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100 Jahre Kriegsende : Pflicht und Schuldigkeit

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Gegen 11 Uhr vormittags erfuhr der Reichskanzler aus dem Großen Hauptquartier im belgischen Spa, dem Aufenthaltsort des Kaisers, dass Wilhelm II. sich zur Abdankung entschlossen habe: eine Nachricht, die Prinz Max, ohne die amtliche Bestätigung abzuwarten, an die Presse weitergab. Um 12 Uhr 35 erschien eine Delegation der MSPD mit Ebert an der Spitze bei ihm, um die Übergabe der Macht zu fordern. Obwohl er seine Forderung, vorher die Frage der Regentschaft zu klären, nicht durchsetzen konnte, übertrug Max von Baden gegen ein Uhr in Gegenwart aller Staatssekretäre (Minister gab es im Kaiserreich nicht) sein Amt als Reichskanzler dem Abgeordneten Ebert.

Um 14 Uhr, rund eine Stunde nach dem revolutionären Machtwechsel und zwei Stunden bevor Karl Liebknecht vom Portal des Berliner Schlosses aus die „freie sozialistische Republik Deutschland“ proklamierte, rief der andere Vorsitzende der SPD, Philipp Scheidemann, vom Balkon des Lesezimmers des Reichstags die Deutsche Republik aus. Er gab damit den Massen das Signal, auf das sie gewartet hatten: Scheidemann verkündete den Bruch mit dem Regime, das sie für die Entbehrungen der zurückliegenden Jahre und wenn nicht für den Krieg, so doch für seinen Verlauf und seine Dauer verantwortlich machten. Die MSPD verwandelte sich am 9. November 1918 nicht über Nacht von einer staatstragenden in eine Umsturzpartei. Sie nutzte vielmehr ein zeitweises Machtvakuum, um eine führungslose Revolution, die ohne ihr Zutun und gegen ihren Willen begonnen hatte, in die von ihr gewünschte demokratische Richtung zu lenken.

Am Abend des 9. November konstituierte sich unter Eberts Vorsitz die Revolutionsregierung, der paritätisch aus Mehrheits- und Unabhängigen Sozialdemokraten zusammengesetzte Rat der Volksbeauftragten. Zuvor hatte die Führung der USPD unter Hugo Haase das kategorische Nein der Mehrheitspartei zu Liebknechts Forderung nach Übertragung der gesamten exekutiven, legislativen und richterlichen Macht an die in den Tagen zuvor vielerorts entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte akzeptiert und ihren Widerstand gegen die baldige Wahl einer Konstituante aufgegeben. Die MSPD erklärte sich ihrerseits bereit, die politische Macht in die Hände einer Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte aus dem gesamten Reich zu legen, wobei sie (wie sich zeigen sollte, zu Recht) davon ausging, dass sie in dieser Versammlung über die Mehrheit verfügen würde. Was die von den Mehrheitssozialdemokraten dringend gewünschte Mitwirkung der bürgerlichen Parteien anging, verständigten sich MSPD und USPD auf diese Forderung in der Form, dass die den Volksbeauftragten zu- und nachgeordneten Fachminister von den bürgerlichen Mittelparteien benannt werden sollten.

Die deutsche Revolution von 1918/19 ist nicht als eine der großen demokratischen Revolutionen des Westens in die Geschichte eingegangen. Sie war geprägt von dem, was der Politikwissenschaftler Richard Löwenthal den „Anti-Chaos-Reflex“ genannt hat: eine für hochentwickelte, arbeitsteilige Industriegesellschaften typische Angst vor dem Zusammenbruch der alltäglichen öffentlichen Dienstleistungen und damit von Sicherheit und Ordnung schlechthin.

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