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Vor 70 Jahren : Eine schändliche Operation

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Bild: Picture-Alliance

Stalin wollte Rache - und Churchill wollte das Einvernehmen mit ihm nicht gefährden: Wie die britische Armee in den Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Zehntausende Kosaken, Kaukasier, Slowenen und Kroaten aus Österreich an die Sowjetunion und an Titos kommunistische Partisanen auslieferte. Die Geschichte einer Völkerwanderung, die im GULag und in jugoslawischen Massengräbern endete.

          Drei Wochen nach Kriegsende, am Abend des 27. Mai 1945, kam Major Rusty Davies ins Hauptquartier der Kosaken im Lienzer Hotel „Zum goldenen Fisch“ und erteilte eine Order. Alle Offiziere, sagte Davies, würden zu einer Konferenz mit dem britischen Feldmarschall Harold Alexander gebracht werden, dem Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte im Mittelmeerraum. Der 76 Jahre alte Kosakengeneral Pjotr Krasnow, ein guter Bekannter Alexanders aus der Zeit des gemeinsamen Kampfes gegen die Bolschewiken im russischen Bürgerkrieg, war erleichtert. Gerade erst hatte er ihn in einem Brief um eine Aussprache gebeten, und schon kam die Einladung. Krasnow hoffte, dass Großbritannien die Kosaken als Staatenlose anerkennen und ihnen Asyl gewähren würde.

          Lienz war der vorläufige Endpunkt einer Völkerwanderung, die fast 3000 Kilometer weiter östlich begonnen hatte. Als die Deutschen die Sowjetunion überfielen, hatten sich die Kosaken in ihren Siedlungsgebieten an Don, Kuban und Terek gegen das sowjetische Regime erhoben. Ihre Hoffnung, in ihrer Heimat an der Seite der Deutschen gegen Stalin zu kämpfen, scheiterte jedoch an Hitler: Sein Plan, ganz Russland der deutschen Herrschaft zu unterwerfen, ließ sich mit ihrem Wunsch nach Selbstverwaltung nicht vereinbaren. Nach der Wende von Stalingrad folgte der „Kasatschij Stan“, wie die Kosaken ihren Verband nannten, dem Rückzug der Deutschen. Im Sommer 1944 schickte Himmler die Kosakenkavallerie zur Partisanenbekämpfung unter dem Kommando der Wehrmacht auf den Balkan. Den kosakischen Familien und ihren Begleittruppen, denen sich nach und nach Georgier, Kalmücken, Inguschen, und emigrierte Russen anschlossen, wiesen die Deutschen die karnische Alpenregion (Carnia) in der Provinz Udine als „neue Heimat“ zu. Um dem Terror der Partisanen nach der deutschen Teilkapitulation in Italien am 2. Mai 1945 zu entkommen, zog der etwa 25 000 Personen umfassende „Kasatschij Stan“ mit Pferden, Vieh und Wägen in einem Gewaltmarsch über den steilen, frisch verschneiten Plöckenpass nach Osttirol, wo er noch vor den britischen Truppen eintraf.

          Pjotr Krasnow war überzeugt, dass der deutschen Niederlage ein Krieg der Westmächte gegen die Sowjetunion folgen würde. Der General, der seit dem Ende des russischen Bürgerkriegs in Deutschland im Exil war, hatte in der Leibgarde des Zaren gedient und war eine der führenden Persönlichkeiten der russischen Gegenrevolution gewesen. Unter den Kosaken genoss er höchstes Ansehen. Obwohl die Briten bereits die Pferde, die Feldkasse und die Waffen der Kosaken beschlagnahmt hatten - angeblich, um sie gegen moderne auszutauschen -, hofften sie noch, bald unter ihrer Führung gegen die Sowjetunion kämpfen zu dürfen. Von Feldmarschall Alexander erwarteten sie sich Aufklärung über ihren Status. Arglos bestiegen die 2000 Kosakenoffiziere am 28. Mai 1945 die 60 Lastwagen, die sie zu der Begegnung bringen sollten. Viele waren in Paradeuniform erschienen und hatten ihre Orden angelegt. Die Briten hatten ihnen versichert, noch am selben Abend würden sie wieder bei ihren Familien sein.

          Wenige Kilometer nach Lienz hielt die Kolonne an. Schwerbewaffnete Soldaten stiegen zu, Panzerwagen stießen zum Geleit. Die ersten Offiziere witterten den Verrat, sprangen aus dem fahrenden Konvoy und flüchteten in die Berge. Alle anderen wurden in einem Gefangenenlager in Spittal an der Drau interniert. Am nächsten Tag brachten die Briten die Offiziere in das 200 Kilometer östlich gelegene steirische Judenburg. Noch in Spittal gab es die ersten Selbstmorde, weitere registrierten die Wachen auf dem Weg nach Judenburg. Auf einer Brücke über die Mur übergaben sie schließlich 1683 Offiziere dem sowjetischen NKWD. Als Nächstes wurden 3161 kaukasische Männer, Frauen und Kinder, die sich den Kosaken angeschlossen hatten und in Oberdrauburg lagerten, über Judenburg in die Sowjetunion abgeschoben.

          Drei Tage später machten sich die Briten an die Auflösung des Hauptlagers der Kosaken in Lienz. Auf diese „extrem schwierige Aufgabe“ bereitete Brigadegeneral Geoffrey Musson seine Bataillonskommandeure persönlich vor. Da so viele Frauen und Kinder abzuschieben seien, warnte Musson, könnten die Soldaten weich werden. Man müsse sie daran erinnern, dass die Kosaken an deutscher Seite gekämpft und Kriegsverbrechen begangen hätten. Nun erhielten sie die Chance, „anständige Sowjetbürger“ zu werden.

          Im Lager wurde die Nachricht von der Auslieferung mit Entsetzen aufgenommen. Einige tausend Kosaken versammelten sich in den frühen Morgenstunden des 1. Junis, rückten eng aneinander und beteten und sangen mit den Popen. Als Mussons Soldaten anrückten, schlossen die Männer mit unterhakten Armen einen Ring um die Alten, die Frauen und die Kinder. „Better death here than our sending into the SSR“, stand in improvisiertem Englisch auf einem der Schilder, die sie hoch hielten. Die Truppe hatte den Befehl, passiven Widerstand mit allen Mitteln zu brechen. „Die Soldaten versuchten verzweifelt, die Männer zu zerstreuen“, berichtete Major Davies, „sie schlugen mit Spatenstielen und Gewehrkolben auf Arme und Beine, um ihren Zusammenhalt zu lockern.“ Augenzeugen zufolge hatten manche Soldaten Tränen in den Augen, als sie die Kosaken mit Gewalt auf die Lastwagen hievten. Dann wurden die ersten Repatrianten in vergitterte Viehwaggons gesperrt. Wer konnte, versuchte der Festnahme zu entgehen. Mütter sprangen mit ihren Kindern in die reißende Drau und ertranken, Männer erschossen sich selbst oder flüchteten im Kugelhagel in die Wälder. Bis heute lässt sich nicht feststellen, wie viele Menschen getötet wurden, es könnten Hunderte gewesen sein. Da das Lager nicht eingezäunt war, konnten etwa 4000 Kosaken auf die Berge flüchten. Laut einer offiziellen Bilanz lieferten die britischen Streitkräfte innerhalb eines Monats aus Osttirol 14 121 Männer, Frauen und Kinder an die Sowjets aus. Dazu kamen 238 Kranke und Verletzte, die mit der Ambulanz nach Judenburg gebracht werden mussten, sowie 934 Kosaken, die von den britischen Patrouillen auf der Flucht gestellt wurden. Die geräumten Baracken und Zelte wurden von der lokalen Bevölkerung geplündert. Auf Osttiroler Dachböden lagert heute noch so manches, was den Kosaken gehörte. Vieh und Pferde verteilten die Briten unter den Bauern.

          Die Spuren der Kosaken haben sich tief in den Osttiroler Talboden eingegraben. Harald Stadler, Vorstand des Instituts für Archäologie der Universität Innsbruck und Leiter des Fachbereichs Neuzeitarchäologie, förderte neben Kochgeschirr und häuslichen Gerätschaften zahlreiche Schmuck- und Paradewaffen zutage, Münzen und religiöse Medaillons, Tagebücher und Dokumente. Zwischen diesen Funden und den Relikten halbnomadischer Verbände aus der Zeit der Völkerwanderung, sagt Stadler, gebe es zahlreiche Analogien.

          Da die Briten aus Osttirol auch Frauen und Kinder an Stalin auslieferten, ist Lienz ein kosakischer Erinnerungsort der besonderen Art. Weil hier Verbündete der Deutschen so eindeutig Opfer und Alliierte so eindeutig Täter waren, zieht er auch erinnerungspolitische Trittbrettfahrer von der extremen Rechten an. Es gibt dort einen „Pannwitz-Stein“ zum Gedenken an das 15. Kosaken-Kavallerie-Korps unter General Helmuth von Pannwitz, das auf dem Balkan an Kriegsverbrechen beteiligt war. Das Korps hatte sich nicht in Lienz ergeben, sondern 150 Kilometer weiter östlich im Kärntner Unterland. Auch General von Pannwitz wurde von den Briten betrogen. Statt seine Truppen wie versprochen nach Italien zu bringen, lieferten sie sie in Judenburg dem NKWD aus. Von Pannwitz, Krasnow und weitere Kosakengeneräle wurden am 16. Januar 1947 in Moskau gehängt.

          Ihren Dimensionen nach überragt die Zwangsrepatriierung von sechs Millionen sowjetischen Bürgern alle anderen Rückführungen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ihren Höhepunkt erreichte sie von Mai bis September 1945, als Amerikaner und Briten mehr als zwei Millionen Gefangene und Zivilisten den Sowjets übergaben, darunter auch Tausende Russen, die nie sowjetische Bürger waren. In keinem anderen von Deutschland angegriffenen Land hatten sich während des Krieges so viele Soldaten und Zivilisten den Besatzern angeschlossen wie in der Sowjetunion. Das lag nicht zuletzt am berüchtigten Befehl Nr. 270 vom 18. August 1941, der jeden Rotarmisten, der in deutsche Gefangenschaft geriet, zum „Hochverräter“ stempelte und mit dem Tode bedrohte. Wie in NS-Deutschland gab es in der Sowjetunion Sippenhaftung. Schiere Angst dürfte die meisten der 800 000 bis 1,5 Millionen Soldaten der Roten Armee motiviert haben, die zu den Deutschen überliefen. Die Repatriierung gab Stalin die Möglichkeit zur Rache, und er war nicht bereit, darauf zu verzichten.

          Schon im Oktober 1944 hatte der britische Außenminister Anthony Eden in Moskau der raschen Übergabe „aller sowjetischer Staatsbürger, ohne Rücksicht auf deren Wünsche“ zugestimmt. Großbritannien, sagte Eden, könne sich Sentimentalität nicht leisten. Wenige Tage später brachen die ersten Schiffe mit mehr als 10 000 sowjetischen Gefangenen, unter ihnen Frauen und Kinder, von Liverpool nach Murmansk auf. Im Dezember 1944 begannen auch die Amerikaner mit den Auslieferungen. Am 11. Februar 1945 beschlossen die „Großen Drei“, Churchill, Roosevelt und Stalin, in Jalta ein Rückführungsabkommen, das sich auf „alle sowjetischen Staatsbürger“ erstreckte. Ausgenommen waren nur Polen, Litauer, Letten und Esten aus den Gebieten, die die Sowjetunion 1940 annektiert hatte. Das Abkommen unterschied nicht zwischen Soldaten und Zivilisten. Stalin verfügte über Mittel, seine Verbündeten zu erpressen: Bei Kriegsende hielten sich Tausende britische und amerikanische Soldaten in sowjetisch besetzten Gebieten auf. Besonders gefährdet waren Amerikaner mit osteuropäischen Wurzeln. Einige davon ließ Stalin exemplarisch exekutieren.

          In Großbritannien und in den Vereinigten Staaten gab es kaum Widerstand gegen die Zwangsrepatriierungen. Der britische „Economist“ fand in seiner Ausgabe vom 6. September 1945 nichts daran auszusetzen, dass „ die Russen ohne Rücksicht auf ihre persönlichen Ansichten nach Hause geschickt“ werden. Die Sowjets, lobte die „New York Times“ am 23. Oktober 1945, „helfen den ehemaligen Häftlingen, Arbeit zu finden“. Kein Wort vom GULag in diesem Artikel. Britische und amerikanische Politiker und Diplomaten waren jedoch gut genug informiert, um keine Illusionen über das Schicksal der Ausgelieferten zu hegen. Der amerikanische Kriegsminister Henry L. Simson warnte, die Vereinigten Staaten würden sich an einem „big killing by the Russians“ mitschuldig machen. Es sei sehr wahrscheinlich, „dass die Russen sie exekutieren, wenn sie ihrer habhaft werden“, schrieb er in sein Tagebuch, „zudem verstößt es gegen die Regeln des Genfer Protokolls über die Behandlung der Kriegsgefangenen“. Angesichts der Geiselhaft westalliierter Soldaten in sowjetisch besetzten Gebieten wurden solche Bedenken beiseite geschoben.

          Doch weder Diplomaten noch Militärs waren auf den erbitterten Widerstand vorbereitet, auf den sie bei der Durchführung des Abkommens von Jalta bei russischen Soldaten und Zivilisten stoßen würden. „Wir gingen zu den Bauernhöfen, um die Russen einzusammeln, wo sie gearbeitet hatten - zumeist alte Männer und Frauen“, berichtete der britische Leutnant Michael Bayley. „Wir waren überrascht und ziemlich ratlos, als diese Menschen, die auf deutschen Höfen buchstäblich als Sklaven gearbeitet hatten, vor uns auf die Knie fielen und bettelten, bleiben zu dürfen.“ Schon 1941 wurden in der Sowjetunion sogenannte „Filtrationsstellen“ eingerichtet, um „Hochverräter, Spione und Deserteure“ unter den sowjetischen Bürgern aufzuspüren, die von den Deutschen gefangengenommen oder verschleppt worden waren. Am 9. Mai 1945, wenige Stunden nach dem offiziellen Kriegsende, legte NKWD-Chef Lawrentij Berija Stalin eine Liste von 100 zusätzlichen Arbeitslagern für sowjetische Repatrianten vor.

          Die britischen und amerikanischen Offiziere standen vor dem Dilemma, eine Vereinbarung der Alliierten ausführen zu müssen, die dem Kriegsrecht widersprach. Nicht alle taten das. General George S. Patton, Kriegsheld und Kommandant der 3. US-Armee, setzte 5000 sowjetische Kriegsgefangene auf freien Fuß. Keiner wagte es, ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen. Der britische Feldmarschall Harold Alexander war entsetzt über die Gewaltorgie bei der Deportation der Kosaken und versuchte vergeblich, das Foreign Office für eine Kursänderung zu gewinnen. Die Moral der Truppe erodierte. Offiziere und Mannschaften begannen, erteilte Befehle zu sabotieren, für deren Ausführung sie sich schämten.

          In Kärnten und Osttirol fand das 25 000 Mann starke 5. Korps der 8. Britischen Armee, das aus Italien kommend am 7. Mai in Österreich eintraf, eine besonders schwierige Situation vor. Über Slowenien, Friaul und die Bergpässe zogen in mehr als zwanzig Kilometer langen Kolonnen deutsche Soldaten aus Italien und dem Balkan sowie bewaffnete antikommunistische Formationen und Zivilisten unterschiedlicher Nationalität, die dem Terror der kommunistischen Partisanen zu entkommen versuchten. Die Briten registrierten 200 000 Kroaten und Bosniaken, 13 000 Slowenen, einige tausend serbische und montenegrinische Antikommunisten. Dazu kamen 45 000 Kosaken, 10 000 Ukrainer der ehemaligen Waffen-SS-Division „Galizien“ und das vorwiegend aus Emigranten bestehende Russische Schutzkorps aus Serbien (4500 Mann). Weder über die Zahl der Flüchtlinge, denen es gelang, die Alpenpässe nach Kärnten zu überqueren, noch über die Zahl derer, die von den Partisanen in Slowenien abgefangen und sofort liquidiert wurden, gibt es zuverlässige Angaben.

          Das britische 5. Korps war kampferprobt, aber seine Offiziere waren nicht darauf gefasst, dass die Partisanen ihre Gegner im jugoslawischen Bürgerkrieg bis auf die Kärntner Talböden und Bergwiesen verfolgen und im gemischtsprachigen Süden des Landes revolutionäre „Volksbefreiungskomitees“ einsetzen würden. Zwar hatte die britische Armee den Auftrag, Osttirol, Kärnten und die Steiermark in den österreichischen Grenzen von 1937 zu besetzen, aber die Rote Armee hatte von Wien aus vorrückend bereits die Steiermark besetzt; die ihr untergeordneten bulgarischen Truppen hatten den Südosten Kärntens erreicht.

          Tito weigerte sich, den Beschluss der Alliierten vom Oktober 1943 anzuerkennen, der die Wiederherstellung Österreichs in den Grenzen von 1937 vorsah, und forderte den Anschluss ganz Kärntens an ein „Groß-Jugoslawien“. Seine Partisanen zogen in Klagenfurt ein, um der Forderung Nachdruck zu verleihen. Plötzlich waren aus Verbündeten Gegner in einem Kalten Krieg geworden, der in einen heißen Krieg umzuschlagen drohte. In Kärnten sah es so aus, als wiederhole sich ein Szenario, das im Nordwesten Italiens - in Julisch-Venetien - eine bewaffnete Konfrontation zwischen den Briten und der jugoslawischen Armee befürchten ließ. Als die alliierten Truppen am 2. Mai in Triest eintrafen, war die Stadt bereits in der Hand der Partisanen. In den vierzig Tagen bis zu ihrem erzwungenen Rückzug liquidierten sie 3000 tatsächliche oder potentielle Gegner und verschleppten 1700. „Wenn wir Tito in Triest gewähren lassen, wird er Anspruch auf Südösterreich erheben, wo seine Truppen vormarschieren, und es würde den Kommunisten in den makedonischen Provinzen Griechenlands helfen, gegen Athen zu rebellieren“, warnte der britische Botschafter in Belgrad, Ralph Stevenson. Im Mai 1945 bedauerte Churchill, im jugoslawischen Bürgerkrieg die falsche Seite unterstützt zu haben.

          Harold Macmillan, der ständige Vertreter der britischen Regierung bei den Streitkräften in Caserta und spätere britische Premier (1957 bis 1963), besprach die Lage am 13. Mai in Klagenfurt mit Generalleutnant Charles Keightley, dem Kommandanten des 5. Korps. Gerade war das XV. Kosaken-Kavallerie-Korps eingetroffen, und die Zahl der geflüchteten Slowenen und Kroaten nahm immer noch zu. Stalin drängte auf die Repatriierung der Kosaken, Tito auf die der Jugoslawen. In Klagenfurt war man sich darin einig, die Kosaken so rasch wie möglich auszuliefern, die - so Keightley - „sichtlich ein Stein des Anstoßes zwischen uns und den Sowjets sind“. Am 16. Mai wandte sich die britische Militärmission in Belgrad dann an Tito: „Der Kommandant der alliierten Truppen in Österreich berichtet, dass annähernd 200 000 jugoslawische Staatsbürger, die in den deutschen Streitkräften gedient haben, sich ihm ergeben hätten. Wir würden diese gerne unverzüglich an Marschall Titos Streitkräfte übergeben.“

          Die Briten wollten Stalin und Tito beschwichtigen, um einen militärischen Konflikt zu vermeiden. Falls es doch dazu kommen sollte, wollten sie ihren Truppen in der Kampfzone freie Hand geben. Sie betrachteten die Flüchtlinge aber auch als ein Pfand, das in Verhandlungen eingesetzt werden konnte, um den Abzug der Partisanen zu erreichen. Der Kärntner Historiker Florian Thomas Rulitz zitiert in seiner Untersuchung „Die Tragödie von Bleiburg und Viktring. Partisanengewalt am Beispiel der antikommunistischen Flüchtlinge im Mai 1945“ (Klagenfurt 2013) aus dem Kriegstagebuch des 5. Korps vom 19. Mai eine Vereinbarung, die die Räumung Kärntens durch die jugoslawische Armee bis 21. Mai vorsah. Darin verpflichteten sich die Briten, alle jugoslawischen Staatsbürger, die „für Deutschland gekämpft“ hatten, samt ihren Angehörigen an Jugoslawien auszuliefern. Aus der Sicht der Briten war das ein vertretbarer Kompromiss. Den tatsächlichen Grund für den jugoslawischen Rückzug kannten sie nicht: Stalin lag nichts daran, sich von Tito wegen einer Gegend, die für ihn zweitrangig war, in eine Konfrontation mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien treiben zu lassen und die Potsdamer Konferenz zu gefährden. In der „unverbrüchlichen Freundschaft“ zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien war dies der erste tiefe Riss. Stalins Misstrauen gegenüber Titos Alleingängen führte drei Jahre später zum Bruch zwischen Moskau und Belgrad.

          Die Grenze zwischen militärischer Ordnung und blankem Terror verlief in Unterkärnten entlang der Drau. Im Norden stand die britische, im Süden die jugoslawische Armee. Es war ein harter, schneereicher Winter gewesen, und der Fluss führte Hochwasser. Die Brücken waren besetzt. Auf dem Bleiburger Feld, durch das die jugoslawisch-österreichische Grenze verläuft, waren kroatische Soldaten und Zivilflüchtlinge von der jugoslawischen Armee eingekreist worden. Die Briten drohten den Kroaten mit Waffengewalt, sollten sie sich ihren Stellungen nähern. Mit dieser Abweisung nahm die Tragödie ihren Lauf. Als sich die Kroaten weigerten, vor den Partisanen die Waffen zu strecken, eröffneten diese das Feuer. Der Beschuss dauerte etwa eine Viertelstunde.

          Der Kroate Tito setzte serbische Partisanen ein, von denen er sicher sein konnte, dass sie die Kroaten hassten. In Todesmärschen trieben die Partisanen die Gefangenen entlang der Drau nach Marburg (Maribor). Der Exil-Kroate John Prcela sammelte die Aussagen von Augenzeugen (Operation Slaughterhouse, Chicago 1961). Einer berichtete: „Die Roten begannen, Menschen zu töten, wann immer es ihnen in den Sinn kam. Anfangs holten sie einzelne Personen aus der Kolonne und töteten sie im Gebüsch. Später schossen sie direkt und vollkommen wahllos in die Kolonne.“ In Slowenien wurden bisher 600 Massengräber entdeckt, in denen Zehntausende Opfer verscharrt worden sind. Weitere 900 Massengräber werden in Kroatien vermutet. Im Mai und Juni 1945 ließ Tito jugoslawische Staatsbürger in einem Ausmaß liquidieren, das den unterschiedlichen Schätzungen nach in etwa der Bevölkerungszahl einer jener mittelgroßen Städte entsprochen haben könnte, die das kulturelle Antlitz der Region zwischen Alpen und Adria prägten: Klagenfurt und Graz, Zagreb und Laibach, Görz und Triest.

          Nach den Kroaten wurden die slowenischen Domobranzen und die serbischen und montenegrinischen Antikommunisten aus dem Lager Viktring bei Klagenfurt ausgeliefert. In einem Interview mit Rulitz sagte der Slowene Tine Velikonja, die Briten hätten ihnen versprochen, sie nach Italien zu bringen, „ins italienische Friaul, nach Palmanova“. Die ersten Deportierten hätten sich noch singend auf die britischen Militärlastwagen verladen lassen. Am Bahnhof Rosenbach, auf österreichischem Gebiet, wurden sie von Partisanen übernommen und in Waggons gepfercht. Als Ende Mai auch noch die slowenischen Zivilisten deportiert werden sollten, widersetzte sich der kanadische Major Paul Barre, der das Zivillager in Viktring leitete - und er hatte Erfolg. Mit Tränen in den Augen verabschiedete er sich am 18. Juni von den letzten Slowenen, die das Lager verließen und keine Angst mehr haben mussten, an die Partisanen ausgeliefert zu werden.

          Viele Briten, die an den Zwangsrepatriierungen beteiligt waren, plagte die Erinnerung daran ihr Leben lang. Unter ihnen Captain Nicolson, der 1945 als Nachrichtenoffizier in Klagenfurt Dienst tat. Die Deportationen seien „im Wissen um ihre wahrscheinlichen Konsequenzen“ begangen worden, um „Stalin und Tito zu beschwichtigen“, schrieb Nicolson am 22. April 1989 im britischen „Independent“: „Es war eine der schändlichsten Operationen, die britischen Soldaten jemals befohlen wurden.“

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