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Zuwanderung : Dort lasst euch ruhig nieder

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Als unwiderlegbar galt bis Anfang der siebziger Jahre die Prognose, dass dem Mangel an Arbeitskräften, der in einigen Regionen und in einigen Branchen herrschte, nur durch einen Import von Arbeitskräften begegnet werden könne. Ansonsten, so hieß es auf Arbeitgeberseite, drohten Kostensteigerungen durch Lohnerhöhungen oder verbesserte Arbeitsbedingungen. Beides aber wäre dem Wirtschaftswachstum abträglich.

Der Anwerbestopp markierte eine Abkehr von dieser Politik, die einseitig auf die quantitative Vergrößerung des Arbeitskräftepotentials von außen setzte. Auf einer neuen Linie lagen auch die Vorschläge der Bund-Länder-Kommission zur Ausländerbeschäftigung aus dem Jahr 1977. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer Million Arbeitsloser sprach sich die Kommission gegen eine Lockerung des Anwerbestopps für einzelne Branchen aus. Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen sei ein gangbarer Weg, um auch für weniger beliebte Arbeitsplätze Personal zu finden: „Eine der Ursachen für die Schwierigkeit in manchen Branchen, inländische Arbeitskräfte zu gewinnen, liegt daran, dass ihre Beschäftigungskonditionen (Bezahlung, Arbeitsbedingungen, Ausbildung, sozialer Status) nicht schnell und flexibel genug den Bedingungen in der übrigen Wirtschaft angepasst worden sind“, hieß es in der Stellungnahme. „In diesen Fällen kann ein geschlossener Arbeitsmarkt einen heilsamen Schock ausüben, langfristig unerlässliche Umstellungen des Produktionsapparates vorzunehmen und die Arbeitsbedingungen humaner zu gestalten. Nur so wird es gelingen, die Arbeitsplätze der betroffenen Betriebe wieder attraktiver zu machen.“

Seitens der Bundesregierung wurde der Anwerbestopp im Jahr 1973 mit der „Ölkrise“ und ihren mutmaßlichen Folgen begründet. Verstanden werden muss er allerdings als Reaktion auf eine immer stärker werdende öffentliche Debatte, die sich vor allem auf die sozialen Folgeerscheinungen in vielen Städten bezog. In vielen Medien hieß es, durch Zuwanderung seien „überlastete Siedlungsgebiete“ entstanden. In der Tat war längst nicht mehr zu übersehen, dass sich ein beträchtlicher Teil der Gastarbeiter in der Bundesrepublik niederlassen wollte.

Schon im Jahr 1968 lebten 58 Prozent aller verheirateten männlichen ausländischen Arbeitnehmer mit ihren Ehefrauen in der Bundesrepublik Deutschland, 1972 waren es 62 Prozent der verheirateten Männer und 92 Prozent der Frauen. Ebenfalls schon 1968 lebten die meisten Gastarbeiter in privaten Wohnungen (61 Prozent der Männer, 73 Prozent der Frauen), 1972 waren es 92 Prozent. Was die Familienangehörigen der Gastarbeiter angeht, so waren 1961 rund 137 000 Familienangehörige in der Bundesrepublik Deutschland registriert, was 20 Prozent der Ausländer entsprach. 1975 war die Zahl der Familienangehörigen auf etwa 2,1 Millionen gestiegen. Sie stellten mehr als die Hälfte der in der Bundesrepublik registrierten Ausländer.

Die ausländische Bevölkerung konzentierte sich der Nachfrage entsprechend in Städten und Ballungszentren. Dort sammelte sie sich zudem in jenen Stadtvierteln, in denen die einheimischen sozial Schwachen lebten. Die niedrigen Einkommen, das Interesse an billigem Wohnraum und räumlicher Nähe zu Landsleuten ließen keine andere Entwicklung erwarten. Mangelhafte Sprachkenntnisse, die Interessen skrupelloser Vermieter und Spekulanten sowie die ebenfalls anzutreffende bewusste Benachteiligung von Gastarbeitern durch Vermieter kamen hinzu. Also konnten die Gastarbeiter nur auf jenen Sektor des Wohnungsmarktes zugreifen, den die Einheimischen ihnen überließen: Altbauwohnungen mit schlechter Bausubstanz und/oder schlechter Ausstattung.

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