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Sterbehilfe : Hilfe im Sterben, Hilfe zum Sterben

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Zwar wird heute die Entscheidungsfreiheit des Menschen so weitgehend bejaht, dass sogar die Entscheidung zur Beendigung des eigenen Lebens einbezogen wird. Doch zugleich muss der Einsicht Rechnung getragen werden, dass eine Selbsttötung nie die isolierte Tat eines einzelnen Menschen ist. Sie ist eingebettet in das Geflecht seines Lebens. Auch soweit sie aus tiefer Einsamkeit heraus geschieht, sind auch an dieser andere beteiligt. Wir Menschen sind Beziehungswesen; wenn wir von Individualität sprechen, so ist damit gesagt, dass wir nicht nur zu anderen, sondern auch zu uns selbst in Beziehung treten können. Individualität meint also nicht: Beziehungslosigkeit.

Unter Berufung auf die Selbstbestimmung des Einzelnen wird in der neueren Diskussion ein Gleichgewicht von Leben und Tod, von Lebensentwürfen und „Sterbeentwürfen“ vorausgesetzt, das unseren religiösen und kulturellen Traditionen, aber auch den Prinzipien des ärztlichen Ethos fremd ist. Diese Traditionen und Prinzipien sind durch den Vorrang des Lebens vor dem Tod, durch den Schutz des Lebens vor unzeitigem Sterben und durch die Verantwortung des Einzelnen nicht nur für das eigene, sondern auch für fremdes Leben geprägt.

Der Schöpfungsgedanke der jüdischen und christlichen Glaubenstradition reflektiert die Erfahrung, dass die Welt, in der wir leben und die wir als sinnhaft erfahren, eine Schöpfergabe und bei aller Gestaltbarkeit mehr ist als ein Produkt menschlichen Handelns. Zum Schöpfungsgedanken gehört zugleich die Einsicht, dass wir unser eigenes Leben nicht selbst hervorbringen, sondern empfangen. Menschliches Leben ist nicht ein Projekt, sondern eine Gabe.

An Anfang und Ende des Lebens wird das in besonderer Weise erfahrbar. Über Ort und Zeit seiner Geburt vermag niemand zu bestimmen; und unverfügbar ist in aller Regel auch der Tod. Zwar können Menschen ihr Leben im Bewusstsein ihrer Sterblichkeit führen; doch niemand kann mit letzter Gewissheit Ort und Zeit seines Todes festlegen. Auch denjenigen, der sich vornimmt, Zeit und Umstände des eigenen Sterbens selbst zu bestimmen, kann der Tod jäh und unerwartet treffen. Deshalb markiert die Endlichkeit des menschlichen Lebens auch die Grenzen menschlicher Selbstbestimmung. Das ist zu bedenken, wenn, manchmal leichthin, vom „selbstbestimmten Sterben“ die Rede ist.

Auch unter den pluralistischen Bedingungen der Gegenwart ist es nicht überflüssig, die Gründe für den starken Schutz des menschlichen Lebens in unserer Kultur wie in unserer Rechtsordnung im Bewusstsein zu halten. Schon in biblischen Texten wird der besondere Schutz, der menschlichem Leben zukommt, mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen verknüpft. Die Schutzpflicht für das Leben des andern wird daraus begründet, dass Menschen in Beziehungen leben. In den Zehn Geboten zeigt sich das an dem Umstand, dass das Tötungsverbot direkt auf das Gebot folgt, Vater und Mutter zu ehren.

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