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Zerfällt Europa? (22) : Europa mit den Augen eines Verliebten

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Litauen ist dem entgangen, denn hier war und ist die Anziehungskraft Europas zu stark. Aber das bedeutet nicht, dass es überhaupt niemanden gibt, der, wenn schon nicht zurück, so doch wenigstens seitlich abbiegen wollte, in Richtung eines nationalen Staates und einer Rhetorik der Wiederauferstehung jahrhundertealter Traditionen. Das sind zurzeit Randfiguren, und sie werden es bleiben, solange Litauen in der Europäischen Union ist. Wenn aber diese sich zerstören würde, würde der von ihnen vorgeschlagene dritte Weg zum ersten und könnte Anhänger anziehen, die sich im geopolitischen Chaos verirrt haben.

Von Zeit zu Zeit bekomme ich E-Mails mit Einladungen zu Foren oder Konferenzen, in denen mir vorgeschlagen wird, etwas über „die europäische Politkorrrektheit als Gefahr für die nationale Sicherheit“ anzuhören oder gar selbst zu sagen. Auch über die „Ideologie des Genderismus und Multikulturalismus, die die schlechtesten Traditionen der Sowjetzeit fortsetzt und vom Regime der europäischen Politkorrektheit eingepflanzt wird, um Litauens Staatlichkeit und Unabhängigkeit zu zerstören“.

Der Stil ist fürchterlich. Es ist schwierig, sich nicht in diesem Labyrinth von auf einen Haufen geworfenen Fremdwörtern zu verirren. Die Autoren dieser Zeilen heben die Wörter „totalitär“, „Regime“, „Diktatur“ und „repressives System“ gefettet hervor. Ich sehe geradezu, wie sie sich daran freuen, dass sie hier kräftig zuschlagen, dass sie es allen zeigen und die Verschwörung der europäischen Freimaurer entlarven, die das arme Litauen, das gerade erst der sowjetischen Unfreiheit entkommen ist, heimtückisch in eine noch schrecklichere Falle locken: Auf der Flucht vor dem Bären sind wir an einen schlauen Fuchs geraten, der viel raffinierter und deshalb unvergleichlich gefährlicher ist. „Neokommunismus“ - das ist eines ihrer Lieblingswörter, das der Europäischen Union gilt, die sich ideologisch angeblich nicht von der Sowjetunion unterscheidet, nur dass sie anstelle der sowjetischen Völkerfreundschaft den Multikulturalismus propagiert und den veralteten Marxismus-Leninismus durch Toleranz-Politkorrektheit ersetzt hat.

Solche Konferenzen mit ähnlichen Thesen, in denen nur der Name des Staates ausgetauscht wird, dem diese Gefahr droht, finden auch in anderen osteuropäischen Ländern statt. Und vielleicht sogar in westeuropäischen. Wenn diese populistischen Gedanken mit größerem literarischen Talent dargelegt würden, könnten sie manche enttäuschte Seele erreichen und dort Zustimmung finden. Denn enttäuschte Menschen sind, solange sie wenige sind, nur unglücklich. Aber wenn es viele sind, werden sie gefährlich. Dann reicht es, sie hinter einem gemeinsamen Grund für die Enttäuschung zu vereinen; ihnen glaubhaft zu machen, dass genau hier der Ursprung ihres Unglücks ist; ihnen einen angeblichen Ausweg zu zeigen und sie so zu einer mächtigen zerstörerischen Kraft zu machen. So war es schon mehr als einmal in Europa, daraus sind Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus entstanden und eine Vielzahl kleinerer Radikalismen, die nicht so bekannt geworden sind, weil sie es einfach nicht geschafft haben, solche Menschenmassen zu ermorden.

Die heutigen Radikalen haben nichts Neues erfunden, sie nutzen eine erprobte Methode - sie sammeln die Enttäuschten und versuchen, sie auf einen neuen Feind zu hetzen, das Europa ohne Grenzen. Denn genau dieses Europa hält sie am meisten auf, bremst sie sogar dann, wenn es ihnen gelingt, in dem einen oder anderen EU-Land in die Nähe der Macht zu kommen.

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