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Vor hundert Jahren : Die Heimkehrer

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Dabei war die Sorge vor einer bolschewistischen Revolution in Mitteleuropa nur eine von mehreren. Fast überall fehlte es an Lebensmitteln und medizinischer Grundversorgung. Aus Russland kehrten Millionen ehemalige Kriegsgefangene und Deportierte zurück, die nicht nur in Polen unter dem Generalverdacht standen, den Bolschewismus zu importieren, so wie Kun in Ungarn.

Rumänien und Serbien gehörten zu den Siegermächten. Letzteres hatte proportional zur Bevölkerungszahl die höchsten Verluste erlitten: Geschätzt mehr als ein Drittel der Männer im wehrfähigen Alter war gefallen oder an Krankheiten gestorben. Polen und die Tschechoslowakei, denen nun bei der Einzäunung Deutschlands im Osten und Südosten eine Schlüsselrolle zufiel, erhielten in den Pariser Verhandlungen den Status von assoziierten Mächten, obwohl sie am Großen Krieg als Staaten gar nicht teilgenommen hatten. Jedes dieser Länder stellte Gebietsansprüche an seine Nachbarn, nicht zuletzt an die angeblich Verbündeten. Das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker, das Lenin und der amerikanische Präsident Woodrow Wilson erfunden hatten, legten Polen, Rumänen, Serben und Tschechen (nicht anders als etwa Italiener) äußerst kreativ aus: Mal ging es um Wiedergutmachung und Anerkennung der Verdienste für den Sieg der Entente, mal um die Zusammenführung der Landsleute, die bisher in einem Nachbarland gewohnten hatten, mal um die Wiederherstellung historischer Grenzen.

All diese Forderungen prallten frontal zusammen mit der traditionellen Politik der Großmächte. Frankreich und Großbritannien sahen keinen Grund, den Minderheitenschutzvertrag zu unterzeichnen, den sie den Staaten des östlichen Europas in mehr oder minder ultimativer Form vorgelegt hatten. Es lag ihnen auch völlig fern, das Selbstbestimmungsrecht auf ihre Kolonien anzuwenden. Paris erkannte hingegen durchaus den Sinn einer solchen Neugestaltung Ostmittel- und Südosteuropas. Sie sollte aus diesem Teil des Kontinents einen Verbündeten – man könnte auch sagen: Klienten – Frankreichs machen.

London war an einer solchen Konstellation nur mäßig interessiert. Die Amerikaner, angeführt von einem wahrscheinlich bereits in Paris schwerkranken Präsidenten, versuchten mit viel gesundem Menschenverstand und noch mehr Expertenwissen, vernünftige Lösungen zu vermitteln. Herausgekommen sind Versailles und die Vorortverträge, über die nun die vierte Generation von Historikern und Publizisten debattiert. Niemand weiß, ob der Übergang von den Imperien zu den Nationalitätenstaaten, die sich durchgehend Nationalstaaten nannten, viel besser hätte gestaltet werden können.

Die Auseinandersetzung über diese Frage begann gewissermaßen am Tag nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages. Die Delegierten der neuen Staaten Ostmitteleuropas waren in der Regel bestrebt, sich selbst in ein solches Licht zu stellen, dass niemand daran zweifeln konnte, dass das Vaterland gerade ihnen seine Grenzen oder gar seine Existenz verdankt. Im Streit um die Deutung der Geschichte traten die Unterhändler in Konkurrenz zu den Männern wie Pilsudski, die mit militärischen und politischen Mitteln zu Hause versucht hatten, Fakten zu schaffen. Beide Anfänge der Unabhängigkeit: sowohl jener, die durch die Rückkehrer führender Politiker symbolisiert wurden, als auch jener etwas realistischere am Verhandlungstisch in einem der Pariser Vororte, haben erst mit der Zeit an Farbe und Bedeutung gewonnen. Die Konkurrenz zwischen diesen beiden Versionen der Geschichte, deren schillerndstes Beispiel vielleicht der Konflikt darüber ist, wer Polen wieder aus dem Grab erhoben hat, ist erst in den folgenden Jahrzehnten richtig in Fahrt gekommen. Damit man sich darüber jedoch überhaupt erst streiten konnte, musste man nicht nur die Institutionen des Staates schaffen und seine Grenzen festlegen, sondern auch die darin lebenden Menschen davon überzeugen, dass das ein wichtiges Unterfangen war. Mit anderen Worten: Eine Gesellschaft kann ganz gut ohne Staat klarkommen, ein Staat ohne Gesellschaft jedoch viel schlechter.

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