https://www.faz.net/-gpf-8ubx2

Zerfällt Europa? (22) : Europa mit den Augen eines Verliebten

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Die EU ist ein wunderbar utopisches Gebilde. Um ihre Haltbarkeit zu testen, wird von allen Seiten auf sie eingedroschen. Die Hoffnung aber, es werde irgendetwas besser werden, wenn jeder wieder seinen Kopf in seinen eigenen Sand steckt, führt in die Irre. Von Marius Ivaškevičius

          12 Min.

          Heute, da Europa von allen Seiten angegriffen und geprügelt wird, reagiere ich darauf wie ein Verliebter: Auf die eine Waagschale lege ich alle Mängel dieses Europas und auf die andere die Frage, ob ich ohne es leben könnte. Und kein einziger seiner Mängel und nicht einmal alle zusammen wiegen so schwer wie diese Frage. Ich wüsste nicht, wie ich ohne es weiterleben sollte. Deshalb will und kann ich mich dem Chor jener nicht anschließen, die es belehren und ihm raten, wie es sein und in welche Richtung es sich ändern sollte: Soll es seltener in den Club und öfter in die Kirche gehen, so aussehen und nicht anders, Geld ausgeben oder sparen, die einen lieben und die anderen nicht? Wie einem echten Verliebten scheinen mir diese Fragen heute nicht wesentlich zu sein, zumal jene, die sie stellen, dann gerne so schließen: Wenn Europa es nicht so macht, wie ich sage, dann ist es verdammt. Schminkt es euch ab.

          Als echter Verliebter behaupte ich, dass das gemeinsame Europa uns alle überlebt: seine Kritiker und seine Enthusiasten. Es wird sich ändern, und das mehr als einmal, im Inneren und im Äußeren, es wird vielleicht die einen Mitglieder verlieren und andere aufnehmen, aber es wird nicht verschwinden.

          Wenn die britischen Wähler, die für den Brexit und im Grunde dafür gestimmt haben, dass keine Arbeiter aus Osteuropa mehr in ihr Land strömen, die andere Seite dieses Migrationsprozesses kennen würden; wenn sie die entleerten Kleinstädte in Litauen, Lettland oder Polen und unsere vergeblichen Bemühungen gesehen hätten, diese Menschen zu Hause zu halten; wenn sie wüssten, unter welchen Bedingungen sie jetzt leben, sechs, acht Menschen zusammengedrängt in einem Zimmer irgendwo in London, wie sie sklavenmäßig arbeiten, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, weil sich ihnen plötzlich die Möglichkeit eröffnet hat, Geld für das eigene Alter und noch einige Generationen im Voraus zu verdienen - hätten sie vielleicht anders abgestimmt? Ich weiß es nicht. Ich meine nur, dass es gut wäre, manchmal den Kopf aus seinem Hof herauszustrecken und das Ganze zu sehen: Europa in seinem ganzen Raum und seiner ganzen Zeit, diese über Jahrhunderte von Denkern gehegte Utopie, die langsam Wirklichkeit wird. Ja, das Jetzt ist unsere Zeit, heute haben wir das Recht zu entscheiden. Aber wir dürfen die Träumer vergangener Zeiten nicht vergessen - sie, deren Träume von den blutigsten Kriegen Europas zerschlagen wurden. Wenn wir heute über Europas Schicksal entscheiden, übernehmen wir deshalb nicht nur Verantwortung für die Zukunft, sondern auch für diese Sehnsüchte der Vergangenheit. Das ist eine riesige Verantwortung, aber auch ein riesiges Geschenk, wie es nicht jede Zeit erhält: Wir sind dabei, eine wirklich große und ernste Geschichte zu schreiben - wir schreiben sie noch immer, trotz aller Erschütterungen.

          An jenem Junitag, an dem ich von der Entscheidung der Briten erfahren habe, habe ich einen Schock erlitten. Ich war mit einer Moskauer Theatergruppe auf einem Gastspiel in Wladiwostok, und dort bekam ich von zu Hause eine kurze Telefonnachricht: „Die Briten verlassen die EU.“ Ich saß an einem großen, mit einem russischen Gastmahl gedeckten Tisch, mit einem eindrucksvollen Blick aus dem Fenster auf das Japanische Meer und einer schrecklichen Traurigkeit und Leere in mir. Als die besorgten russischen Schauspieler anfingen zu fragen, was passiert sei - ein Unglück vielleicht? -, konnte ich ihnen das nicht richtig erklären: Irgendwo in elftausend Kilometern Entfernung hat ein Referendum stattgefunden, irgendwelche Briten haben dafür gestimmt, die EU zu verlassen, und mir, dem Litauer, der am anderen Ende des eurasischen Kontinents sitzt, ist deshalb schmerzlich zumute und gar nicht gut.

          Damals habe ich es dann auch nicht geschafft, für sie zusammenhängend zu formulieren, was wirklich passiert ist, und warum mich das so getroffen hat. Jetzt, glaube ich, bin ich so weit. An jenem Tag ist ein massiver Teil von meinem Traum abgesplittert. Wie wenn einer deiner Gesinnungsgenossen, ein enger Freund, der dich dazu verleitet hat, gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen, plötzlich vom Tisch aufstünde und mit den Worten ginge: Vergeblich, das alles hat überhaupt keinen Sinn.

          Wie sollten wir, die Zurückgebliebenen, uns fühlen? Wir konnten nur mit trauriger Schadenfreude Englands Erniedrigung bei der Fußball-EM beobachten, aus der es von dem kleinen Island hinausgeworfen wurde. Und danach auf Facebook das Bild seines Trainers Roy Hodgson mit der zweideutigen Bildzeile „I voted leave“ teilen.

          Aber der Schmerz hat auch seine positive Seite. Nur was Teil von einem ist, kann auch schmerzen. Vom Brexit, der diesen Schmerz verursacht hat, ging das Signal aus, dass die europäische Identität nicht mehr nur eine schön klingende Losung ist. Sie ist Realität geworden. Für mich und viele andere, die sich schläfrig vorgestellt hatten, dass das einige Europa eine ewige Gegebenheit ist, der nichts mehr droht, war das ein Weckerklingeln, eine Warnung. Die alten Erbauer Europas sind aneinander ermüdet und wollen auseinandergehen. Doch was für sie als Kohle- und Stahlprojekt begonnen hatte, ist in den Köpfen ihrer Kinder zu etwas ganz anderem gewachsen. Diese pfeifen auf Kohle und Stahl und Milch und Wurst, sie begreifen Europa nicht nur als Raum ihrer Sicherheit, sondern auch ihrer Werte, Regeln und Freiheiten.

          „Europa“, „Europäer“ - hier im Inneren des Kontinents klingen diese Worte schon alltäglich, manchmal sogar banal. Für Menschen jenseits der EU-Grenzen indes haben sie eine fast sakrale Bedeutung. Ich habe das in Kiew gesehen, während der Revolution auf dem Majdan - dieses riesige Schlachtfeld mit flatternden Fahnen der Europäischen Union. Ohne das reale Europa zu kennen, haben die Ukrainer für die Idee dieses Europas gekämpft, das für sie Menschenwürde verkörpert, den Dienst der Staatsmacht am Menschen (und nicht umgekehrt), eine saubere Justiz, eine Politik, die nicht korrupt ist. Was will ich damit sagen? Einfach, dass wir in unserem internen Gemaule versackt sind und nicht immer sehen und begreifen, wie das heutige Europa auf den Rest der Welt wirkt. Für manche ist es ihr Rückhalt, für manche Richtung und Traum.

          Jemand aus der imperial gestimmten Generation der Russen hat mir vorgehalten, ich sei selbst ein Imperialist, denn ich verkünde die imperialistische Idee der Europäischen Union und vertrete Europas Expansion. Ich habe gar nicht erst angefangen, mit ihm darüber zu streiten. Wenn ein Werteimperialismus möglich ist, dann bin und werde ich für eine solche weiche Expansion Europas sein, das mit seiner Anziehungskraft die Köpfe und Seelen von Menschen in der ganzen Welt erobert: jener Menschen, die sich nicht abfinden wollen mit ihren Regimen, die ihre Rechte und Würde mit Füßen treten. Für sie ist Europa Rückhalt, Richtung und Traum, und wenn es eines Tages nicht mehr wäre, würden sie das alles verlieren.

          Im Grunde bin ich selbst ein Opfer dieser Expansion. Ein Verliebter. Meine Umgebung und ich. Wir haben heimlich von Europa geträumt, als ich ein Kind war, ein Staatsangehöriger der Sowjetunion. Wir haben uns eingesperrt gefühlt, getrennt von ihm. Und dann geschah das Wunder: Wir haben uns befreit, und Europa wurde für uns zur Richtung. Nur wurde schnell klar, dass wir viel zu heruntergekommen, zu sowjetisch waren, um sofort ein Teil davon zu werden. Aber dieser Traum, der Richtung geworden war, trieb uns voran. Wir hatten ein Ziel, das uns nicht erlaubt hat, in den Autoritarismus oder andere Irrwege abzugleiten, wie das in Weißrussland und vielen anderen postsowjetischen Ländern geschehen ist. Dabei war doch unsere Erfahrung mit der Demokratie fast genauso armselig. Das Litauen der Zwischenkriegszeit war nur wenige Jahre demokratisch. Dann fand ein Militärputsch statt, dann kam der Krieg, dann die Sowjetzeit und dann die Befreiung. Die weitere demokratische Entwicklung war nicht im Geringsten garantiert, denn für viele alte Litauer war ihr Wegweiser noch immer jenes Zwischenkriegslitauen - unabhängig, aber autoritär. Und wenn nicht dieses Ziel, dieser gigantische Ball der Freiheit nebenan gewesen wäre, hätte alles auch ganz anders kommen können.

          Deshalb kann ich kühn sagen, dass Europa heute ein Teil von mir ist. Zu dem, der ich bin, hat es mich geformt. Mein Land und mein Volk haben von ihm als Geschenk einen modernen Marshall-Plan erhalten. Ich spreche dabei nicht einmal über die Wirtschaft, über das Geld, die Milliarden, die uns helfen, uns wieder aufzurichten. Ich spreche über das Denken, die Mentalität, die von der Sowjetzeit verkrüppelt worden waren und deren Wiederherstellung viel größere Anstrengungen erforderte als das ganze materielle Wohl.

          Natürlich würde ich lügen, wenn ich sagte, das absolut ganz Litauen vor solchem Enthusiasmus sprüht wie ich. Nicht alle. Die älteren Menschen schaffen es einfach nicht mehr, mit dem Tempo der Veränderungen fertig zu werden, von denen sie seit etwa 1990 heimgesucht werden und die bis heute nicht langsamer geworden sind. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der vierzig oder mehr Jahre seines Lebens in dem langsam verrottenden, aber stabil veränderungslosen Sowjetimperium gelebt hat und plötzlich wie aus einer Kanone geschossen in eine vollkommen andere Welt geschleudert worden ist: am Anfang in das brutale, wilde postsowjetische Litauen der Gangster und von dort direkt in die Europäische Union mit ihrer Politkorrektheit und Toleranz. Klar, er erlebt eine schauerliche Überlastung, körperlich und moralisch. Auf sein Wertesystem wird mehr als nur einmal eingeprügelt, deshalb ist es ganz natürlich, dass er anfängt, sich zu wehren, und versucht, auf die Bremse zu treten. Genau das ist in Russland geschehen, das wegen seiner Ausdehnung und seiner zivilisatorischen Unterschiede anders als wir nicht in die Umlaufbahn Europas gelangt ist. Dort haben diese Bremsen funktioniert - mehr noch, es wurde der Rückwärtsgang eingelegt. Die Rechte und Freiheiten wurden an ein Regime abgegeben, das Ruhe und Stabilität verspricht.

          Litauen ist dem entgangen, denn hier war und ist die Anziehungskraft Europas zu stark. Aber das bedeutet nicht, dass es überhaupt niemanden gibt, der, wenn schon nicht zurück, so doch wenigstens seitlich abbiegen wollte, in Richtung eines nationalen Staates und einer Rhetorik der Wiederauferstehung jahrhundertealter Traditionen. Das sind zurzeit Randfiguren, und sie werden es bleiben, solange Litauen in der Europäischen Union ist. Wenn aber diese sich zerstören würde, würde der von ihnen vorgeschlagene dritte Weg zum ersten und könnte Anhänger anziehen, die sich im geopolitischen Chaos verirrt haben.

          Von Zeit zu Zeit bekomme ich E-Mails mit Einladungen zu Foren oder Konferenzen, in denen mir vorgeschlagen wird, etwas über „die europäische Politkorrrektheit als Gefahr für die nationale Sicherheit“ anzuhören oder gar selbst zu sagen. Auch über die „Ideologie des Genderismus und Multikulturalismus, die die schlechtesten Traditionen der Sowjetzeit fortsetzt und vom Regime der europäischen Politkorrektheit eingepflanzt wird, um Litauens Staatlichkeit und Unabhängigkeit zu zerstören“.

          Der Stil ist fürchterlich. Es ist schwierig, sich nicht in diesem Labyrinth von auf einen Haufen geworfenen Fremdwörtern zu verirren. Die Autoren dieser Zeilen heben die Wörter „totalitär“, „Regime“, „Diktatur“ und „repressives System“ gefettet hervor. Ich sehe geradezu, wie sie sich daran freuen, dass sie hier kräftig zuschlagen, dass sie es allen zeigen und die Verschwörung der europäischen Freimaurer entlarven, die das arme Litauen, das gerade erst der sowjetischen Unfreiheit entkommen ist, heimtückisch in eine noch schrecklichere Falle locken: Auf der Flucht vor dem Bären sind wir an einen schlauen Fuchs geraten, der viel raffinierter und deshalb unvergleichlich gefährlicher ist. „Neokommunismus“ - das ist eines ihrer Lieblingswörter, das der Europäischen Union gilt, die sich ideologisch angeblich nicht von der Sowjetunion unterscheidet, nur dass sie anstelle der sowjetischen Völkerfreundschaft den Multikulturalismus propagiert und den veralteten Marxismus-Leninismus durch Toleranz-Politkorrektheit ersetzt hat.

          Solche Konferenzen mit ähnlichen Thesen, in denen nur der Name des Staates ausgetauscht wird, dem diese Gefahr droht, finden auch in anderen osteuropäischen Ländern statt. Und vielleicht sogar in westeuropäischen. Wenn diese populistischen Gedanken mit größerem literarischen Talent dargelegt würden, könnten sie manche enttäuschte Seele erreichen und dort Zustimmung finden. Denn enttäuschte Menschen sind, solange sie wenige sind, nur unglücklich. Aber wenn es viele sind, werden sie gefährlich. Dann reicht es, sie hinter einem gemeinsamen Grund für die Enttäuschung zu vereinen; ihnen glaubhaft zu machen, dass genau hier der Ursprung ihres Unglücks ist; ihnen einen angeblichen Ausweg zu zeigen und sie so zu einer mächtigen zerstörerischen Kraft zu machen. So war es schon mehr als einmal in Europa, daraus sind Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus entstanden und eine Vielzahl kleinerer Radikalismen, die nicht so bekannt geworden sind, weil sie es einfach nicht geschafft haben, solche Menschenmassen zu ermorden.

          Die heutigen Radikalen haben nichts Neues erfunden, sie nutzen eine erprobte Methode - sie sammeln die Enttäuschten und versuchen, sie auf einen neuen Feind zu hetzen, das Europa ohne Grenzen. Denn genau dieses Europa hält sie am meisten auf, bremst sie sogar dann, wenn es ihnen gelingt, in dem einen oder anderen EU-Land in die Nähe der Macht zu kommen.

          Auch in Litauen kann man, wenn man nur sucht, Gründe finden, um von Europa enttäuscht zu sein. In den vergangenen zwanzig Jahren hat Litauen etwa zwanzig Prozent seiner Einwohner verloren, ungefähr so viele Menschen sind aus Litauen emigriert. Ein Fünftel. Das ist im Alltag spürbar. Das ist so, als würden plötzlich sechzehn Millionen Menschen aus Deutschland weggehen oder je zwölf Millionen aus Frankreich und Großbritannien. Die Gegner der europäischen Integration haben natürlich einen Grund für ihr Geschrei, dass Europa unsere Leute „heraussaugt“, das litauische Volk vernichtet. Am anderen Ende Europas treten unterdessen die Briten, also die, die diese Leute „herausgesaugt“ haben, auf die Bremse und sagen der Europäischen Union „Nein“, denn diese „Herausgesaugten“ nehmen ihnen die Arbeit - und überhaupt verderben sie Großbritanniens Aussehen und Geruch. Nur - wenn das der tatsächliche Grund für das „Nein“ der Briten war, sind sie um ein gutes Jahrzehnt zu spät dran, denn für jene Litauer, die ein besseres Leben suchen, ist ihre Insel schon lange nicht mehr so anziehend. Sie haben ein neues Mekka des guten Verdienstes gefunden - Norwegen. Ein Land, das nie in der EU war. Das zeigt nur, dass all die Probleme, deren Ursprung wir im gemeinsamen Europa, im Europa ohne Grenzen suchen, in Wirklichkeit nichts mit ihm zu tun haben.

          Migration und Terror verschwinden nicht, wenn wir uns wieder trennen. Die Menschen werden weiter wandern, die Terroristen werden ihre Bomben zünden, nur vielleicht nicht mehr ganz so unerbittlich, denn sie werden ihr Ziel erreicht haben: Sie werden jene aus ihrer Sicht verhasste Festung zerstört haben, die die „gotteslästerlichen“ Ideen von Rede- und Religionsfreiheit, Frauenrechten und Gleichheit der Geschlechter in die Welt hinausgetragen hat. Aber dann werden neue Bedrohungen aufkommen, neue Herausforderungen, mit denen dann schon jeder für sich allein klarkommen muss. Die Sicherheit, die zu erreichen wir erhofft haben, indem jeder den Kopf in seinen eigenen Sand steckt, wird sich als flüchtig erweisen. Und die Probleme, denen wir jetzt so viel Bedeutung geben, werden geringfügig und lang vergessen erscheinen.

          Als mich ein indischer Schriftsteller vor kurzem gebeten hat, meine Erfahrung mit dem Leben in der Sowjetunion und der Europäischen Union zu vergleichen, habe ich ihm mit unserer professionellen Begrifflichkeit geantwortet: Meine Kindheit habe ich in einer Dystopie verbracht, die ich aus ganzem Herzen gehasst habe, und jetzt lebe ich in einer Utopie, von der ich damals nicht einmal geträumt habe. Ich übertreibe nicht. Das, was wir heute haben, ist deutlich mehr, als wir damals erträumen konnten; das Verständnis für diese Veränderungen muss sich irgendwo im Unterbewusstsein der Europäer versteckt haben. Vielleicht ist es zurzeit etwas gedämpft, aber wenn ernste Gefahr aufkommt, kommt es zurück, als Reflex, als Selbstschutzinstinkt.

          Deshalb kommen mir keine Zweifel, dass Europa einig bleibt und dass seine heutige Krise nur ein Stocken ist, das von äußeren Reaktionen und innerer Verunsicherung hervorgerufen wurde. Die Europäische Union mit den von ihr verkündeten Werten erscheint im weltweiten Kontext wirklich wie ein ziemlich utopisches Gebilde, deshalb wird mit Schlägen seine Haltbarkeit getestet. Und viele in seinen Eliten sind noch nicht jene Menschen, denen das gemeinsame Europa in das Rückgrat eingewachsen und Teil ihrer Identität geworden ist. Die echten Europäer sind noch dabei, ihre Muskeln zu stärken - die politischen und kulturellen, ihre Stimme wird in einigen Jahren, vielleicht in einigen Jahrzehnten zu hören sein, und erst wenn sie da sind, wird man sich vorwärtsbewegen können.

          Daher: Wenn wieder in irgendeinem europäischen Land die Exit-Frage aufkommt, fragt am Frühstückstisch eure Kinder, was sie an eurer Stelle machen würden. Oder noch besser: Fahrt nach Litauen, atmet die ungeheuer anheimelnde und freundliche Luft von Vilnius ein, unterhaltet euch mit Vilniussern, die ihre Stadt oder, wenn man genauer hinschaut: das Europäertum, die Leichtigkeit, die Freiheit einfach vergöttern, die diese Stadt in den zurückliegenden Jahrzehnten in sich aufgesogen hat. Und fahrt dann, des Kontrastes wegen, nach Weißrussland, das nur etwas mehr als vierzig Kilometer entfernt ist. Vor fünfundzwanzig Jahren waren unsere Startpositionen sehr ähnlich, doch heute - so leid es einem für die Nachbarn auch tut - hat sich zwischen uns ein Abgrund geöffnet, sind wir wie aus unterschiedlichen Epochen. Alles unterscheidet sich: die Gesichter, die Körpersprache, das Gefühl innerer Freiheit und menschlicher Würde. Und das nur deshalb, weil wir damals wie echte Verliebte ohne Zögern mit dem Kopf voraus in Europa eingetaucht sind, während sie auf der Stelle getreten sind, sich nicht entscheiden konnten und dann geblieben sind, wo sie waren.

          Und dann geht ins Wahllokal und entscheidet selbst, ob dieser Traum wirklich so utopisch ist.

          PS: Ich weiß, dass dieser Text viele Skeptiker reizen wird, bei manchen vielleicht sogar Ekel erregt. Verliebte sehen das Objekt ihrer Liebe durch eine rosa Brille, und ich verberge nicht: Meine Augen sind irgendwie vernebelt. Aber ich will fragen, was jene durch ihre verdunkelten Brillen sehen, die sich am Untergang der Sonne Europa ergötzen und seinen baldigen Tod vorhersagen. Ob sie etwas anzubieten haben außer der Dämmerung, die Europa erfassen wird, wenn es zerfällt, ob sie in ihren Zukunftsvisionen sehen, wie ganz Ost- und Nordeuropa in Russlands Einflussgebiet abdriftet, sein Süden an Flüchtlingen und wirtschaftlichem Stillstand erstickt und überall nach und nach die örtlichen „Retter“ an die Macht kommen, die einen dritten Weg der „besonderen Demokratie“ anbieten, der in Wirklichkeit ihre Imitation ist. Der Zerstörer hat immer einen Vorteil gegenüber dem Erschaffer, denn er muss nichts beweisen, es reicht, wenn er verneint. Aber sobald er zerstört hat, macht er sich aus dem Staub, verschwindet in der Menge. Haben sich so nicht die Initiatoren und Rufer des Brexit verhalten?

          Daher: Pustet mir nicht euren Nebel ins Gesicht, ich habe meinen, durch den ich das größte Problem des heutigen Europas sehe - Euer nicht endendes Geschwätz über seine unlösbaren Probleme und seinen unvermeidlichen Tod. Ihr habt einen ganzen Berg dieser Probleme aufgeschüttet, er zerquetscht Europa und verstellt euch das ganze Gute, das ihr von ihm erhalten habt. Aber ich muss euch enttäuschen: Diesen Berg gibt es nur in euren griesgrämigen Köpfen.

          Versucht einmal, meine Brille zu nehmen. Der Blick durch sie ist auch verzerrt, er ergibt etwas zu Positives und unbegründeten Enthusiasmus. Aber wenn ihr durch sie auf Europa blickt, erholen sich eure Augen wenigstens ein bisschen, denn dort sind unvergleichlich mehr Licht, Farbe und Lebenswille.

          * * *

          Aus dem Litauischen von Reinhard Veser.

          EUROPA? (22)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hat schon sein halbes Leben in der Politik verbracht: Konstantin Kuhle

          Nachwuchspolitiker : Ein Talent läuft sich warm

          Konstantin Kuhle wollte so sehr in die Politik, dass er tat, was manche Jugendlichen nur machen, um den ersten Alkohol ihres Lebens zu kaufen: Er fälschte sein Alter. Porträt eines Nachwuchspolitikers.
          Newcastle United spielt im St. James’ Park, zumindest wieder wenn die Corona-Pause vorbei ist.

          Fußballklub im Fokus : Arabische Schlacht um Newcastle

          Muhammed bin Salman und der saudische Staatsfond wollen Newcastle United übernehmen. Der Premier-League-Partner Qatar hält dagegen. Es ist ein Kampf mit allen Mitteln – und ein Konflikt, der weit über den Sport hinaus reicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.