanderung“ kommt, also ausgewanderte Pioniere über Netzwerke Verwandte und Bekannte dazu motivieren, ebenfalls auszuwandern. Kettenwanderung ist stets ein dynamischer, sich selbst verstärkender Prozess. Demokratische Rechtsstaaten tun sich besonders schwer, kontrollierend und begrenzend auf einmal in Gang gesetzte Wanderungsbewegungen einzuwirken. Das zeigen auch die Erfahrungen mit dem „europäischen Migrationssystem“ in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg mit mehr als 40 bilateralen Wanderungsverträgen.

Die Erfahrungen europäischer Nachbarstaaten sind trotz aller Unterschiede (vor allem hinsichtlich der Zuwanderung aus früheren Kolonien) ähnlich: Die Einwanderung löste sich vom Bedarf der Arbeitsmärkte und entwickelte sich weitgehend unkontrolliert. Meist gelang es nicht, die widerstrebenden Ansätze zu einer konsistenten Politik zusammenzuführen und damit zu einer gesteuerten Zuwanderung zu kommen. Auch konnten die sozialpolitischen Folgen in den Städten nicht befriedigend gelöst werden. Als Reaktion schränkten alle westeuropäischen Anwerbestaaten zu Beginn der siebziger Jahre die Zuwanderung stark ein. Zu den unbeabsichtigten Nebenwirkungen gehörte ein angepasstes Wanderungsverhalten der „Gastarbeiter“ und ihrer Familien, das letztendlich die Niederlassungsprozesse beschleunigte.

Weitere Themen

Seehofer verbietet rechtsextreme Gruppe Video-Seite öffnen

„Combat 18" : Seehofer verbietet rechtsextreme Gruppe

Nach dem Verbot der rechtsextremen Organisation „Combat 18" durch Bundesinnenminister Seehofer, haben Polizeibeamte im Zusammenhang damit in insgesamt sechs Bundesländern mehrere Objekte durchsucht.

Topmeldungen

Die Frau, die Weinstein verteidigt : Straftat oder Sünde?

Harvey Weinstein wird von Donna Rotunno verteidigt. Die Frau, die auch schon als „Bulldogge des Gerichtssaals“ bezeichnet wurde, ist Spezialistin für vermeintlich aussichtslose Fälle – und ist von seiner Unschuld überzeugt.
Ein Zug mit Containern steht auf Gleisen am Bahnhof. Künftig sollen in Rostock Hybrid-Lokomotiven in Zusammenarbeit mit dem japanischen Unternehmen Toshiba hergestellt werden.

In Rostock : Toshiba und Bahn bauen Hybrid-Lokomotiven

Für die Güterverkehrstochter DB Cargo sind insgesamt 100 Fahrzeuge geplant. Der Schienenkonzern will damit eine Million Liter Diesel im Jahr einsparen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.