https://www.faz.net/-gpf-97imi

Vor hundert Jahren : Die Heimkehrer

  • -Aktualisiert am

Der vierte Rückkehrer war ein gewisser Konstantin Päts. Kein Name, der im europäischen Gedächtnis präsent wäre. Der Teilnehmer der Revolution im Zarenreich 1905 gehörte zu einem kleinen Kreis von estnischen Politikern, die im Februar 1918 nach dem Rückzug der Russen und vor dem Einmarsch der Deutschen eine unabhängige Republik Estland ausgerufen hatten. Den deutschen Besatzern ging das zu weit: Eine baltische Monarchie, mit einem deutschen Prinzen, Herzog oder Grafen wäre ja durchaus in ihrem Sinne gewesen, aber ein Bauernvolk, das sich emanzipiert – wo käme man da hin? Im Juni 1918 wurde Päts inhaftiert. Die Deutschen erwiesen sich aber auch in diesem Fall als klug genug, ihn schonend zu behandeln. Einige Tage nach dem Waffenstillstand in Compiègne im November 1918 entließen sie alle internierten Esten. Wie Mannerheim und Pilsudski wurde Päts zum Gründer eines Nationalstaates, der aus dem Nichts entstehen musste.

Der fünfte prominent gewordene Rückkehrer war anfangs ein Nobody. Béla Kun, als einfacher Soldat in die habsburgischen Streitkräfte eingezogen, hatte sich zum Unteroffizier hochgedient. In der russischen Kriegsgefangenschaft ließ er sich vom Bolschewismus anstecken. Als er im November 1918 in ein revolutionäres, zutiefst verunsichertes Budapest zurückkehrte, gründete er mit einer Handvoll Gleichgesinnter die Kommunistische Partei Ungarns. Kun begann sofort, gegen die liberale Regierung von Mihály Károlyi zu agieren. Diese ließ die Kommunisten verhaften, aber einige linke Sozialisten flirteten mit den Ehrenhäftlingen. Als die Entente am 20. März 1919 den Ungarn ein Ultimatum stellte, in dem sie weitere Gebietsabtretungen forderte, zerfiel die linke Übergangsregierung. Kun übernahm die Macht und griff die Tschechoslowakei an, um wenigstens das historische Oberungarn (nun hieß es Slowakei) zurückzuerobern. Prag wandte sich an die Entente um Hilfe, die rumänische Armee rückte auf Budapest vor und besetzte mühelos die ungarische Hauptstadt. Nach 133 Tagen war das Experiment Räterepublik beendet. Auf den Roten Terror folgte nun der – zahlenmäßig weitaus größere – Weiße Terror. Die Diktatur des Admirals Miklós Horthy, die ein Vierteljahrhundert dauern sollte, begann.

Die Kriege der Jahre 1918 und 1919 zwischen Weißen und Roten wiesen von Finnland über die baltischen Staaten bis Ungarn mehrere Gemeinsamkeiten auf. Überall verloren die Roten, überall wurden Zivilisten terrorisiert, kämpften Söldner und Freischärler unterschiedlicher Herkunft, oft gab es eine fremde Intervention. Überall wurden Kämpfe bald als Befreiungskriege bezeichnet und zu Gründungsmythen der neuen Staaten. Verglichen mit dem russischen Bürgerkrieg, handelte es sich bei allen tatsächlich um „Kriege der Pygmäen“, wie Winston Churchill sie später arrogant abtun sollte. Erst im polnisch-sowjetischen Krieg von 1920 sollten auf beiden Seiten Hunderttausende Soldaten beteiligt sein.

Und dennoch: Die Auseinandersetzungen im europäischen Osten hatten erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der neuen europäischen Landkarte, die man in Paris ab Januar 1919 zu zeichnen begonnen hatte. So wurden wegen des Bedrohungspotentials der ungarischen Räterepublik plötzlich Polen und Rumänien zu Pfeilern Ostmitteleuropas aufgewertet. Nur ihre Truppen konnten verhindern, dass zwischen der russischen und ungarischen Revolution eine Verbindung entstand. Die – so die Befürchtung der Pariser Unterhändler – würde auf das taumelnde Österreich ausstrahlen und das ohnehin labile Deutschland definitiv destabilisieren.

Weitere Themen

Wie Gropius einen Namen stahl

Bauhaus-Schule in Weimar : Wie Gropius einen Namen stahl

Hat Walter Gropius den Namen für sein „Bauhaus“ womöglich nur geklaut? Schon 1915 gründete der Architekt und Unternehmer Albert Gessner in Berlin eine „Bauhaus GmbH“ – vier Jahre vor Gropius’ berühmter Kunstschule in Weimar.

Topmeldungen

Durs Grünbein, 1989 vor dem Reichstag

Durs Grünbein im Gespräch : Ohne Mauer keine DDR

Ist Freiheit eine körperliche Erfahrung? Und was geschah im Oktober vor dreißig Jahren in der DDR? Eine Fragestunde mit Durs Grünbein.
Atemschutzmasken gehörten für viele Chinesen lange zum Alltag.

Weniger Schadstoffe : China macht ernst mit der sauberen Luft

Peking macht ernst mit der Luftreinhaltepolitik: Wenn es stimmt, was Forscher berichten, hat die Belastung mit Schadstoffen schon massiv abgenommen – und schneller als geplant.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.