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Vor hundert Jahren : Die Heimkehrer

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Während der ersten ungarischen Revolution, die die liberale Karoly-Regierung an die Macht brachte, hat die gegen die Demonstranten eingesetzte Polizei zunächst den Einsatz verweigert, weil sie eine bessere Verpflegung forderte. Anschließend gründete sie ihre eigene Gewerkschaft, um schließlich zusammen mit den Briefträgern und Telefonistinnen auf die Seite der Revolution überzugehen. Das war bei weitem nicht der originellste der damaligen Streiks. Im Januar 1919 haben die sozialistischen Gewerkschaften im Krankenhaus für psychisch Kranke in Tworki bei Warschau einen Protest organisiert, der darauf beruhte, die Verpflegung der Kranken zu unterbrechen. Die überraschte Staatsmacht war nicht in der Lage, die Forderungen der Streikenden sofort zu verwirklichen, und musste folglich zu außergewöhnlichen Mitteln greifen und Soldaten vorübergehend als Krankenpfleger einsetzen.

Die aus den Kriegsruinen entstehenden Staaten hatten weder die Kraft noch den Willen zu einem scharfen Konflikt. Daher wurden die Proteste nur selten mit Gewalt niedergeschlagen. Viel öfter gaben sie nach und erfüllten die Forderungen, die Versorgung zu verbessern und die Gehälter zu erhöhen. Auf längere Sicht führten diese Vogel-Strauß-Taktik und das Drucken von Banknoten ohne Deckung zu einer Hyperinflation. Erst nach einigen Jahren begann die Wirtschaft, sich zu stabilisieren, und die Stimmung unter den Arbeitern wurde ruhiger. Doch nicht für lange. Die Weltwirtschaftskrise kam nach kaum zehn Jahren Unabhängigkeit und hielt sich in Ostmitteleuropa länger als im Westen.

Mit dem Aufruhr der Arbeiter endet die Liste der Probleme nicht, vor denen die jungen Staaten Ostmitteleuropas standen. Der Großteil der Bevölkerung bestand aus Bauern, deren Verhältnis zu den neuen Machthabern nicht besser war als das der Arbeiter. Sie mussten gewonnen werden, um die Herrschaft dauerhaft zu sichern. Als einfachster und populärster Weg dazu erwies sich eine Landreform. Als Erste entschied sich die Ukraine schon im November 1917 dazu. Die ukrainische Linke war entschlossen, den Menschen mehr zu versprechen als die Bolschewiken, indem sie den Großgrundbesitzern das Land rücksichtslos abnahm. Dazu waren sie umso mehr bereit, als die Mehrheit der Gutsbesitzer in der Ukraine Russen und Polen waren.

Die Bauern reagierten auf die Wohltaten der Macht, indem sie mit gesteigerter Energie die herrschaftlichen Höfe und Wälder plünderten. Einige Wochen später drohte die Ukraine von der bolschewistischen Offensive überrollt zu werden. Nach dem Frieden von Brest übernahmen Deutsche und Österreicher de facto die Kontrolle über das Land. Die Reform wurde vergessen.

Die Angst vor dem Bolschewismus war der Antrieb für eine ganze Serie von Landwirtschaftsreformen in allen Staaten Ostmitteleuropas. Dieser Zusammenhang war am deutlichsten in Rumänien zu sehen, aber auch in Polen, wo das Parlament entsprechende Beschlüsse fasste, während sich die Rote Armee im Sommer 1920 Warschau näherte. Sobald die Gefahr nachgelassen hatte, sank die Bereitschaft Land zu vergeben. Schließlich folgte die Landwirtschaftspolitik einem ziemlich leicht erkennbaren Muster. Dort, wo der Großgrundbesitz in den Händen ethnischer Minderheiten verblieben war (etwa in der Ukraine), erreichte die Umverteilung des Landes ein großes Ausmaß. In Estland hat die Reform fast 97 Prozent des Großgrundbesitzes erfasst, etwa die Hälfte des Staatsgebietes; die lettische Reform erreichte ein ähnliches Maß. Verstaatlicht wurden auch die Wälder und die Viehherden. Die Kosten trugen die überwiegend deutschen Landbesitzer. Entschädigungen für sie waren nicht vorgesehen. In Litauen, wo das Ausmaß der Reform ähnlich war, waren vor allem Polen die Leidtragenden. In der Tschechoslowakei traf die Reform vor allem die deutschsprachigen Landbesitzer.

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