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Weimarer Verhältnisse? (1) : Appell an die Vernunft

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Vor diesem Hintergrund bildeten extremer Nationalismus und der Angriff auf die vorgeblichen Feinde im eigenen Land eine ideologische Rückfallposition. Sie erlaubte es kleineren und größeren Demagogen, mittels klarer Freund-Feind-Propaganda eine völkisch-nationalistische Identität zu konstruieren und damit Erfolg zu haben. Die Eigengruppe bildete in ihrer Propaganda ein fiktives, in sich einiges und „wahres“ Volk, das sie dem verfassungsmäßigen Willensbildungsprozess der Weimarer Demokratie radikal entgegenstellte. Dem entsprach die hasserfüllte Abgrenzung vom „Fremden“. Dem Guten, Normalen und Gesunden, das sich im „wahren“ Volk verkörperte, standen das Böse, Abnorme und Kranke der erfahrbaren Welt feindlich entgegen. Die Komplexität der erfahrbaren Welt wurde mittels eines solchen Ideologiesystems reduziert und zugleich „erklärt“. Fakten wurden geleugnet oder durch „alternative Fakten“ ersetzt. Insofern war schon die Weimarer Republik mit Phänomenen eines „postfaktischen“ Zeitalters konfrontiert.

Adolf Hitler war hierfür das beste Beispiel. Allein die bloße Feststellung, die moderne politische und soziale Welt sei komplex, wies er 1931 als bösartige Propaganda der Demokraten zurück. Solcher künstlichen "Komplizierung" des öffentlichen Lebens, wie er es nannte, stellte Hitler die "natürlichen Lebensgesetze" und "den natürlichen Instinkt" des Volkes entgegen. Dem entsprachen die einfachen und zugleich verlogenen Antworten, die Hitler und die völkischen Nationalisten auf die brennenden Fragen der Zeit gaben. Die für viele unfassbare Niederlage im Ersten Weltkrieg erklärten sie durch die Behauptung von Verrat und "Dolchstoß". Demokratische Parteien waren aus ihrer Sicht nichts anderes als ein korrupter Haufen und der Parlamentarismus eine trügerische Fassade, um die Menschen zu täuschen und die Abgeordneten sich bereichern zu lassen. Die liberale Presse beschimpften sie wahlweise als "Asphaltpresse" oder "Judenpresse". Die Vertreter einer rationalen, auf allmähliche Verbesserung zielenden Außenpolitik wie Gustav Stresemann wurden als Landesverräter diffamiert, die eine Versklavung des deutschen Volkes durch die Siegermächte anstrebten. Die Wirtschaftskrise seit 1930 rechneten sie schließlich den „Systemparteien“ an, die einen Vernichtungsfeldzug gegen das eigene Volk führten.

Deutschlands Demokratie ist heute wesentlich robuster

Der Unterschied zu unserer heutigen Situation fällt unmittelbar ins Auge, und er ist gravierend. Die Bundesrepublik Deutschland verfügt über eine lang etablierte Tradition. Sie definiert sich nicht über machtstaatliche Ansprüche, weder nach innen noch nach außen, sondern ist geprägt von der verheerenden Erfahrung von Diktatur, Krieg und Verbrechen. Ihre nun schon fast siebzigjährige Geschichte kann durchaus als Fortschrittsgeschichte erzählt und ihre eigene Identität als pluralistische Demokratie als gefestigt bezeichnet werden. Auch das Territorium der früheren DDR gehört nun schon fast doppelt so viele Jahre zur Bundesrepublik, wie die Weimarer Republik überhaupt bestand. Ein Großteil der dortigen Bevölkerung wurde somit bereits in die bundesdeutsche Demokratie hineingeboren und identifiziert sich mit ihr.

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