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100 Jahre Kriegsende : Pflicht und Schuldigkeit

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Dass die Volksbeauftragten den Putsch unterbinden mussten, verstand sich freilich nicht nur für sie von selbst. Wäre der Januaraufstand nicht niedergeschlagen worden, hätte die Wahl zur Verfassunggebenden Nationalversammlung nicht stattfinden können. Was die deutschen Gefolgsleute der Bolschewiki unternahmen, war ein Versuch, die Sprengung der russischen Konstituante durch die Anhänger Lenins ein Jahr zuvor noch zu übertrumpfen: Sie wollten verhindern, dass in Deutschland freie Wahlen zur verfassungsmäßigen Begründung der Deutschen Republik abgehalten wurden.

Scheidemann wird Reichsministerpräsident-und bildet die „Weimarer Koalition“

Aus der Wahl vom 19. Januar 1919 gingen die Mehrheitssozialdemokraten mit einem Stimmenanteil von 37,9 Prozent als Sieger hervor. Aber auch zusammen mit der USPD, auf die 7,6 Prozent entfielen, kam keine sozialistische Mehrheit zustande. Von den bürgerlichen Parteien schnitt die Deutsche Demokratische Partei (DDP), die Nachfolgerin der Fortschrittlichen Volkspartei, mit 18,5 Prozent am besten ab. Am 10. Februar wurde Friedrich Ebert zum vorläufigen Reichsministerpräsidenten gewählt. Tags darauf ernannte er Philipp Scheidemann zum Reichsministerpräsidenten. Dieser bildete eine Koalition aus den Mehrheitsparteien des letzten kaiserlichen Reichstags, also Mehrheitssozialdemokraten, Linksliberalen und Zentrum. Mit der Bildung der ersten, nach dem Tagungsort der Nationalversammlung sogenannten „Weimarer Koalition“ war die parlamentslose Übergangszeit beendet, die am 9. November 1918 mit dem Sturz der Monarchie begonnen hatte. Die deutsche Revolution aber war damit noch längst nicht zu Ende. Sie trat nur in ein neues Stadium ein.

Als „Konkursverwalter des alten Regimes“ bezeichnete Friedrich Ebert in seinem Rechenschaftsbericht in der ersten Sitzung der Nationalversammlung am 6. Februar 1919 die Volksbeauftragten, an deren Spitze er seit dem 9. November 1918 gestanden hatte. Minimalistischer hätte er sein Verständnis von der Rolle der Revolutionsregierung nicht beschreiben können. Den Führern der Mehrheitssozialdemokratie ging es vor allem um eine zügige Demobilmachung, um eine rasche Rückkehr von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft, um die frühstmögliche Wahl einer Konstituante, die der parlamentarischen Demokratie und der Republik zu einer unbezweifelbaren demokratischen Legitimation verhelfen sollte, um die Vermeidung von Chaos, Bürgerkrieg und einer alliierten Intervention, die Deutschland zum bloßen Objekt eines Siegerwillens gemacht hätte.

Demgegenüber trat zurück, was gemäßigte Unabhängige Sozialdemokraten wie Rudolf Hilferding zu Recht einforderten: eine Entmachtung von geschworenen Gegnern des neuen Staatswesens. Die Handlungsspielräume der Volksbeauftragten waren beschränkt, aber nicht so eng, wie Friedrich Ebert und seine politischen Freunde meinten: Sie hätten bei stärkerem Gestaltungswillen mehr verändern können und weniger bewahren müssen.

Von tiefer Einsicht aber zeugte Eberts Entschluss, mit der bürgerlichen Mitte zusammenzuarbeiten. Die Weimarer Republik wäre nicht zustande gekommen, hätten die Sozialdemokraten auf dem Vorkriegsstandpunkt der Zweiten Internationalen von 1900 beharrt, dass Koalitionen mit bürgerlichen Parteien ein „gefährliches Experiment“ und nur dann statthaft seien, „wenn es sich um einen vorübergehenden und ausnahmsweisen Notbehelf in einer Zwangslage“ handle. Die Revision dieser orthodox marxistischen, vom „Chefideologen“ Karl Kautsky formulierten Doktrin wurde durch die Gründung der USPD im Jahr 1917 erleichtert, ja letztlich wohl erst ermöglicht: Die Gegner der Kriegskredite waren zugleich die unbedingten Verfechter des Klassenkampfes in der SPD. Die Spaltung der Sozialdemokratie war mithin auf paradoxe Weise beides: eine schwere Vorbelastung der ersten deutschen Demokratie und zugleich eine ihrer Vorbedingungen.

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