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Vor hundert Jahren : Die Heimkehrer

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Bild: SZ Photo

Im Osten Europas ist 1918 die Landkarte neu gezeichnet worden: Wie im Zwischenraum zwischen Deutschland und dem revolutionären Russland Gesellschaften ohne eigene Staaten ihre historische Chance nutzten – und wie schwierig es war, aus den neuen Gebilden Staaten mit Gesellschaften zu machen.

          Die Jahre 1917 und 1918 waren im Osten Europas Jahre der historisch bedeutsamen Heimkehrer. Wladimir Iljitsch Lenin war der erste: Er stieg am 9. April 1917, drei Tage nach der Kriegserklärung der Vereinigten Staaten, in Zürich in einen deutschen Sonderzug, der ihn innerhalb von wenigen Tagen nach Sankt Petersburg – das seit 1914 Petrograd hieß – brachte. Es war gewiss die beste Investition des Deutschen Reichs im Großen Krieg: Eine Handvoll russischer Politemigranten sollte innerhalb eines halben Jahres die Provisorische Regierung stürzen und Russland aus dem Krieg hinausführen. Die Ostfront hörte auf zu existieren. Im Diktatfrieden von Brest-Litowsk im März 1918 ordneten die Mittelmächte den riesigen westlichen Teil des Zarenreichs sich selbst zu. Russland versank in einem Bürgerkrieg von bislang ungeahnten Dimensionen, als Großmacht war es vorläufig nicht mehr vorhanden.

          Carl Gustav Mannerheim kehrte als Zweiter zurück. Der erzkonservative schwedischsprachige Finne hatte sich seinen Generalsrang im Dienste des Zaren redlich verdient. Im Sommer 1917 wurde er von der Provisorischen Regierung entlassen, im Herbst hatte er dann genügend Zeit, sich das revolutionäre Russland anzusehen. Entsetzt kehrte er nach Finnland zurück, das gerade im Begriff war, sich für unabhängig vom Zarenreich zu erklären. Mannerheim war der ranghöchste Militär in dem neuen Land, das keine Wehrpflicht kannte. Es gab also keine Hunderttausende Veteranen, aus denen der entstehende Staat eine eigene Armee bilden konnte. Mannerheim schaffte es innerhalb weniger Monate, Bauern in Soldaten zu verwandeln. In dem unbeschreiblich blutigen Bürgerkrieg von 1918 gegen die lokalen „Roten“, in dem nur ungerne Gefangene genommen wurden, siegten die „Weißen“. Finnland und nicht eine Finnische Sozialistische Republik in der Sowjetunion war entstanden.

          Józef Pilsudski war der dritte Heimkehrer. Der Geburt nach gehörte er wie Mannerheim zur Schicht der Gutsbesitzer, sein Leben aber war ganz anders als das des finnischen Generals verlaufen: Verschwörer, Sozialist, politischer Terrorist und Häftling, Exilant, selbsternannter Befehlshaber erst einer kleinen Gruppe, später Zehntausender polnischer Freischärler („Legionäre“), die das historische Pech hatten, auf Seiten der Mittelmächte zu kämpfen, dabei aber zu ihrem Glück in den verlustreichen Schlachten an der Ostfront nie aufgerieben wurden. Die Ukrainer verloren dort ihre Elite und scheiterten in den Jahren 1917 bis 1919 an der Aufgabe, einen Staat zu bilden.

          Pilsudski war klug genug, sich nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten den Mittelmächten zu verweigern. Er lehnte einen Eid auf die Kaiserreiche ab und ließ sich internieren. In Polen heißt es, er habe diese Zeit in der Magdeburger Festung verbracht. Das klingt nach schweren Haftbedingungen. In Wirklichkeit aber agierte Berlin viel klüger: Zwar befand sich das Holzhaus, in dem Pilsudski untergebracht wurde, innerhalb der Festung, doch hatte er einen Burschen zur Verfügung, das Mittagessen kam von einem Restaurant (viel bedeutete das 1917/1918 allerdings nicht), und er bekam bald einen Gesprächspartner, einen künftigen Viersternegeneral: Als das Kaiserreich zusammengebrochen war, kam im Auftrag der neuen Reichsregierung Harry Graf Kessler (ein ehemaliger Verbindungsoffizier zu den Legionen) mit der Frage zu Pilsudski, ob dieser sich nicht nach Warschau bringen lassen wolle. Der Gefragte stimmte zu und übernahm in Warschau als sogenannter Provisorischer Staatschef die gesamte exekutive Gewalt. Er beraumte sofort allgemeine, gleiche und direkte Wahlen zum Parlament an und baute – ebenso wie Mannerheim in Finnland, allerdings mit Hunderttausenden von Wehrpflichtigen, die in den Streitkräften der Kaiserreiche gedient hatten – eine Armee auf.

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