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Vor hundert Jahren : Die Heimkehrer

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Das war nicht leicht. Fast alle Länder der Region hatten von den einstürzenden Monarchien einen Konflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitern geerbt. Schon seit dem Sommer 1917 wurden viele Zentren der österreichisch-ungarischen Industrie, vor allem die Rüstungsfabriken in Böhmen, immer öfter von Streiks erschüttert. Anfang 1918 griff die Welle viel weiter aus. Gestreikt wurde in allen industriellen Zentren der Mittelmächte, und nicht nur dort. Den Protesten schlossen sich auch Arbeiter und Arbeitslose in den besetzten Gebieten an.

Die Staatsmacht, die noch 1917 aufrührerische Arbeiter einschüchterte, manchmal auf sie schoss und sie oft zur Strafe an die Front schickte, wurde nun deutlich milder. Statt auf die Arbeiter einzuschlagen, fing sie an, sie zu fürchten. Die Verhandlungen mit Sowjetrussland und der Ukraine in Brest wurden von endlosen Demonstrationen unter der Losung „Brot und Frieden“ begleitet. Graf Ottokar von Czernin, der österreichisch-ungarische Außenminister, hörte den Arbeitern mit solcher Einfühlsamkeit zu, dass seine Bereitschaft zur möglichst schnellen Unterzeichnung eines Brotfriedens die Verhandlungsposition der Mittelmächte schwächte. Mit seinem nervösen Verhalten gab der Minister zu, wie sehr die Monarchie von einer sofortigen Verbesserung der Lage der arbeitenden Bevölkerung abhängig war.

Die mitteleuropäischen Monarchien haben das Ende des Jahres 1918 nicht erlebt, aber der Machtwechsel hat die Arbeiter nicht beruhigt. Schlimmer noch: Die Arbeitskämpfe weiteten sich auf die Dörfer aus. Bis in die zwanziger Jahre wurde die Provinz in den baltischen Staaten, in Polen, Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien wieder und wieder von Landarbeiterstreiks erschüttert. Früher oder später hatte jeder einmal gestreikt. So haben zum Beispiel im Januar 1919 in Kielce die Bäcker die Arbeit niedergelegt, was in der Folge zur Empörung der hungernden Arbeiter führte. Im März entschieden sich in Krakau die Häftlinge im Montelupich-Gefängnis zum Protest. Im gleichen Monat streikten in Lodz für zwei Wochen die Wärter. Die Bergarbeiter im Dombrowaer Kohlebecken protestierten sowohl 1919 als auch 1920 viele Male. Rumänien wurde 1918 von Eisenbahnerstreiks gelähmt; etwa zur gleichen Zeit standen auch die Vorortzüge in Warschau und Lodz still. Mitte 1919, also zu der Zeit, in der die tschechoslowakische Armee in der Slowakei gegen die ungarischen Kommunisten kämpfte, streikten in Mährisch-Ostrau die Berg- und Stahlarbeiter. Einige Wochen später stand Ostrau wieder still, dieses Mal als Reaktion auf Gerüchte, die Westmächte hätten vor, das Teschener Land Polen zuzusprechen.

Ähnliche Motive standen hinter den Protesten der deutschen Eisenbahner in Kattowitz im Januar 1920. Im Dezember 1919 wurde die Ölförderung in Boryslaw lahmgelegt, eine Woche später traten die Setzer in Posen in den Ausstand. Im Februar schlossen sich ihnen die Drucker an, gleichzeitig legten die Straßenbahner in Lodz die Arbeit nieder. Staatsangestellte, sogar uniformierte und bewaffnete, nahmen zu dieser Verhandlungsmethode Zuflucht. Anfang 1920 verkündeten die tschechoslowakischen Legionäre Streikbereitschaft. Sie waren unzufrieden mit der angekündigten Entwaffnung und der teilweisen Eingliederung in die reguläre Armee des jungen Staates.

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