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Weimarer Verhältnisse? (1) : Appell an die Vernunft

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Eine solche Reduzierung der politischen Diskussion auf Freund-Feind-Gegensätze ist eine ständige Versuchung in einer Welt, die zunehmend komplexer wird und von scheinbar anonymen Kräften beherrscht wird. Zuschnitt und Zuschreibungspotentiale solcher Wahrnehmungen der Moderne wandeln sich in konkreten Kontexten. Es kann sich um den Einfluss des Marktes ebenso wie des internationalen Mächtesystems handeln oder um soziale Kräfte wie Kapital und Arbeiterbewegung. Gemeinsam ist ihnen, dass sie als abstrakt und undurchschaubar erscheinen, in ihren Wirkungen aber durchaus konkret sind und Ängste erzeugen.

Es gibt in der Geschichte immer wieder Phasen und Konstellationen, in denen das Bedürfnis nach Schuldzuweisungen steigt, um das Abstrakte mit einfachen Schlagworten zu erklären und für konkrete Bedrängnisse auch konkrete Schuldige auszumachen. Wir kennen dies aus der Geschichte der Französischen Revolution, aber auch der europäischen Geschichte um 1900. Meist kommen mehrere Entwicklungen zusammen: Wenn nämlich erstens Identitäten (noch) nicht gesichert oder erst etabliert werden müssen; wenn zweitens bestehende Identitäten kultureller Veränderung ausgesetzt sind und damit traditionelle Gewissheiten wegbrechen; und wenn drittens zur Identitätsunsicherheit eine ökonomisch begründete soziale Statusunsicherheit hinzutritt.

In Deutschland war schon im Kaiserreich die durch Bikonfessionalismus, späte Nationbildung, tiefe soziale Gegensätze und weltpolitische Versuchungen geprägte Identität wenig gefestigt und fragil. Nach dem verlorenen Weltkrieg galt das erst recht, waren doch trotz der großen Opfer die prekären Gewissheiten der Vergangenheit - nationaler Machtstaat, emporstrebende Prosperität, internationale Geltung - mit einem Male geschwunden. Die Revolution von 1918/19 nahm den aristokratischen und bürgerlichen Eliten die Monarchie als Identifikationsmerkmal. Sie schien die Schleusen zu öffnen für die als bedrohlich empfundene Arbeiterbewegung, die wahlweise als „marxistisch“, „bolschewistisch“ oder „jüdisch“ gebrandmarkt wurde. Zugleich schien sie die Deutschen wehrlos gegenüber den Kriegsgegnern gemacht zu haben.

Mit der Realität hatte dies alles relativ wenig zu tun. Der Krieg war von einem Großteil der deutschen Eliten durchaus gewollt und gegen eine faktische Übermacht der Gegner verlorengegangen. Keinesfalls war er verloren, weil die Revolution ausbrach; vielmehr begann die Revolution, weil der Krieg verloren war. Mit der Niederlage sich nüchtern und konstruktiv auseinanderzusetzen stellte für den Großteil der national Denkenden daher eine Überforderung dar. Die Hohenzollernmonarchie aber zahlte mit ihrem Abgang die Rechnung für ihre eigene Reformunfähigkeit. Dagegen war die mehrheitssozialdemokratische Arbeiterbewegung reformistisch eingestellt, suchte die Revolution in rechtsstaatliche Bahnen zu lenken und erwies sich als Bollwerk gegen linksradikale Tendenzen. Mithin begann die Weimarer Republik ihre Geschichte mit tiefen Enttäuschungen und einer gewaltigen kognitiven Dissonanz. Für allzu viele Deutsche war die eigene Identität schwer beschädigt, eine neue, republikanisch-demokratische zu entwickeln kostete Zeit – Zeit, an der es aufgrund der lang anhaltenden ökonomischen Misere infolge von Inflation und Weltwirtschaftskrise mangelte.

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