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Zerfällt Europa? (22) : Europa mit den Augen eines Verliebten

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Bild: dpa

Die EU ist ein wunderbar utopisches Gebilde. Um ihre Haltbarkeit zu testen, wird von allen Seiten auf sie eingedroschen. Die Hoffnung aber, es werde irgendetwas besser werden, wenn jeder wieder seinen Kopf in seinen eigenen Sand steckt, führt in die Irre. Von Marius Ivaškevičius

          Heute, da Europa von allen Seiten angegriffen und geprügelt wird, reagiere ich darauf wie ein Verliebter: Auf die eine Waagschale lege ich alle Mängel dieses Europas und auf die andere die Frage, ob ich ohne es leben könnte. Und kein einziger seiner Mängel und nicht einmal alle zusammen wiegen so schwer wie diese Frage. Ich wüsste nicht, wie ich ohne es weiterleben sollte. Deshalb will und kann ich mich dem Chor jener nicht anschließen, die es belehren und ihm raten, wie es sein und in welche Richtung es sich ändern sollte: Soll es seltener in den Club und öfter in die Kirche gehen, so aussehen und nicht anders, Geld ausgeben oder sparen, die einen lieben und die anderen nicht? Wie einem echten Verliebten scheinen mir diese Fragen heute nicht wesentlich zu sein, zumal jene, die sie stellen, dann gerne so schließen: Wenn Europa es nicht so macht, wie ich sage, dann ist es verdammt. Schminkt es euch ab.

          Als echter Verliebter behaupte ich, dass das gemeinsame Europa uns alle überlebt: seine Kritiker und seine Enthusiasten. Es wird sich ändern, und das mehr als einmal, im Inneren und im Äußeren, es wird vielleicht die einen Mitglieder verlieren und andere aufnehmen, aber es wird nicht verschwinden.

          Wenn die britischen Wähler, die für den Brexit und im Grunde dafür gestimmt haben, dass keine Arbeiter aus Osteuropa mehr in ihr Land strömen, die andere Seite dieses Migrationsprozesses kennen würden; wenn sie die entleerten Kleinstädte in Litauen, Lettland oder Polen und unsere vergeblichen Bemühungen gesehen hätten, diese Menschen zu Hause zu halten; wenn sie wüssten, unter welchen Bedingungen sie jetzt leben, sechs, acht Menschen zusammengedrängt in einem Zimmer irgendwo in London, wie sie sklavenmäßig arbeiten, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, weil sich ihnen plötzlich die Möglichkeit eröffnet hat, Geld für das eigene Alter und noch einige Generationen im Voraus zu verdienen - hätten sie vielleicht anders abgestimmt? Ich weiß es nicht. Ich meine nur, dass es gut wäre, manchmal den Kopf aus seinem Hof herauszustrecken und das Ganze zu sehen: Europa in seinem ganzen Raum und seiner ganzen Zeit, diese über Jahrhunderte von Denkern gehegte Utopie, die langsam Wirklichkeit wird. Ja, das Jetzt ist unsere Zeit, heute haben wir das Recht zu entscheiden. Aber wir dürfen die Träumer vergangener Zeiten nicht vergessen - sie, deren Träume von den blutigsten Kriegen Europas zerschlagen wurden. Wenn wir heute über Europas Schicksal entscheiden, übernehmen wir deshalb nicht nur Verantwortung für die Zukunft, sondern auch für diese Sehnsüchte der Vergangenheit. Das ist eine riesige Verantwortung, aber auch ein riesiges Geschenk, wie es nicht jede Zeit erhält: Wir sind dabei, eine wirklich große und ernste Geschichte zu schreiben - wir schreiben sie noch immer, trotz aller Erschütterungen.

          An jenem Junitag, an dem ich von der Entscheidung der Briten erfahren habe, habe ich einen Schock erlitten. Ich war mit einer Moskauer Theatergruppe auf einem Gastspiel in Wladiwostok, und dort bekam ich von zu Hause eine kurze Telefonnachricht: „Die Briten verlassen die EU.“ Ich saß an einem großen, mit einem russischen Gastmahl gedeckten Tisch, mit einem eindrucksvollen Blick aus dem Fenster auf das Japanische Meer und einer schrecklichen Traurigkeit und Leere in mir. Als die besorgten russischen Schauspieler anfingen zu fragen, was passiert sei - ein Unglück vielleicht? -, konnte ich ihnen das nicht richtig erklären: Irgendwo in elftausend Kilometern Entfernung hat ein Referendum stattgefunden, irgendwelche Briten haben dafür gestimmt, die EU zu verlassen, und mir, dem Litauer, der am anderen Ende des eurasischen Kontinents sitzt, ist deshalb schmerzlich zumute und gar nicht gut.

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