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100 Jahre Kriegsende : Pflicht und Schuldigkeit

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Die Geburt der deutschen Demokratie aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde zur schwersten Hypothek der Weimarer Republik. Den Feinden des Neuanfangs, die sich 1918/19 in die Defensive gedrängt sahen, fiel es leicht, die parlamentarische Demokratie als Staatsform der Sieger und damit als undeutsches System zu denunzieren. Die drei „Weimarer“ Verfassungsparteien SPD, Zentrum und Demokraten (DDP) verloren schon in der ersten Reichstagswahl vom Juni 1920 ihre parlamentarische Mehrheit. Seitdem waren Mehrheitsregierungen nur noch möglich, wenn sich Parteien daran beteiligten, die im August 1919 gegen die Reichsverfassung gestimmt hatten. Nach dem Scheitern der letzten Großen Koalition, die von der SPD bis zur rechtsliberalen Deutschen Volkspartei reichte, ging Deutschland im März 1930 zu einem halbautoritären Präsidialregime über, das mit Notverordnungen des Reichspräsidenten regierte.

Die Selbstausschaltung des Reichstags gab den antiparlamentarischen Parteien von rechts und links Auftrieb, den Nationalsozialisten freilich noch sehr viel mehr als den Kommunisten. Am besten verstand es Adolf Hitler, Nutzen aus der Staatskrise zu ziehen. Er wurde nach 1930 zum Hauptprofiteur der ungleichzeitigen Demokratisierung Deutschlands vor 1918: der frühen Einführung des allgemeinen Wahlrechts (1867 im Norddeutschen Bund, 1871 im Deutschen Reich) und der späten Parlamentarisierung (im Herbst 1918). Hitler appellierte auf der einen Seite mit Erfolg an die verbreiteten Ressentiments gegenüber der westlichen Demokratie, auf der anderen Seite an den seit Bismarcks Zeiten verbrieften, von den Präsidialkabinetten weithin um ihre Wirkung gebrachten politischen Teilhabeanspruch des Volkes.

Als er am 30. Januar 1933 zum Reichkanzler ernannt wurde, befand sich seine Partei allerdings im Niedergang: Bei der zweiten Reichstagswahl des Jahres 1932 hatte sie am 6. November mehr als zwei Millionen Stimmen verloren. Hitler kam an die Macht, weil die hochkonservativen Kräfte im Umfeld des greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ihn als Juniorpartner eines Regimewechsels in autoritärer Richtung engagieren wollten.

Die Katastrophe von 1933 war weder ein Betriebsunfall der deutschen Geschichte noch deren zwangsläufiges Resultat. Sie war vielmehr bis zuletzt vermeidbar. Es wäre deshalb auch falsch, die deutsche Revolution von 1918/19 pauschal für gescheitert zu erklären. Viele ihrer unmittelbaren und mittelbaren Ergebnisse haben bis heute Bestand: von der Republik über das Frauenwahlrecht bis hin zu sozialen Errungenschaften wie der im November 1918 zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften vereinbarten Tarifautonomie und der 1927 eingeführten Arbeitslosenversicherung.

Wenn das parlamentarische System von Weimar auch fraglos gescheitert ist, so bot es doch im Reich wie in den Ländern – und hier besonders eindrucksvoll in Preußen – den Deutschen die erste große Gelegenheit, die Demokratie zu erproben und später, nach 1948, konstruktive Folgerungen aus ihrem Untergang zu ziehen. Dass Bonn nicht Weimar wurde, verdankt es auch der Tatsache, dass es Weimar gegeben hat. Die Berliner Republik steht in einer Tradition, aus der der 9. November 1918 nicht wegzudenken ist.

Der Verfasser lehrte Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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