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Weimarer Verhältnisse? (1) : Appell an die Vernunft

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Vor diesem Hintergrund wird der Rückgriff auf überschaubare Einheiten enorm attraktiv. Nationalismus und nationaler Protektionismus erscheinen als die einfachsten Instrumente, um der Überlastung vieler Menschen zu begegnen. Ähnlich wie nach 1918 werden sie zu kognitiven Rückversicherungen, um die Komplexität der realen Welt zu bewältigen. Pegida, Teile der AfD und wesensverwandte "fellow travellers" nehmen solche Strömungen auf. Und wenn sie ideologisch aufgeladen werden durch die Fiktion eines „wahren“ Volkes, dann ist die Brücke rasch geschlagen zu Verschwörungstheorien und zur propagandistischen Rede von „Volksverrätern“ oder „Lügenpresse“.

Diese Tendenz ist gefährlich. Und sie wird umso gefährlicher, je mehr sie das Wahlverhalten bestimmt und damit die bestehenden Parteiensysteme umformt. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war ja nur möglich, weil die liberalen und konservativen Pfeiler des deutschen Parteiensystems erodierten. Es kann daher durchaus Anlass zur Sorge geben, dass sich in Deutschland offenkundig eine neue Form des polarisierten Vielparteiensystems entwickelt, die das Regieren erkennbar erschwert. Der hieraus resultierende Zug zur Mitte beziehungsweise zur großen Koalition – auch das eine Parallele zur Weimarer Republik – widerspricht der parlamentarischen Logik des politischen Pendelschlags und geordneten Machtwechsels. An den Rändern des Machtblocks in der Mitte, der in sich niemals homogen sein kann, entstehen neue Formen der Opposition, die sich umso leichter antiparlamentarisch und antidemokratisch aufladen lassen.

Insofern machte man es sich zu leicht, konstatierte man allzu selbstzufrieden die gewachsene Stabilität der deutschen Nachkriegsdemokratie. Die Freiheit als die wichtigste Frucht der Demokratie ist ein viel zu kostbares Gut, als dass wir es uns leisten könnten, nicht ausreichend wachsam zu sein. Das Menetekel der Weimarer Republik besteht auch darin, dass sie vor Augen geführt hat, wie rasch und unerwartet die Freiheit verspielt werden kann. Angesichts der Verschiebungen des Sagbaren und der Volatilität der Wählerstimmen gilt es daher, heute besonders darauf zu achten, dass die Idee der Freiheit nicht wohlfeil wird und nicht "zum bourgeoisen Gerümpel" verkommt, wie Thomas Mann in seinem berühmten „Appell an die Vernunft“ formulierte. Damals, nach der Septemberwahl 1930, als die NSDAP mehr als 18 Prozent der Wählerstimmen erhalten hatte, diagnostizierte er: "Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung epileptische Ekstase, Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reiches oder einer proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz."

So weit sind wir heute nicht, aber so weit darf es auch nicht kommen. Insofern ist die politische Vernunft das probateste Mittel, um den Gefährdungen der Demokratie zu begegnen. Die politische Vernunft wird es auch verstehen, jene rückwärtsgewandten Kassandras zu demaskieren, die dazu aufrufen, aus der Geschichte gleichsam herauszuspringen und das geschichtlich Gewordene zu leugnen.

Ein solcher Begriff von politischer Vernunft bleibt bestimmt von einem offenen System des Diskurses und der Kritik. Nur wenn ein Minimum an intersubjektiver Kommunikation gewährleistet bleibt, sind vernünftige Lösungen möglich. Dies ist ein irreduzibel aufgeklärtes Verständnis von Vernunft, und tatsächlich besitzt ja die moderne Demokratie in Aufklärung und Liberalismus starke Wurzeln, auch wenn sie historisch nicht in ihnen aufgeht. Ohne ein Mindestmaß an politischer Vernunft jedenfalls - dies lehrt das Schicksal der Weimarer Republik - muss die Demokratie an sich selbst zugrundegehen.

Es gehört zu den Hoffnungsschimmern der Gegenwart, dass sich in dieser Hinsicht die Unterschiede zu Weimar deutlich herausstreichen lassen. Es gibt heute weitaus mehr Akteure, die in der parlamentarischen Demokratie die adäquateste Form der politischen Verfassung sehen. Insofern bleibt zu hoffen, dass ein Angriff populistischer Kräfte in Deutschland auf die Gemeinsamkeit der Demokraten und ihre geschlossene Front trifft.

Der Verfasser, Professor Dr. Andreas Wirsching, lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Direktor des Instituts für Zeitgeschichte.

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