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Zerfällt Europa? (22) : Europa mit den Augen eines Verliebten

  • -Aktualisiert am

Daher: Wenn wieder in irgendeinem europäischen Land die Exit-Frage aufkommt, fragt am Frühstückstisch eure Kinder, was sie an eurer Stelle machen würden. Oder noch besser: Fahrt nach Litauen, atmet die ungeheuer anheimelnde und freundliche Luft von Vilnius ein, unterhaltet euch mit Vilniussern, die ihre Stadt oder, wenn man genauer hinschaut: das Europäertum, die Leichtigkeit, die Freiheit einfach vergöttern, die diese Stadt in den zurückliegenden Jahrzehnten in sich aufgesogen hat. Und fahrt dann, des Kontrastes wegen, nach Weißrussland, das nur etwas mehr als vierzig Kilometer entfernt ist. Vor fünfundzwanzig Jahren waren unsere Startpositionen sehr ähnlich, doch heute - so leid es einem für die Nachbarn auch tut - hat sich zwischen uns ein Abgrund geöffnet, sind wir wie aus unterschiedlichen Epochen. Alles unterscheidet sich: die Gesichter, die Körpersprache, das Gefühl innerer Freiheit und menschlicher Würde. Und das nur deshalb, weil wir damals wie echte Verliebte ohne Zögern mit dem Kopf voraus in Europa eingetaucht sind, während sie auf der Stelle getreten sind, sich nicht entscheiden konnten und dann geblieben sind, wo sie waren.

Und dann geht ins Wahllokal und entscheidet selbst, ob dieser Traum wirklich so utopisch ist.

PS: Ich weiß, dass dieser Text viele Skeptiker reizen wird, bei manchen vielleicht sogar Ekel erregt. Verliebte sehen das Objekt ihrer Liebe durch eine rosa Brille, und ich verberge nicht: Meine Augen sind irgendwie vernebelt. Aber ich will fragen, was jene durch ihre verdunkelten Brillen sehen, die sich am Untergang der Sonne Europa ergötzen und seinen baldigen Tod vorhersagen. Ob sie etwas anzubieten haben außer der Dämmerung, die Europa erfassen wird, wenn es zerfällt, ob sie in ihren Zukunftsvisionen sehen, wie ganz Ost- und Nordeuropa in Russlands Einflussgebiet abdriftet, sein Süden an Flüchtlingen und wirtschaftlichem Stillstand erstickt und überall nach und nach die örtlichen „Retter“ an die Macht kommen, die einen dritten Weg der „besonderen Demokratie“ anbieten, der in Wirklichkeit ihre Imitation ist. Der Zerstörer hat immer einen Vorteil gegenüber dem Erschaffer, denn er muss nichts beweisen, es reicht, wenn er verneint. Aber sobald er zerstört hat, macht er sich aus dem Staub, verschwindet in der Menge. Haben sich so nicht die Initiatoren und Rufer des Brexit verhalten?

Daher: Pustet mir nicht euren Nebel ins Gesicht, ich habe meinen, durch den ich das größte Problem des heutigen Europas sehe - Euer nicht endendes Geschwätz über seine unlösbaren Probleme und seinen unvermeidlichen Tod. Ihr habt einen ganzen Berg dieser Probleme aufgeschüttet, er zerquetscht Europa und verstellt euch das ganze Gute, das ihr von ihm erhalten habt. Aber ich muss euch enttäuschen: Diesen Berg gibt es nur in euren griesgrämigen Köpfen.

Versucht einmal, meine Brille zu nehmen. Der Blick durch sie ist auch verzerrt, er ergibt etwas zu Positives und unbegründeten Enthusiasmus. Aber wenn ihr durch sie auf Europa blickt, erholen sich eure Augen wenigstens ein bisschen, denn dort sind unvergleichlich mehr Licht, Farbe und Lebenswille.

* * *

Aus dem Litauischen von Reinhard Veser.

EUROPA? (22)

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