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Weimarer Verhältnisse (4) : Gegen „das System“

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Alltag in den Dreißigerjahren: SA-Truppen im Berlin des Jahres 1932 Bild: INTERFOTO

Eine Demokratie muss nicht deswegen scheitern, weil sie Gegenwind bekommt. Sie scheitert nur dann, wenn sie keinen Rückenwind bekommt, etwa von Politikern und den Medien. Das zeigt das Beispiel der Weimarer Republik.

          Im Frühjahr 1932, die NSDAP war schon eine an der Wahlurne bedrohlich erfolgreiche Partei des rechtsradikalen Spektrums, ging ein geschichtsmächtiger Moment ungenutzt vorbei. SA-Leute unterhielten damals gemeinsam mit anderen Wehrverbänden und der Reichswehr einen illegalen, den Bedingungen des Versailler Vertrags widersprechenden Grenzschutz an der deutschen Ostgrenze. Ihnen hatte der NSDAP-Parteiführer Adolf Hitler den Befehl zukommen lassen, im Fall eines polnischen Einmarsches nicht gegen die Invasionstruppen zu kämpfen, sondern sich für ihren Führer Hitler zur Verfügung zu halten – mit anderen Worten, für den Kampf gegen die „Novemberverbrecher“.

          Die „Novemberverbrecher“, das waren nach Hitlers Ansicht Linke und Juden, die angeblich dem kämpfenden deutschen Heer 1918 in den Rücken gefallen waren und damit erst die deutsche Niederlage und dann die Republik herbeigeführt hätten. Diese Verratsthese nahm Hitler wörtlicher, als es andere Anhänger der „Dolchstoßthese“ zu tun pflegten. Er hielt echten nationalen Widerstand nach außen erst dann für möglich, nachdem die inneren Feinde beseitigt worden waren.

          Eine Polizeiaktion des preußischen Innenministers Carl Severing gegen NSDAP-Geschäftsstellen hatte diesen Befehl im März 1932 zutage gefördert, die politischen Akteure im Reichs- und in den Ländern waren über ihn informiert. In einer breiten Allianz von Befürwortern eines SA-Verbots vereinten sich die meisten Landesregierungen, darunter die sozialdemokratische Preußens wie die konservativ-katholische Bayerns. Dieser Allianz schlossen sich im April auch Reichswehr- und Reichsinnenminister Wilhelm Groener, Reichskanzler Heinrich Brüning und, allerdings nur vorübergehend, der am 10. April wiedergewählte Reichspräsident Paul von Hindenburg an. Am 13. April 1932 wurde die entsprechende Notverordnung unterzeichnet.

          Gute Nachricht: Die „Frankfurter Zeitung“ hielt das SA-Verbot für überfällig.

          Informellen Einflüssen aus Kreisen der Reichswehr und des konservativen politischen Milieus gelang es jedoch, Hindenburg dem Lager der Verbotsbefürworter wieder abspenstig zu machen. Der Reichspräsident ließ Groener und Brüning fallen. Die nächste Regierung unter Franz von Papen hob das Verbot der SA Mitte Juni auf. Der Weg war frei für diejenigen Personen und Kräfte, die auf eine Öffnung der Reichspolitik in Richtung der Nationalsozialisten und auf eine Regierungsbeteiligung Hitlers hinarbeiteten.

          So weit die Geschichte einer letzten Chance, die Reichsregierung durch ein (wie man heute sagen würde) Bündnis gegen rechts statt durch das Bündnis mit Rechtsradikalen zu legitimieren. Die Ereignisse werfen interessante Fragen auf: Gab es keine öffentliche Meinung, die der unveröffentlichten inoffiziellen Einflussnahme auf den Reichspräsidenten hätte entgegenwirken können? Die die hochverräterischen Absichten der NSDAP nach den preußischen Durchsuchungsaktionen und vor dem Wirksamwerden der Machinationen um Hindenburg herum publik und damit diese Partei für viele unwählbar und nicht koalitionsfähig gemacht hätte? Ja und nein, lautet die Antwort.

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