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Zerfällt Europa? (22) : Europa mit den Augen eines Verliebten

  • -Aktualisiert am

Auch in Litauen kann man, wenn man nur sucht, Gründe finden, um von Europa enttäuscht zu sein. In den vergangenen zwanzig Jahren hat Litauen etwa zwanzig Prozent seiner Einwohner verloren, ungefähr so viele Menschen sind aus Litauen emigriert. Ein Fünftel. Das ist im Alltag spürbar. Das ist so, als würden plötzlich sechzehn Millionen Menschen aus Deutschland weggehen oder je zwölf Millionen aus Frankreich und Großbritannien. Die Gegner der europäischen Integration haben natürlich einen Grund für ihr Geschrei, dass Europa unsere Leute „heraussaugt“, das litauische Volk vernichtet. Am anderen Ende Europas treten unterdessen die Briten, also die, die diese Leute „herausgesaugt“ haben, auf die Bremse und sagen der Europäischen Union „Nein“, denn diese „Herausgesaugten“ nehmen ihnen die Arbeit - und überhaupt verderben sie Großbritanniens Aussehen und Geruch. Nur - wenn das der tatsächliche Grund für das „Nein“ der Briten war, sind sie um ein gutes Jahrzehnt zu spät dran, denn für jene Litauer, die ein besseres Leben suchen, ist ihre Insel schon lange nicht mehr so anziehend. Sie haben ein neues Mekka des guten Verdienstes gefunden - Norwegen. Ein Land, das nie in der EU war. Das zeigt nur, dass all die Probleme, deren Ursprung wir im gemeinsamen Europa, im Europa ohne Grenzen suchen, in Wirklichkeit nichts mit ihm zu tun haben.

Migration und Terror verschwinden nicht, wenn wir uns wieder trennen. Die Menschen werden weiter wandern, die Terroristen werden ihre Bomben zünden, nur vielleicht nicht mehr ganz so unerbittlich, denn sie werden ihr Ziel erreicht haben: Sie werden jene aus ihrer Sicht verhasste Festung zerstört haben, die die „gotteslästerlichen“ Ideen von Rede- und Religionsfreiheit, Frauenrechten und Gleichheit der Geschlechter in die Welt hinausgetragen hat. Aber dann werden neue Bedrohungen aufkommen, neue Herausforderungen, mit denen dann schon jeder für sich allein klarkommen muss. Die Sicherheit, die zu erreichen wir erhofft haben, indem jeder den Kopf in seinen eigenen Sand steckt, wird sich als flüchtig erweisen. Und die Probleme, denen wir jetzt so viel Bedeutung geben, werden geringfügig und lang vergessen erscheinen.

Als mich ein indischer Schriftsteller vor kurzem gebeten hat, meine Erfahrung mit dem Leben in der Sowjetunion und der Europäischen Union zu vergleichen, habe ich ihm mit unserer professionellen Begrifflichkeit geantwortet: Meine Kindheit habe ich in einer Dystopie verbracht, die ich aus ganzem Herzen gehasst habe, und jetzt lebe ich in einer Utopie, von der ich damals nicht einmal geträumt habe. Ich übertreibe nicht. Das, was wir heute haben, ist deutlich mehr, als wir damals erträumen konnten; das Verständnis für diese Veränderungen muss sich irgendwo im Unterbewusstsein der Europäer versteckt haben. Vielleicht ist es zurzeit etwas gedämpft, aber wenn ernste Gefahr aufkommt, kommt es zurück, als Reflex, als Selbstschutzinstinkt.

Deshalb kommen mir keine Zweifel, dass Europa einig bleibt und dass seine heutige Krise nur ein Stocken ist, das von äußeren Reaktionen und innerer Verunsicherung hervorgerufen wurde. Die Europäische Union mit den von ihr verkündeten Werten erscheint im weltweiten Kontext wirklich wie ein ziemlich utopisches Gebilde, deshalb wird mit Schlägen seine Haltbarkeit getestet. Und viele in seinen Eliten sind noch nicht jene Menschen, denen das gemeinsame Europa in das Rückgrat eingewachsen und Teil ihrer Identität geworden ist. Die echten Europäer sind noch dabei, ihre Muskeln zu stärken - die politischen und kulturellen, ihre Stimme wird in einigen Jahren, vielleicht in einigen Jahrzehnten zu hören sein, und erst wenn sie da sind, wird man sich vorwärtsbewegen können.

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