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Vor hundert Jahren : Die Heimkehrer

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Das andere Reformmodell betraf Staaten, in denen die landbesitzenden Eliten ganz oder zu einem bedeutenden Teil zum herrschenden Volk gehörten. Nach den revolutionären Experimenten Béla Kuns (der jedoch kein Land an die Bauern verteilte, sondern nur private Latifundien durch staatliche Güter ersetzte) wurde in Ungarn nur ein geringer Prozentsatz der bedürftigen Landwirte von der Reform erfasst, ähnlich wie in Polen. Zu einer deutlichen regionalen Unterscheidung kam es in Rumänien. Der Staat parzellierte mit Begeisterung das Land der ungarischen Aristokraten in Siebenbürgen, die adligen Güter in der Walachei und der Moldau beließ er jedoch in der Regel ihren bisherigen rumänischen Eigentümern. Die Frustration der Bauern konnte eine so halbherzige Landreform nicht beschwichtigen, und der Hunger nach Land blieb in der ganzen Zwischenkriegszeit ein destablisierender Faktor.

Das Jahr 1918 ist der symbolische Beginn der Unabhängigkeit einer Reihe von Staaten im Osten Europas und eine wichtige Etappe in der Geschichte jener Völker, denen es damals nicht gelang. Weißrussland und vor allem die Ukraine erreichten bis zum Ende des Krieges verschiedene Stadien der Staatlichkeit und schufen Traditionen, auf die sich künftige Generationen berufen konnten. Obwohl es im polnisch-sowjetischen Friedensabkommen von 1921 zur faktischen Teilung beider Länder kam, kehrten sie nach 70 Jahren auf die Landkarte Europas zurück.

Der Streit darüber, wer der siegreichen Sache am besten gedient hat und wer im Falle des Scheiterns der nationalen Bestrebungen die größte Schuld auf sich geladen hat, dauerte lang. Jedenfalls scheint im hundertjährigen Rückblick die Debatte nicht besonders fruchtbringend zu sein, wer wichtiger war: die Diplomaten, die mit den Westmächten über die Grenzen der neuen Staaten verhandelten, oder die Politiker, die vor Ort das Gebälk der Staatlichkeit zimmerten und in den Kriegen mit den Nachbarn und einheimischen politischen Gegnern die Truppen führten. Die neuen staatlichen Strukturen mussten erst noch auf ein gesellschaftliches Fundament gesetzt werden.

Das schwankte noch einige Jahre nach dem Umbruchjahr 1918 beträchtlich. Ohne solche unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Mannerheim und Tomas Garrigue Masaryk, Pilsudski und Päts ist dieser Prozess der Stabilisierung schwer vorstellbar. Man nennt sie die Väter der neuen Staaten. Das ist richtig, aber – wenn man bei dieser patriarchalen Metaphorik bleiben will – sie waren Väter sehr kinderreicher und zerstrittener Familien.

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