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100 Jahre Kriegsende : Pflicht und Schuldigkeit

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Die klassischen Freiheitsrevolutionen des Westens, die englische des 17. Jahrhunderts, die amerikanische von 1776 und die französische von 1789, hatten alle vor der Industriellen Revolution in überwiegend von Landwirtschaft und Gewerbe geprägten Gesellschaften stattgefunden, die von den Dienstleistungen des Staates und der Kommunen weit weniger abhängig waren als moderne Industriegesellschaften. Die bislang radikalste aller Revolutionen, die „Oktoberrevolution“ der russischen Bolschewiki vom November 1917, war die Revolution eines, an westlichen Maßstäben gemessen, extrem rückständigen Landes. Eine Totalumwälzung wie im ehemaligen Zarenreich mochte einer Minderheit des deutschen Proletariats als Vorbild erscheinen. Auf die meisten Deutschen, einschließlich der Arbeiter, wirkte das, was in Russland geschah, abschreckend.

Die Sozialdemokraten wollten Demokratie - und keine Rätediktatur

Einen anderen fundamentalen Unterschied zwischen Deutschland und Russland hat der sozialdemokratische Marx-Kritiker Eduard Bernstein 1921 in seinem Buch „Die deutsche Revolution von 1918/19. Geschichte der Entstehung und ersten Arbeitsperiode der deutschen Republik“ herausgearbeitet: Deutschland war am Ende des Ersten Weltkriegs politisch sehr viel weiter fortgeschritten als Russland. Es kannte seit rund einem halben Jahrhundert das allgemeine gleiche Männerwahlrecht auf Reichsebene und viele Formen der politischen und sozialen Teilhabe. 1918 konnte es folglich nicht um eine Politik der „tabula rasa“ gehen, sondern nur um mehr Demokratie: um die Einführung des Frauenwahlrechts, die Demokratisierung des Wahlrechts in den Einzelstaaten, Kreisen und Gemeinden, und um die volle Parlamentarisierung des Regierungssystems. Die Sozialdemokraten, die entschiedensten Vorkämpfer einer Demokratisierung im Kaiserreich, hätten ihre Glaubwürdigkeit verloren, wären sie 1918 von dieser Linie abgewichen und zu der orthodox-marxistischen Parole vom unbedingten Klassenkampf zurückgekehrt. Aus ebendiesem Grund setzte die MSPD dem Ruf „Alle Macht den Räten“, der auf die Diktatur des Proletariats hinauslief, ein klares und festes Nein und ihr Bekenntnis zur baldigen Wahl einer Verfassunggebenden Nationalversammlung entgegen.

Die gemäßigten Politiker unter den Unabhängigen Sozialdemokraten, unter ihnen der Parteivorsitzende Hugo Haase und der führende Theoretiker Rudolf Hilferding, waren nicht prinzipiell anderer Meinung als die Mehrheitspartei. Sie wollten aber die Wahl einer Konstituante zunächst hinausschieben, um möglichen, ja wahrscheinlichen reaktionären und kapitalistischen Gegenangriffen zuvorzukommen, die erstrebte Demokratie also vorsorglich gesellschaftlich zu sichern. Auf dem Ersten Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte, der vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin tagte, zählten aber etwa 300 von 500 Delegierten zur MSPD und nur rund 100 zur USPD; die beiden Führer der Spartakusgruppe, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, hatten kein Mandat erhalten. Mit großer Mehrheit nahm die Versammlung den Antrag an, die Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 stattfinden zu lassen – also zu einem noch früheren Termin als den, auf den sich der Rat der Volksbeauftragten Ende November festgelegt hatte: den 16. Februar.

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