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Zerfällt Europa? (22) : Europa mit den Augen eines Verliebten

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Im Grunde bin ich selbst ein Opfer dieser Expansion. Ein Verliebter. Meine Umgebung und ich. Wir haben heimlich von Europa geträumt, als ich ein Kind war, ein Staatsangehöriger der Sowjetunion. Wir haben uns eingesperrt gefühlt, getrennt von ihm. Und dann geschah das Wunder: Wir haben uns befreit, und Europa wurde für uns zur Richtung. Nur wurde schnell klar, dass wir viel zu heruntergekommen, zu sowjetisch waren, um sofort ein Teil davon zu werden. Aber dieser Traum, der Richtung geworden war, trieb uns voran. Wir hatten ein Ziel, das uns nicht erlaubt hat, in den Autoritarismus oder andere Irrwege abzugleiten, wie das in Weißrussland und vielen anderen postsowjetischen Ländern geschehen ist. Dabei war doch unsere Erfahrung mit der Demokratie fast genauso armselig. Das Litauen der Zwischenkriegszeit war nur wenige Jahre demokratisch. Dann fand ein Militärputsch statt, dann kam der Krieg, dann die Sowjetzeit und dann die Befreiung. Die weitere demokratische Entwicklung war nicht im Geringsten garantiert, denn für viele alte Litauer war ihr Wegweiser noch immer jenes Zwischenkriegslitauen - unabhängig, aber autoritär. Und wenn nicht dieses Ziel, dieser gigantische Ball der Freiheit nebenan gewesen wäre, hätte alles auch ganz anders kommen können.

Deshalb kann ich kühn sagen, dass Europa heute ein Teil von mir ist. Zu dem, der ich bin, hat es mich geformt. Mein Land und mein Volk haben von ihm als Geschenk einen modernen Marshall-Plan erhalten. Ich spreche dabei nicht einmal über die Wirtschaft, über das Geld, die Milliarden, die uns helfen, uns wieder aufzurichten. Ich spreche über das Denken, die Mentalität, die von der Sowjetzeit verkrüppelt worden waren und deren Wiederherstellung viel größere Anstrengungen erforderte als das ganze materielle Wohl.

Natürlich würde ich lügen, wenn ich sagte, das absolut ganz Litauen vor solchem Enthusiasmus sprüht wie ich. Nicht alle. Die älteren Menschen schaffen es einfach nicht mehr, mit dem Tempo der Veränderungen fertig zu werden, von denen sie seit etwa 1990 heimgesucht werden und die bis heute nicht langsamer geworden sind. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der vierzig oder mehr Jahre seines Lebens in dem langsam verrottenden, aber stabil veränderungslosen Sowjetimperium gelebt hat und plötzlich wie aus einer Kanone geschossen in eine vollkommen andere Welt geschleudert worden ist: am Anfang in das brutale, wilde postsowjetische Litauen der Gangster und von dort direkt in die Europäische Union mit ihrer Politkorrektheit und Toleranz. Klar, er erlebt eine schauerliche Überlastung, körperlich und moralisch. Auf sein Wertesystem wird mehr als nur einmal eingeprügelt, deshalb ist es ganz natürlich, dass er anfängt, sich zu wehren, und versucht, auf die Bremse zu treten. Genau das ist in Russland geschehen, das wegen seiner Ausdehnung und seiner zivilisatorischen Unterschiede anders als wir nicht in die Umlaufbahn Europas gelangt ist. Dort haben diese Bremsen funktioniert - mehr noch, es wurde der Rückwärtsgang eingelegt. Die Rechte und Freiheiten wurden an ein Regime abgegeben, das Ruhe und Stabilität verspricht.

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