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Sterbehilfe : Hilfe im Sterben, Hilfe zum Sterben

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Umfassende und geistesgegenwärtige Pflege, die Seelsorge und den achtsamen Umgang mit den spirituellen Bedürfnissen der Menschen einschließt, eine Erweiterung der Hospizarbeit, zureichende palliativmedizinische Ausbildung sowie die Erreichbarkeit palliativer Hilfe für jeden, der sie braucht: Das sind die vorrangigen Antworten, die unsere Gesellschaft auf die Sorge um menschenwürdige Bedingungen beim Sterben geben muss.

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          In der neu entbrannten Debatte über den ärztlichen Beistand bei der Selbsttötung schwingen zwei unterschiedliche Seiten im Nachdenken über Sterben und Tod mit. In der menschlichen Lebensgeschichte ist es nicht nur wichtig zu lernen, mit dem Schmerz umzugehen, den der Tod anderer Menschen uns bereitet, insbesondere der Tod naher Angehöriger. Nötig ist es auch, den eigenen Tod zu antizipieren, also mit der eigenen Sterblichkeit umzugehen. Durch das Tötungsverbot wird uns die Pflicht auferlegt, das Leben anderer zu achten und zu schützen, soweit es in unserer Macht steht. Die Erweiterung medizinischer Möglichkeiten konfrontiert uns aber auch mit der Frage, welche Pflichten wir gegenüber dem eigenen Leben haben.

          Schon die frühe Christenheit hat in das Tötungsverbot auch den Angriff auf das eigene Leben einbezogen. Von nun an galt die Selbsttötung als moralisch verwerflich. Dass Menschen, die sich selbst das Leben genommen hatten, außerhalb des Kirchhofs verscharrt wurden, sollte abschreckend wirken. Das deutsche Wort „Selbstmord“ verdeutlicht die Abwehr dieser Handlungsweise überscharf. Dabei wurde vorausgesetzt, dass es sich um eine willensbestimmte und in diesem Sinn „freiverantwortliche“ Tat von verwerflichem Charakter handele. Dass die Selbsttötung oft ein Ausdruck der Verzweiflung und der Wunsch danach in vielen Fällen ein Zeichen seelischer Krankheit ist, wurde verkannt.

          Ein Wandel im ethischen Urteil war überfällig. Wer Menschen begegnet ist, die in der Verzweiflung über ihre Lebenssituation den Tod herbeisehnen, aber mit dem Abklingen ihrer Depression auch wieder lernen, das Leben zu bejahen, der weiß, dass der Todeswunsch Teil einer behandelbaren Erkrankung sein kann. Diese Erfahrung schränkt die Einsicht nicht ein, dass die Selbstbestimmung des Menschen auch seine Selbstbestimmung im Sterben einschließt. Aber sie schließt aus, dass man ein Recht auf Selbsttötung als allgemeine Norm feststellt; eine solche Norm kann es so wenig geben wie ein Recht auf Krankheit.

          Menschen, die sich selbst das Leben nehmen wollen, wecken Mitgefühl und verdienen Beistand in der Krise, die in ihrem Suizidwunsch oder im Versuch der Selbsttötung zum Ausdruck kommt. Wir betrauern Menschen, die so aus dem Leben scheiden; in die Trauer mischt sich die Frage, was man selbst hätte tun können, um einen solchen Ausgang zu verhindern. Die Achtung vor dem Toten ist auch in einem solchen Fall ungeteilt. Doch die Tat selbst wird damit nicht gerechtfertigt. Die Gabe des Lebens wurde ausgeschlagen, wie tragisch oder verzweiflungsvoll die Gründe dafür auch immer waren.

          Das Gebot, nicht zu töten, schließt den Umgang mit dem eigenen Leben ein; erst recht schließt die Achtung vor dem Leben eines anderen zuallererst den Versuch ein, dieses Leben auch dann zu retten, wenn ein Mensch sich selbst das Leben nehmen will. Vor seinem Todeswunsch zurückzuweichen oder ihn gar darin zu unterstützen kann nur ein äußerster Grenzfall sein. Es mag Situationen geben, in denen man sich aus Gewissensgründen dazu entschließt. Doch eine solche Gewissensentscheidung kann weder moralisch noch rechtlich zu einem Normalfall erklärt werden. Deshalb führt ein allgemeines Postulat der Suizidfreiheit oder eines Anspruchs auf Suizidassistenz in die falsche Richtung.

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