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Zerfällt Europa? (22) : Europa mit den Augen eines Verliebten

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Damals habe ich es dann auch nicht geschafft, für sie zusammenhängend zu formulieren, was wirklich passiert ist, und warum mich das so getroffen hat. Jetzt, glaube ich, bin ich so weit. An jenem Tag ist ein massiver Teil von meinem Traum abgesplittert. Wie wenn einer deiner Gesinnungsgenossen, ein enger Freund, der dich dazu verleitet hat, gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen, plötzlich vom Tisch aufstünde und mit den Worten ginge: Vergeblich, das alles hat überhaupt keinen Sinn.

Wie sollten wir, die Zurückgebliebenen, uns fühlen? Wir konnten nur mit trauriger Schadenfreude Englands Erniedrigung bei der Fußball-EM beobachten, aus der es von dem kleinen Island hinausgeworfen wurde. Und danach auf Facebook das Bild seines Trainers Roy Hodgson mit der zweideutigen Bildzeile „I voted leave“ teilen.

Aber der Schmerz hat auch seine positive Seite. Nur was Teil von einem ist, kann auch schmerzen. Vom Brexit, der diesen Schmerz verursacht hat, ging das Signal aus, dass die europäische Identität nicht mehr nur eine schön klingende Losung ist. Sie ist Realität geworden. Für mich und viele andere, die sich schläfrig vorgestellt hatten, dass das einige Europa eine ewige Gegebenheit ist, der nichts mehr droht, war das ein Weckerklingeln, eine Warnung. Die alten Erbauer Europas sind aneinander ermüdet und wollen auseinandergehen. Doch was für sie als Kohle- und Stahlprojekt begonnen hatte, ist in den Köpfen ihrer Kinder zu etwas ganz anderem gewachsen. Diese pfeifen auf Kohle und Stahl und Milch und Wurst, sie begreifen Europa nicht nur als Raum ihrer Sicherheit, sondern auch ihrer Werte, Regeln und Freiheiten.

„Europa“, „Europäer“ - hier im Inneren des Kontinents klingen diese Worte schon alltäglich, manchmal sogar banal. Für Menschen jenseits der EU-Grenzen indes haben sie eine fast sakrale Bedeutung. Ich habe das in Kiew gesehen, während der Revolution auf dem Majdan - dieses riesige Schlachtfeld mit flatternden Fahnen der Europäischen Union. Ohne das reale Europa zu kennen, haben die Ukrainer für die Idee dieses Europas gekämpft, das für sie Menschenwürde verkörpert, den Dienst der Staatsmacht am Menschen (und nicht umgekehrt), eine saubere Justiz, eine Politik, die nicht korrupt ist. Was will ich damit sagen? Einfach, dass wir in unserem internen Gemaule versackt sind und nicht immer sehen und begreifen, wie das heutige Europa auf den Rest der Welt wirkt. Für manche ist es ihr Rückhalt, für manche Richtung und Traum.

Jemand aus der imperial gestimmten Generation der Russen hat mir vorgehalten, ich sei selbst ein Imperialist, denn ich verkünde die imperialistische Idee der Europäischen Union und vertrete Europas Expansion. Ich habe gar nicht erst angefangen, mit ihm darüber zu streiten. Wenn ein Werteimperialismus möglich ist, dann bin und werde ich für eine solche weiche Expansion Europas sein, das mit seiner Anziehungskraft die Köpfe und Seelen von Menschen in der ganzen Welt erobert: jener Menschen, die sich nicht abfinden wollen mit ihren Regimen, die ihre Rechte und Würde mit Füßen treten. Für sie ist Europa Rückhalt, Richtung und Traum, und wenn es eines Tages nicht mehr wäre, würden sie das alles verlieren.

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